Ausgewandert

Seit 20 Jahren im Tessin – und doch noch Aarauer

Die Familie Wehrli heute vor ihrem Albergo Santo Stefano in Miglieglia TI.

Die Familie Wehrli heute vor ihrem Albergo Santo Stefano in Miglieglia TI.

Sein Vater ist in Aarau stadtbekannt, sein Bruder Urs in der ganzen Schweiz – wer aber das Lebenswerk von Christian Wehrli und seiner Frau Angeli sehen will, muss gen Süden reisen.

Wir ziehen die Köpfe ein. Es ist ein Reflex. Sirrend ist ein Modell-Segelflieger über uns hinweggezogen, so schnell, dass wir uns bei den Mannen am Boden vergewissern, ob da nicht doch ein Motörchen dran ist.

Wir stapfen auf dem Monte Lema durch den aufgeweichten Schnee. Im Osten liegt der Luganersee, im Westen der Lago Maggiore, im Norden die Schneeberge, im Süden Italien.

Unter uns: Miglieglia, rund 300 Einwohner, fast wieder so viele wie im 19. Jahrhundert. Und fast wie damals sieht das Dorf immer noch aus. Wir nehmen die letzte Gondel vom Monte Lema hinunter und steigen durch eine schmale Gasse hinauf ins Casa Santo Stefano. Es besteht aus zwei Häusern aus dem 18. Jahrhundert, war wohl mal ein Kloster, später wohnten Ärzte hier, im Nebenhaus war eine Osteria. Es riecht nach Brot und Zopf. Christian Wehrli hat fürs Frühstück von morgen gebacken. Schon oft hat er das gemacht, seit zwanzig Jahren.

Der Turm der Fruchtbarkeitskirche vor dem Monte Lema.

Der Turm der Fruchtbarkeitskirche vor dem Monte Lema.

Im November 1995 sind Angeli und Christian Wehrli hier sesshaft geworden. Die beiden Weltenbummler, die sich in Indien kennen gelernt hatten, sie Deutsche, er Aarauer, mussten nicht lange überlegen, als Christians Cousine anbot, ihnen das Haus in Miglieglia im Tessin zu verkaufen.

29 und 35 Jahre waren sie damals alt, jetzt sind es eben zwanzig Jahre mehr. Sohn Valentin ist zu gross geworden für das Dreirad, das auf einem Foto in der «Aargauer Zeitung» von 1999 zu sehen ist. Auch Valentins Schwester Winona ist mit ihren 18 Jahren daran, flügge zu werden.

Zwanzig Jahre wohnt die Familie im Malcantone, diesem Ferien-Traum aller Deutschschweizer, aber Christian sagt: «Wir sind keine Tessiner geworden.» Dabei werden er und Angeli am nächsten Tag abends am Jubiläumsfest befreundete Tessiner mit einer ganz undeutschschweizerischen Herzlichkeit begrüssen. Ein Tessiner wird auf seiner Handharmonika spielen, ein anderer wird ihn am Klavier begleiten, es wird getanzt werden.

Sind sie noch Deutschschweizer? Wir vertagen die Frage. Wir lassen unser Gepäck auf den Boden aus rohem Ton fallen, schauen aus dem Fenster in die Gässchen hinunter und hinüber zu den noch braunen Hügeln. Rosmarino heisst unser Zimmer. Hinter uns zwei Kirchtürme. In die eine Kirche kommen junge Paare von weit her, wenn sie keine Kinder bekommen. Sie zünden in einem Ritual unter jedem der Apostel eine Kerze an und versprechen, ihrem Kind, wenn ihnen doch eins geschenkt würde, den Namen jenes Apostels zu geben, unter dem die letzte Kerze erlischt. Jade, nach dem Edelstein, benannte ein Paar ihre Tochter später, weil die Kerze unter San Pietro (ital. «Stein») erlosch.

Apéro zum 20-Jahre-Jubiläum in der heimeligen Küche.

Apéro zum 20-Jahre-Jubiläum in der heimeligen Küche.

