Juni-Sitzung des Einwohnerrates Buchs am Dienstagabend, Traktandum 1.5., Einbürgerungsgesuch Yilmaz, Funda, geboren 1992, türkische Staatsangehörige. Der Gemeinderat beantragt Ablehnung. Der Rat folgt, mit 12:20 bei 5 Enthaltungen. Funda Yilmaz darf nicht Schweizerin werden.

Es ist erstaunlich. Eine junge Frau, die seit Geburt in der Schweiz wohnt. Die eine vierjährige, anspruchsvolle Lehre als Zeichnerin abgeschlossen hat, und offenbar so gut ist, dass der Lehrbetrieb sie bis heute weiterbeschäftigt. Eine Frau, die mit einem Schweizer verlobt ist. Die in der Meitliriege Buchs war, im Fussballclub Rohr, im Karateclub in Aarau. Perfektes Schweizerdeutsch, einwandfreier Leumund, stabile Lebenssituation, Pläne für ein Studium. Wie kann es sein, dass so jemand nicht eingebürgert wird?

Am Tag nach der Ablehnung erreicht die az Funda Yilmaz an ihrem Arbeitsplatz in einem Aarauer Ingenieurbüro. Sie ist sehr freundlich, spricht langsam und leise. Eine herausfordernde Interviewpartnerin, weil sie nicht von sich aus drauflos plappert, sondern schüchtern und etwas einsilbig antwortet. Vielleicht wurde ihr das zum Verhängnis. «Ich bin sehr enttäuscht und traurig», fasst sie ihre Gefühle nach der klaren Absage des Einwohnerrats zusammen. «Ich kann es nicht verstehen.»

Knackpunkt Gespräch

Es hatte sich abgezeichnet. Die Einbürgerungskommission – bestehend aus je zwei Vertretern der SVP und der FDP, einer der CVP sowie dem freisinnigen Gemeinderat Anton Kleiber – hatte das Gesuch zur Ablehnung empfohlen. Eine Kommission mit teils sehr erfahrenen Mitgliedern, notabene. Sie konstatierte, Funda Yilmaz sei «nicht genügend in der Schweiz integriert». Das Problem war nicht die Sprache, nicht der schriftliche Staatskundetest – Funda Yilmaz hatte ihn mit 100 Prozent bestanden –, sondern die Gespräche mit der Kommission. Sieben Personen hatten ihr an die 70 Fragen gestellt, persönlicher Art, aber auch Wissensfragen. Offenbar hatte sie auf viele keine befriedigende Antwort geben können. Auch bei einem zweiten Gespräch unter sechs Augen nicht. «Ich war beide Male sehr nervös», sagt Funda Yilmaz dazu. Bei mündlichen Prüfungen sei das schon immer so gewesen.

Korrekt oder unverständlich? Stimmen nationaler Politiker aus dem Aargau zur abgelehnten Einbürgerung von Funda Yilmaz.

Die Protokolle dieser Gespräche sind eigentlich geheim, auch wenn sie teils an die Einwohnerräte durchgesickert waren. Beat Spiess (FDP) etwa sagte, er habe das Gefühl, die Fragen seien «nicht besonders gelungen» gewesen, und dass die Einbürgerungskommission «übersteigerte Werte» habe: «Es geht nicht an, dass man hier an einer unschuldigen Einbürgerungskandidatin seine Unzufriedenheit über unsere Migrationspolitik abreagieren will.» Raphael Donati (FDP) meinte, die Kommission hätte ihren Ermessensspielraum doch auch zugunsten der jungen Frau auslegen können.

SP-Einwohnerrätin Ineke Irniger, die sich schon im Voraus ausgiebig mit Funda Yilmaz unterhalten hatte und im Namen der jungen Frau sprach, sagte, man habe diese nach dem Namen des Becks und des Metzgers im Dorf gefragt, oder nach dem türkischen Präsidenten Erdogan. Irniger sagte, sie hätte eine «aufgestellte, interessierte» Frau kennen gelernt, die nicht dem Bild entspreche, das die Kommission von ihr zeichne.

Auch in Buchs: Der Türke Mehmet Bilgin kämpft gegen die drohende Einbürgerungs-Ablehnung. (2. Juni 2017)

Einwohnerrat Andreas Burgherr (EVP) entgegnete, so seien halt die Regeln – die Autoprüfung müsse man auch bestehen, wenn man fahren wolle. Er ist der Einzige, der an diesem Abend ein Votum gegen die Einbürgerung vorbringt. 19 andere Ratsmitglieder folgen kommentarlos der Empfehlung der Einbürgerungskommission. «Weil sie bisher immer gute Arbeit geleistet hat», heisst es.

«Mein ganzes Leben hier verbracht»

Und vielleicht auch, weil Funda Yilmaz eine gewisse Bestimmtheit an den Tag gelegt hat im Kampf um ihre Einbürgerung. Man hatte ihr geraten, das Gesuch zurückzuziehen, sie hat es nicht gemacht. Stattdessen schrieb sie jedem Einwohnerrat einen Brief, erklärte sich und bat um Wohlwollen. «Ich hoffte, sie würden sich umentscheiden. Ich habe mein ganzes Leben hier verbracht», sagt sie. Der Brief könnte kontraproduktiv gewesen sein, munkelt man in Buchs.

Die Debatte hat Funda Yilmaz im Ratssaal mitverfolgt. «Ein paar der Kommentare der Einwohnerräte haben mich glücklich gemacht – andere weniger.» Bei ihr waren ihre Familie und ihr Verlobter Nico. Halb Schweizer, halb Italiener. Dass sie keinen Türken heirate, sondern einen Schweizer, zeige doch auch, dass sie integriert sei, sagt die 25-Jährige. Sicher ist, dass die beiden nächstes Jahr Mann und Frau werden. Noch offen ist, ob Funda Yilmaz den Entscheid des Einwohnerrats akzeptiert oder anficht.