Kolumne

Schönheitschirurg Felix Bertram: «Es gibt auch schöne Falten»

Im Zentrum steht allzu oft die Frage, wie beginnende oder fortschrittliche Spuren des Alterns zu eliminieren seien. (Symbolbild)

Im Zentrum steht allzu oft die Frage, wie beginnende oder fortschrittliche Spuren des Alterns zu eliminieren seien. (Symbolbild)

Der Aarauer Dermatologe und Schönheitschirurg Felix Bertram über die Probleme des Altern, den Einfluss der plastischen Chirurgie und warum Lachfalten sexy sind.

Der eine oder andere Leser möge sich an meine Sommer-Kolumne erinnern, in der ich vom Glück mit meinem Hund Felix berichtete. Es gab viele eingehenden Briefe und Kommentare, worüber ich mich gefreut habe. Eine Sache ging mir jedoch sehr zu Herzen und zwar die vielen Zuschriften älterer Mitbürger, die im Altersheim ihr einsames Dasein fristen und ihr Haustier zutiefst vermissen.

Als ich ein paar Wochen später nochmals alle Zuschriften und Briefe in der Hand hielt und einen Moment meinen Gedanken nachhing, kam mir unweigerlich die Frage, weshalb sich viele ältere Menschen einsam fühlen? Und weshalb es uns nicht gelingt, unsere Eltern und Grosseltern besser zu integrieren und ihnen das Gefühl zu geben, gebraucht zu werden. Wenn ich einen Moment länger über dieses Thema nachdenke, so erscheint es mir, dass unser Leben und unser Alltag weitestgehend von älteren Menschen befreit sind. Natürlich – man sieht sie gelegentlich. Aber nehmen Sie wirklich teil? Sind sie integriert? Mittendrin statt nur dabei?

Leider erlebe ich es auch bei meiner ärztlichen Tätigkeit, dass alte Menschen vergessen und einsam ihr Dasein fristen und zwischen den Zeilen mal vehementer und mal leiser ihren tiefen Schmerz darüber äussern, dass man aussen vor sei. Raus aus der Gesellschaft, raus aus der Familie. Die Kinder leben oft weit weg oder führen ihr eigenes Leben; Terminkalender der Söhne, Töchter und Enkel sind hochfrequent ausgefüllt.

Vermutlich wird für die meisten älteren Menschen materiell gut gesorgt, es fehlt an (fast) nichts. Oder eben doch? Zum Beispiel an Zeit, die man ihnen schenkt, ein offenes Ohr, Zuwendung und das Gefühl gebraucht zu werden und ein respektierter Teil der Familie und Gesellschaft zu sein.

Da kommt mir unweigerlich die Frage auf was zu dieser Entwicklung geführt hat? Natürlich sind es diverse Faktoren und Gründe. Aber ein Trend ist sicherlich der, dass Jugend alles bedeutet und Alter wenig bis nichts; jugendliches Aussehen und jugendliche Attitüde sind heiss begehrt. Altern erscheint oft als eine Krankheit und weniger als ein natürlicher und zwangsläufiger Prozess. Alter wird nicht mehr gleichgesetzt mit positiven Attributen wie Lebenserfahrung und Souveränität, sondern als Zustand den es mit allen Mitteln zu verhindern gilt.

Nicht zuletzt ist auch meine Branche an dieser Entwicklung nicht unschuldig. Dermatologie und Plastische Chirurgie waren noch vor wenigen Jahren ausschliesslich auf die Heilung von Krankheiten ausgerichtet. Mittlerweile sind die Übergänge zu Schönheitsfragen fliessend. Sobald geklärt ist ,ob die Altersflecken im Gesicht gutartig sind, schliesst sich schon die Frage nach den Entfernungsmöglichkeiten an.Schönheitseingriffe boomen und im Zentrum steht allzu oft die Frage, wie beginnende oder fortschrittliche Spuren des Alterns zu eliminieren seien.

Ist dies nun gut oder schlecht ? Weder noch wäre meine Antwort. Es ist ein evolutionärerer Prozess – was vor einigen Jahren noch hier und da Naserümpfen verursachte hat, ist heute weitestgehend akzeptiert. Und das wird sich vermutlich weiter so entwickeln und irgendwann normal sein. Wie Haare färben.

Nagellack und Lippenstifte galten zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch als billig und verpönt. Heute ist es absolut normal und bei den meisten Frauen Bestandteil täglicher Routine. Das wird bei Laser, Botox und Hyaluronsäure nicht anders sein.

Ein ganz anderer Aspekt erscheint mir bei dieser Entwicklung aber wesentlich: nämlich der Trend, wirklich jede Falte eliminiert, mit allen Mitteln jung aussehen zu wollen.

Dabei finde ich persönlich, dass es auch schöne Falten gibt. Ausstrahlung und Lachfalten auch sexy sein können. Graue Haare können sehr attraktiv wirken. Die souveräne Ausstrahlung eines gelebten Lebens mit vielen gesammelten Eindrücken und gemachten Erfahrungen hat eine faszinierende Anziehungskraft.

Menschen die massvoll und angemessenen den modernen Möglichkeiten der äusseren Gestaltung umgehen und dennoch selbstbewusst die altersgemässen Veränderungen akzeptieren, haben in meinen Augen etwas sehr würdevolles. Menschen hingegen, die mit allen Mitteln und Möglichkeiten die natürlichen Alterserscheinungen zu eliminieren und zu verbergen versuchen, die um den Preis des Clownesken das Gesicht zu einer steifen Maske erstarren lassen , wirken auf mich verunsichert und damit auch ein Stück würdelos. Das Alter lässt sich letztlich nicht verbergen, versteckte Alters-Codes, wie ich sie nenne, verraten dem Betrachter fast immer das wahre Alter – seien es Hände, Dekolletee oder eine für das Altern typische Veränderung am Kinn.

Solange der Trend besteht, alles was mit Altern zu tun hat, zu verbannen und zu eliminieren, wundert es mich auch nicht, wenn alte Menschen möglichst in Altersheimen «outgesourced» werden. Viele ältere Menschen liessen sich sehr gut in unseren Alltag integrieren, könnten sich um Kinder und Haustiere kümmern, könnte Nachhilfe geben, jungen Auszubildenden beratend mit ihrer Berufserfahrung zur Seite stehen und ihr reiches Wissen teilen.

Das Alter würde nämlich sehr viel Jugend vertragen. Und die Jugend eine ganze Menge Alter !

Felix Bertram* (42) ist ärztlicher Leiter und Inhaber von Skinmed, dem Zentrum für Dermatologie und plastische Chirurgie in Aarau. Er lebt im Raum Lenzburg.

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