Wir sind hinaufgestiegen zur Kirche, betrachten die alten in Emaille gebrannten Fotos auf den Gräbern. Manche sind fast hundert Jahre alt. Und doch: Das Dorf lebt wieder. Kinder haben in einer Gasse einen «Laden» auf dem Boden ausgebreitet. Ein Franken kostet der selbst gebastelte Papierhut, das Schokoladenei gibts gratis dazu.
«Als unsere Kinder klein waren, waren die Gassen leer», erinnert sich Angeli. Jetzt gibt es nicht nur oben bei der Fruchtbarkeitskirche einen grossen Spielplatz – auch in den Nachbardörfern sehen wir solche.

Das Erfolgsrezept von Angeli und Christian Wehrli sind die drei Standbeine Lang- und Kurzzeitgäste sowie Seminare, viele davon zum Thema Yoga. Aber auch weil es vielen so gut gefällt, dass sie wiederkommen, hat dazu geführt, dass das Albergo von März bis November heute gut gefüllt ist. Im Winter verreisen die Wehrlis jeweils oder erneuern das Haus.

«Wir sind trotz der langen Zeit nicht in einen Trott verfallen», sagt Angeli, doch dazu müssten sie sich manchmal selbst überlisten. «Es langweilt mich immer noch nicht, täglich den Weg zur alten Hammerschmiede zu erklären, wo man neben einem Wasserfall baden kann», sagt Christian, «ich machs einfach immer mal wieder chli anders.» Sehr rudimentär mache er es, sagt Angeli. Manche würden sich verirren deswegen. Sie hingegen beschreibe den Weg so detailliert, dass die Gäste sich oft nur die Hälfte merken könnten. Die beiden lachen. «Wir ergänzen uns gut», sagen sie, «vielleicht gerade, weil wir so verschieden sind.» Allerdings habe sie, sagt Angeli, schon einiges von ihrer direkten Deutschen Art abgelegt. Sie fühle sich mehr als Deutschschweizerin.

Und das, obwohl die beiden zusammen kein ganzes Jahr in Aarau gelebt haben, damals, als sie geheiratet haben in der Stadtkirche. Obwohl sie doch zuerst gar nicht wollten, dann aber Pfarrer Ari Verkuil so sympathisch fanden und es doch taten. In drei Wochen werden sie 20 Jahre verheiratet sein.

Wie ist es also, wiederholen wir unsere Frage: Bleiben Sie hier? «Ich kann es mir momentan nicht vorstellen, zu gehen», sagt Angeli. Christian jedoch antwortet: «Wir wollten aufhören, solange es noch Spass macht und nach mindestens 10 Jahren. Also gibt es eigentlich keinen besseren Moment als jetzt. Wir überlegen uns, ob noch etwas anderes kommt.» Das könnte, sagt er, durchaus in der Deutschschweiz sein, denn: «Man kann die Wurzeln nicht kappen.»

Seine Wurzeln in Aarau sind schon nur wegen seines Vaters tief: Eugen Wehrli ist der ehemalige Stadtoberförster. Als Kind war Christian am Maienzug einmal Standartenträger. Mehr Ehre geht in Aarau fast nicht. Christians Bruder übrigens ist Urs von «Ursus und Nadeschkin».

Früher antwortete er auf die Frage, ob sie in Miglieglia gut integriert seien, immer: «Wir gehören dazu.» Heute antwortet er nicht mehr so schnell. Er sagt: «Es wird nie so sein. Ohne Vorfahren von hier werden wir immer ein Inseldasein fristen.» Er sagt es ohne Bitterkeit. Deutschschweizer werden sie bleiben, jene, die viele Häuser hier kaufen, aufwendig renovieren, wohlhabender sind, die sich gewagt haben, zu fragen, ob man nachts nicht den Glockenschlag direkt hinter dem Casa Stefano reduzieren könne. Seither ertönt der Stundenschlag nachts wenigstens nur noch einmal und nicht zweimal hintereinander, so wie es im Tessin üblich ist, damit man beim zweiten Mal mitzählen kann.

Der Sizilianer, der das einzige Restaurant im Dorf führt, das regelmässig offen hat und wo sich abends all jene Gäste des Casa Stefano treffen, die nicht selber kochen, ist ein Auswärtiger geblieben, wie die Wehrlis. Auswärtige und doch Inventar des Dorfes. Hier sitzt man, mustert neugierig die Touristen, die durchs Dorf ziehen. Dreierlei haben diese vor: Sie streifen entlang einem der vielen verwunschenen Wanderwege, gehen hoch zum Monte Lema oder heim ins Casa Stefano.

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