Für Gerichtspräsident Reto Leiser war es eine Premiere. Bevor er sich dem Beschuldigten aus der Region Aarau zuwenden konnte, trat der Verteidiger mit verschiedenen Anträgen an ihn heran; einer betraf das von der Staatsanwaltschaft geforderte Strafmass: 12 Monate Gefängnis unbedingt. Das Spezielle am Antrag des Verteidigers: Das Strafmass sei von der Staatsanwaltschaft extra tief angesetzt worden. «Das höre ich jetzt zum ersten Mal von einem Verteidiger», sagt Reto Leiser.

Doch so hatte es der Verteidiger nicht gemeint. Er hatte Verfahrensfehler anprangern wollen. Die Staatsanwaltschaft habe die Gefängnisstrafe absichtlich bei einem Jahr angesetzt. Denn bei einer höheren Strafe hätte sein Mandant automatisch Anrecht auf einen amtlichen Verteidiger gehabt. So sei er während der Voruntersuchung auf sich allein gestellt gewesen. Weitere Verfahrensfehler seien begangen worden, indem seinem Mandanten bei Einvernahmen das Teilnahmerecht verwehrt wurde; er durfte zu den Befragungen der Zeugin keine Stellung nehmen. Die Staatsanwaltschaft habe aus Bequemlichkeit das Verfahren schnell über die Bühne bringen wollen. Leiser wies die Anträge ab und verteidigte die Entscheidungen der Staatsanwaltschaft, zumal er sich auch zutraue, den Prozess als Einzelrichter abzuhandeln.

Streng religiöses Elternhaus

Der Mandant sass derweil auf dem Stuhl vor dem Pult seines Verteidigers. Ein junger, gross gewachsener Mann in kurzen Jeanshosen, einem offenen Jeanshemd, darunter ein T-Shirt mit Blumendruck. Die besockten Füsse stecken in Plastikschlappen, offenbar seine Finken, da er noch schnell für seine Mutter Brot holen musste, wie er seinem Anwalt in einer Pause erklärte. Dieselbe Mutter, die ihn ein paar Monate vor dem Gerichtsverfahren zur Wohnung hinausgeschmissen hatte.

Der Grund: Ihr 20-jähriger Sohn hatte eine Frau mit nach Hause genommen, die nicht den Vorstellungen der Eltern entsprach. «Meine Mutter ist sehr religiös, sagt der Beschuldigte mit Wurzeln in Sri Lanka. Bei der Wahl einer Partnerin spielt das Kastensystem eine wichtige Rolle. Es kam zum Zerwürfnis, der Sohn zog zu einem Freund. Sein Zorn über diesen Rauswurf galt aber der Schwester, die ihn verpetzt hatte. Die Geschwister haben eine schwierige Beziehung, wie mehrere Episoden in der Anklageschrift zeigten.

«Störung des öffentlichen Verkehrs» lautet ein Punkt. Der Beschuldigte befand sich mit seiner Schwester und dem Vater im Auto. Letztere stritten. Weil die Schwester seiner Meinung nach respektlos war, schlug er ihr von hinten mit den Fingerknöcheln an den Kopf. Die Fahrt endete im Gebüsch. In der elterlichen Wohnung kam es mehrere Male zu handgreiflichen Auseinandersetzungen, bei denen der Beschuldigte seine Schwester anspuckte und schlug.

Als die Schwester ankündigte, die Drogen ihres Bruders der Polizei zu übergeben, versuchte er, sie mit SMS davon abzuhalten. Er drohte, sie zu töten. Die Schwester tat es trotzdem, die Polizei fand 2,4 Gramm Kokain. Diese Episode erweiterte die Anklageschrift um die Punkte Versuchte Nötigung und Besitz von Betäubungsmitteln. Auch Ecstasy hatte der Beschuldigte zu Hause.

Die Anklageschrift umfasst insgesamt sieben Punkte, der Beschuldigte verweigerte die Aussage zu jedem. «Da sage ich nichts dazu», antwortete er konsequent. Doch unhöflich war er nie.

Verurteilungen häufen sich

Zu seiner Person gab er unverblümt Auskunft und vervollständigte das Bild eines Mannes, der seinen Platz nicht gefunden hat. Aufgewachsen in einem strengen Elternhaus, in dem er geschlagen wurde. Aufenthalte in Heimen, zwei abgebrochene Lehren. Im Gespräch gibt er sich erstaunlich wortgewandt, seine momentane Adresse kennt er aber nicht auswendig. «Ab und zu läuft alles perfekt, ab und zu alles miserabel», sagt er. Und dann gehts bergab; Drogen, Gewalt im Ausgang, Krach mit der Familie. «Ich will einen Tagesablauf. Arbeiten, Fitnesscenter, essen, schlafen», sagt er. Mit den Drogen und dem Trinken habe er aufgehört. Der Beschuldigte und sein Verteidiger hoffen auf eine letzte Chance.

Diese gibt der Gerichtspräsident dem jungen Mann jedoch nicht. Er verurteilt ihn zu neun Monaten Freiheitsstrafe unbedingt, einer Busse von 1200 Franken und einer Geldstrafe von 170 Tagessätzen à 30 Franken. Leiser räumte ein, dass die Staatsanwaltschaft offenbar ein schnelles Verfahren wollte und grosszügig mit den Teilnahmerechten umging, weshalb einige Anklagepunkte nicht zur Verurteilung führten.

Eine letzte Chance könne er jedoch nicht aussprechen. Urteile aus den Jahren 2016 und 2017 sprechen dagegen. Regelmässig hat der junge Mann die Kontrolle über sich und sein Leben verloren, immer wieder kam es zu Tätlichkeiten. Vor dem Gericht verabschiedete er sich von seinem Anwalt, wünschte ihm einen schönen Nachmittag und stapfte resigniert in seinen Finken von dannen.