Zeitmaschine Golatti
Schüler lassen Senioren von früher erzählen - und drehen Videoclips dazu

Jugendliche der Real- und Bezirksschule sprachen mit Altersheim-Bewohnern, blickten in deren Fotoalben – und sie drehten Videoclips über die Jugend von früher. Diese sind nun auf einer Website öffentlich zugänglich.

Josua Bieler
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Hans Stierli vom Altersheim Herosé erzählte dem Schüler Benjamin Murtezi, wie er Opfer einer Epidemie in den 1930er-Jahren wurde. bie

Hans Stierli vom Altersheim Herosé erzählte dem Schüler Benjamin Murtezi, wie er Opfer einer Epidemie in den 1930er-Jahren wurde. bie

Was für die ältere Generation Realität war, ist für die Jugendlichen von heute kaum mehr vorzustellen. Vor sechzig Jahren hatten die Frauen noch kein Stimmrecht. Oft waren es die Eltern, die den Beruf des Kindes bestimmten. Auch mit dem Taschengeld der 30er-Jahre könnte die heutige Jugend nicht mehr viel kaufen.

Um dem Alltagsleben ihrer Vorfahren näher zu kommen, sprachen Schülerinnen und Schüler der Real- und Bezirksschule mit Bewohnern und Bewohnerinnen vom Altersheim Golatti und Herosé und wagten einen Blick in deren Fotoalben. Aus diesen Quellen entstanden in Zusammenarbeit mit dem Verein «Zeitmaschine.tv» ein- bis fünfminütige Videoclips, die sie mit Fotos illustrierten.

Der böse Lehrer

So schildert zum Beispiel die heute 76-jährige Heidi Lüscher ein Erlebnis in der sechsten Klasse: «Wir hatten einen bösen Lehrer. Der hatte einen Stecken, den er Gottfried nannte», erzählt sie. Gleichzeitig erscheint auf dem Bildschirm ein schwarzweisses Foto mit dem bösen Lehrer und seinem Holzstock.

«Wenn ein Schüler einen Fehler machte, schlug er ihm damit auf die Hand», erzählt sie weiter. Eines Tages hätte ein Knabe den «Gottfried» entzweigebrochen. Als der Lehrer wutentbrannt nach dem Schuldigen fragte, habe ihn niemand verraten.

Auch Frau Lüscher blieb vom strengen Lehrer nicht verschont: «Als ich aus dem Fenster blickte, stellte er mich vor die Türe. Die freie Zeit nutzte ich dann zum Frühstücken.» Mit dieser Pointe endet einer der Videoclips.

Die Videoclips entwickelten die Schülerinnen und Schüler im Unterricht. Zu Beginn blätterten sie durch Zeitschriften aus dem 20. Jahrhundert, spezialisierten sich auf ein Thema und bereiteten sich auf die Zeitzeugen vom Altersheim Golatti vor.

Das Interview zeichneten sie als Audiodatei auf und schnitten anschliessend aus wichtigen Aussagen die Clips zusammen. Diese kombinierten sie mit Bildern aus den Fotoalben der Senioren. Abschliessend stellten sie die fertigen Videoclips auf die Internet-Plattform «www.zeitmaschine.tv».

Neue Software Zeitmaschinen-App

Lanciert hat das Projekt der Verein «Zeitmaschine.tv», der es seit 2008 führt und in diversen Schweizer Kantonen sowie in Deutschland umgesetzt hat. Letztes Jahr konnte das Szenario dank der eigenen Produktions-Software «Zeitmaschine-App» weiter verfeinert werden. Damit können die Schüler per Smartphone ihre Audio-Dateien durch eine Foto- und Video-Spur ergänzen und so intuitiv mit Bildern aus den Fotoalben der Zeitzeugen kombinieren.

Initiator Christian Lüthi will mit Zeitmaschine.tv einen Beitrag zum Generationendialog leisten. «Ausserdem werden mit der Website zeithistorische Einblicke frei zugänglich», sagt der Historiker und Medienwissenschaftler.

Die Schüler konnten dem Projekt Einiges abgewinnen. «Ein Bewohner erzählte uns, dass er nur einen Franken Taschengeld erhielt; es ist schon eindrücklich, wie das Geld an Wert verloren hat», findet ein Schüler. Es erstaunte ihn auch, dass sich der Mann mit dem spärlichen Taschengeld eine Banane kaufte.

Ein anderes Redaktionsteam war von einer äusserst gesprächigen Interviewpartnerin etwas überfordert: «Die Frau erzählte uns eineinhalb Stunden von Blumen und Vögeln; wir kamen kaum dazu, unsere Fragen zu stellen.»

Die Videos der Schüler finden Sie auf der Internetseite www.zeitmaschine.tv.

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