Ein letztes Mal gehen die Oberstufenschülerinnen und -schüler der Heilpädagogischen Schule Aarau (HPS) durch die permanente Ausstellung. Sie suchen im Aargauer Kunsthaus ihr Lieblingsbild. Patrick bleibt vor dem Gemälde «Mittag in den Glarner Alpen» von Johann Gottfried Steffan stehen.

Ihm gefallen Wasserfall, Bäume und Berge. Berührt von Albert Ankers «Die kleine Freundin» ist Ajenthaa, Nicoles Lieblingsbild ist von der Künstlerin Sophie Taeuber-Arp.

Linien und Kreise verstehen

Gut möglich, dass Nicole nicht allein von der Schönheit dieses Bildes beeindruckt ist. Im Rahmen des Projektes «Auf eigene Weise» haben die Schüler, die zwischen 14 und 20 Jahre alt sind, dieses Gemälde mit den farbigen Kreisen und den schwarz-weissen Linien nämlich besonders ausführlich behandelt.

Unter der Leitung von Evelyne Albrecht haben sie das Bild nicht nur besprochen. Im Atelier, im Untergeschoss des Kunsthauses, legten sie es mit Stäbchen und Papier in eigenen Variationen nach. Zu Assoziationen kam es aber bereits bei der Betrachtung: An eine «Chugelibahn», sagten die Schüler, erinnere sie dieses Bild.

Genau das hatte sich Evelyne Albrecht, die das Projekt im Rahmen ihrer Ausbildung zur schulischen Heilpädagogin leitete, erhofft. «Als die Jugendlichen dann tatsächlich davon sprachen, war ich trotzdem überrascht», sagt sie.

Zum einen wird so ein Grundgedanke aus der Heilpädagogik umgesetzt. Nämlich derjenige der Elementarisierung von anspruchsvollen Bildungsinhalten. «So wird Kunst auch für Menschen mit geistiger Beeinträchtigung verständlich», sagt Albrecht. Zum anderen zeige gerade dieses Beispiel, dass von den Jugendlichen viel mehr gekommen sei, als sie erwartet habe.

«Zvieri-Maschine» und Maltesers

Die sinnliche Erfahrung von «cercles et barres» fand zunächst im Museum statt. Mit Kartonröhren und kleinen Bällen konstruierten die Schüler eine Kugelbahn. An einem weiteren Projekttag wurden Kugelbahnen mit Stufenbarren, Sprossenwand oder Tennisbällen in der Turnhalle nachgebaut.

Dort entstand auch die «Zvieri-Maschine»: Maltesers kullerten durch Röhren direkt in den Mund. Wen wunderts, wenn die Kugelbahn in der Turnhalle danach für viele Schülerinnen und Schüler zu den besten Erlebnissen im Rahmen des Projektes zählt.

Kunst sinnlich erleben, bedeutete aber auch, Bildinhalte mit den unterschiedlichsten Musikinstrumenten wiederzugeben, sich in Anlehnung an ein Gemälde als alter Mann oder als Tänzerin zu verkleiden oder Ausstellungsobjekte mit Pinsel und Farbe selber zu interpretieren.

Erfrischende Ideen

«Hören, fühlen, schmecken – die ganzheitliche Umsetzung hat mir am Projekt besonders gefallen», sagt Anita Trachsel, Oberstufenlehrerin an der HPS. Es sei erfrischend gewesen, zu erleben, mit welchen Ideen es Albrecht gelungen sei, den Jugendlichen den Zugang zur Kunst zu vermitteln. Dass es ihr gelungen ist, zeigt Patricks Reaktion, der das Projektende mit «Oh, schade!» kommentierte.