Literatur
Seelische Abgründe in einer perfekten Puppenwelt

Die Aargauerin Karin Richner schreibt im Roman «Echolot» über falsche Mutterliebe. Ein Buch über Verlustangst, daraus folgender Über-Behütung und Mechanismen, wie sich die eigenen Probleme auf die Kinder übertragen.

Julia Stephan
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Die Aargauer Autorin Karin Richner mit ihrem neuen Roman «Echolot».

Die Aargauer Autorin Karin Richner mit ihrem neuen Roman «Echolot».

Mit einem Echolot bestimmen Seefahrer gewöhnlich die Gewässertiefe. Dass die Aargauer Autorin Karin Richner in ihrem Roman «Echolot» auch seelische Untiefen ausloten könnte, erscheint zunächst undenkbar. Dafür hat Richner den Mikrokosmos Familie, in dem ihre Romanwelt spielt, zu süss gebacken. Seite für Seite winken Kuchen, Hefeschnecken, Zuckerwatte, Schokokringel und Glace als universale Trostspender, geben Kindergeburtstage und Spielnachmittage den Tagesrhythmus vor.

Verlust der heilen Familienwelt

Diese Verzuckerung ist keine literarische Geschmacksverirrung, sondern der verzweifelte Versuch einer Mutter, ihren Schmerz über den Verlust einer heilen Familienwelt zu betäuben. Dass Familienvater Nils eines Tages ohne Begründung fortging und seiner Partnerin eine rätselhafte Zeichnung von einer mit Wasser gefüllten Höhle hinterliess, ist schon einige Monate her. Seither hängt die Frage nach dem Warum unbeantwortet in der Luft.

Die Mutter und ihre kleinen Kinder Johanna und Ruben sprechen kaum darüber. Während der Vater sich in regelmässigen Abständen mit Briefen und Skizzen bei der Familie meldet – und Andeutungen von seiner baldigen Rückkehr macht –, zieht die geschrumpfte Familie in ein kleineres Haus und versucht Normalität zu leben.

Emotionales Vakuum

Mit dieser Ausgangslage schafft Richner in ihrem Text von Anfang an ein grosses emotionales Vakuum: Über Gefühle sprechen weder Mutter noch Kinder, doch hinter jedem feingliedrigen Naturbild, jeder harmonischen Schilderung des Familienalltags – für beide hat Richner ein gutes Auge – steht der Abgrund.

Schnell wird klar, dass Nils schon mehrmals die Familie im Stich gelassen hat und dass sein starres grünes Glasauge in eine Vergangenheit blickt, die er vorm Leser und seiner Partnerin gut verborgen hält. Auch wird deutlich, dass die Protagonistin mit ihrer übersteigerten Mutterliebe lediglich ihre ins Existenzielle gesteigerte Verlustangst maskiert – womit wir beim Kernthema von Richners literarischem Schaffen angekommen wären.

Märchenton mit Sogwirkung

Als die mittlerweile 33-Jährige und inzwischen in Rombach lebende Lehrerin vor sieben Jahren im Roman «Sind keine Seepferdchen» eine um ihre verstorbene Schwester trauernde Frau beschrieb, war man hingerissen vom märchenhaften Stil, der so perfekt zum filigranen Äusseren der Aargauer Debütantin passte. Kein Wunder, wurde Richner schweizweit als neue Stimme gehandelt.

Der Sogwirkung des Märchentons verfallen, übersahen viele, dass dem Roman die inhaltliche Dringlichkeit fehlte, die er suggerierte. Umso erfreulicher ist die Entwicklung, die Richner mit dem auf «Sieben Jahre Schlaf» (2011) folgenden Roman «Echolot» genommen hat. Denn die Art und Weise, wie Richner ihre Figuren nach dem Vorbild des Echolots langsam die dunklen Seelengründe abtasten lässt, rechtfertigt die zunächst banal erscheinenden Oberflächenschilderungen, aus denen Richner alles Negative, Dunkle verbannt hat.

Nils’ Geheimnis erfährt die verlassene Frau schliesslich bei seiner zurückgezogen lebenden Mutter Marion. Als Einzelkind isoliert aufgewachsen, hat Marion zeitlebens unter der mangelnden Wertschätzung ihres Vaters gelitten. Um einen Zipfel seiner Liebe zu erhaschen, machte sie sich unter seinen Augen so klein, wie er sie haben wollte. So kommt es, dass Marion ihr Potenzial nie auslebt, statt einer akademischen Karriere den Weg zur Kindererzieherin einschlägt. Als ihr Freund sie trotz Schwangerschaft verlässt, wundert sie das nicht, denn: «Wie bei den abgezählten Schokoladentäfelchen ihrer Kindheit hatte sie bereits bekommen, was ihr zustand.»

Aus Vertrauen wird Angst

Konsequenterweise muss sich Marions ganze Liebe nun auf den kleinen Nils konzentrieren, dem vieles im Leben leichter fällt als seiner Mutter. Um die Fehler ihrer Eltern nicht zu wiederholen, gibt sie ihn frei für den Kindergarten, vergrössert schweren Herzens den Radius seiner Unabhängigkeit. Doch als Nils bei einem Unfall in einer Höhle am Meer ein Auge verliert, schlägt das mühsam aufgebaute Vertrauen in Angst um.

Um Nils zu schützen, lässt Marion ihren Sohn nicht mehr aus den Augen. Dass hinter der Fürsorge in Wahrheit derselbe egoistische Besitzanspruch steht, mit dem Marions Eltern schon die Chancen ihrer Tochter verbaut hatten, durchschaut auch der einäugige Nils. Dem mütterlichen Wunsch, das Unglück zu vergessen, setzt der blauäugige Junge die provokative Entscheidung für ein grünes Glasauge entgegen, dessen starrer, ferner Blick fortan in der Vergangenheit verweilt, auf das Ereignis, das ihm seinen persönlichen Freiraum nahm.

Richner spiegelt in ihrem Roman die Leben dieser beiden Frauen, die ein starkes Bedürfnis nach Nähe zu krankhafter Mutterliebe treibt. Sie legt dabei den Fokus nicht auf einschneidende Lebensereignisse, sondern auf den monotonen Alltag, der erst in der zeitlichen Streckung eine Entwicklung der Frauen sichtbar macht. Auch wenn dieser Erzählmodus wenig Abwechslung bietet und diese perfekte Puppenwelt aus Zuckerwatte, Mutterliebe und Kindergeburtstag an einigen Stellen etwas brav wirkt: Wer sich darauf einlässt, wird viel Freude daran haben, die Tiefen dieses Textes auszuloten.

Karin Richner Echolot. Bilger-Verlag 2013. 160 S., Fr. 28.–.

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