Nur noch ein paar Tage. Dann lodert das Feuer in Pyeongchang, für die Eröffnung der 23. Olympischen Winterspiele. Schnee und Eis, daran müssen sich die Aarauer Weltenbummler Guido Huwiler und Rita Rüttimann Huwiler erst noch gewöhnen. Aber in drei Wochen werden sie am Pistenrand stehen, irgendwo in der südkoreanischen Pampa. Das ist versprochen.
Guidos Sohn Mischa Gasser hat vor ein paar Tagen die Qualifikation für die Olympischen Spiele geschafft.

Mit einem Sprung, der einem den Atem stocken lässt. Mischa startet in der Ski-Freestyle-Kategorie Aerials, das sind die wilden Kerle, die über eine Schanze springen und durch die Luft wirbeln. «Ich freue mich total für ihn, dass er dieses Ziel erreicht hat», sagt Guido Huwiler. Für ihn ist es Ehrensache, vor allem auch Würdigung und persönliche Freude, bei den Wettkämpfen am Pistenrand zu stehen. Noch haben sie keine Tickets, die Preise auf Onlineplattformen sind unverschämt hoch. «Aber irgendwie kommen wir schon rein», sagt Rita.

Wie im Paradies

Noch sind die Winterspiele weit weg. Nicht nur in Gedanken, sondern auch räumlich. Gerade sitzen die beiden mitten in Thailand im Garten eines Guesthouses, im Hintergrund hört man Leute lachen und das Heulen der Tuk-Tuk-Motoren. Es ist heiss und trocken, an jeder Ecke wuchert Grünes, in der Luft hängt der Geruch nach Essen.

Was für ein Unterschied zu den anstrengenden Monaten im kargen Pamir-Gebirge, den staubigen Kilometern durch Kirgistan und Kasachstan, dem eintönigen Essen. «Thailand ist wie das Paradies», sagt Rita Rüttimann. Hier lassen sie es ruhig angehen, hier lassen sie es plätschern und erholen sich von all den Eindrücken der letzten Monate.

Beim ersten Aufenthalt hier Ende Oktober, kurz nach der Regenzeit, habe alles geblüht und nach Reis gerochen. Jetzt, nach Abstechern nach Laos und Kambodscha, sei es zwar trockener. «Aber ich bin noch immer total fasziniert», sagt Rita. «Von der Natur, von den Farben, von den Tempelanlagen, aber auch von der Fröhlichkeit und der Hilfsbereitschaft der Menschen. Dies ist wirklich das Land des Lächelns.»

Mit Bart nach China

Die Olympischen Spiele, sie waren das grosse Ziel beim Aufbruch vor einem Jahr. Damals, als sie ihre geregelten Leben als Berufsberaterin und Immobilien-Projektentwickler gegen das grosse Abenteuer eintauschten, das Haus in der Aarauer Telli verkauften und mit ihren Velos aufbrachen.

Knapp 17 000 Kilometer sind sie seither pedalt, haben sich in der Türkei mit gefrusteten Erdogan-Gegnern betrunken, sind in Georgien vor bissigen Hunden geflüchtet, haben in Kirgistan trotz Begegnungen mit bewaffneten Reitern die Wild-West-Romantik genossen.

Sie haben im Iran im Strassengraben Glace geschleckt, die ihnen ein Autofahrer spontan offeriert hatte, haben in Kasachstan gegorene Stutenmilch probiert und sich an so vielen fröhlichen Menschen und ob so viel Gastfreundschaft gefreut, an so viel Herzlichkeit, dass es für die beiden schwer vorstellbar ist, jemals wieder in die Schweiz zurückzukommen.
Aber jetzt kommen sie zurück, nach Südkorea und Japan fliegen sie im März in die Schweiz.

Wegen dem einzigen Mühsamen auf ihrer Reise, dem Visa-Beschaffen. Weil Guido Huwiler sich in den letzten Monaten einen stattlichen Bart hat wachsen lassen, verwehrten ihm die Chinesen selbst den Zutritt zu den Botschaften, geschweige denn zum Land. «Ohne rasiertes Kinn komme ich nicht rein. Aber der Bart bleibt dran», sagt Guido. Da gibt es für ihn nichts zu diskutieren. Also beantragen die beiden ihre Visa für China, Russland und die Mongolei in der Schweiz. Im April werden sie nach Tokyo zurückfliegen und via Sibirien und die Mongolei nach China radeln. Mit Bart.

Was die Chinesen ärgert, ist für die Thailänder und Kambodschaner ein kleines Wunder. «Hier trägt niemand Bart, Guido ist damit ein Highlight für die Einheimischen», sagt Rita. Ganz zaghaft würden die Kinder ihm über den Bart streicheln.

Der Drache auf dem Arm

Guido Huwiler hat sich in den letzten Monaten nicht nur im Gesicht verändert. Seit Anfang Jahr trägt er einen japanischen Drachen mit sich herum. Ein Tattoo, das sich über den gesamten linken Arm zieht, gestochen in Kambodscha. Es ist der Drache, der ihn seit Jahren begleitet, sein innerer Drache. Die Kraft, die ihn antreibt. Die ihn aussteigen, ausbüxen liess. «Jetzt ist meine Leidenschaft, mein Feuer für jeden sichtbar», sagt er.

Auch das Feuer fürs Velofahren ist nach einem Jahr nicht erloschen. Im Gegenteil. Rita will mehr. «Wenn ich nicht jeden Tag einen Hunderter klöpfen kann, bin ich unglücklich», sagt sie und lacht. Hundert Kilometer, und zwar nicht schön geradeaus, das ist ihnen zu langweilig. Die beiden zieht es in die Berge, sie vermissen die Hügel, das Brennen in den Waden. «Wir wollen mehr erfahren», sagt Rita Rüttimann – und meint es im doppelten Sinn. «Wir müssen weiter.»