Bezirksgericht Aarau

Schnelles Überholmanöver auf der Staffelegg: Manager kommt Ausflug mit dem Bentley teuer zu stehen

Der Angeklagte war auf der Staffeleggstrasse viel zu schnell unterwegs. (Symbolbild)

Der Angeklagte war auf der Staffeleggstrasse viel zu schnell unterwegs. (Symbolbild)

Der Lenker eines Bentley-Cabriolets wird vom Bezirksgericht Aarau wegen grober Verkehrsregelverletzung schuldig gesprochen.

Rechtzeitig auf Ostern hin meldete sich der Frühling 2019 an. Auch bei Helmut F. (Name geändert): Am Karfreitagmorgen setzte sich der 52-jährige Schweizer, der als international aktiver Manager tätig ist, ans Steuer seines Cabriolets und fuhr die Staffelegg-Südrampe hinauf. Beim fahrbaren Untersatz handelte es sich nicht um irgendein Cabriolet, sondern um einen Bentley Continental. Für so was muss man schon mal gut 200'000 Franken in die Hand nehmen. Zum 50. Geburtstag habe er sich eben mal was gegönnt, sagte Helmut F. vor dem Bezirksgericht Aarau.

Diesen edlen Engländer mit rund 600 Pferdchen unter der Kühlerhaube. Damit liesse sich eine Spitzengeschwindigkeit von über 300 km/h erreichen – aber nicht auf der Staffeleggstrasse. Gleichwohl rollte der spärliche Verkehr an diesem wunderschönen Frühlingsmorgen nach dem Empfinden des Bentley-Piloten ein wenig zu gemächlich bergauf. Das war letztlich der Grund dafür, dass sich Helmut F. dieser Tage vor Gerichtspräsident Andreas Schöb als Einzelrichter verantworten musste.

Blitzentscheid für die Flucht nach vorn

Ort der Handlung war die Steigung unterhalb der Passhöhe, wo es bergwärts eine rund 300 Meter lange zweite Spur gibt, die es erlaubt, Lastwagen und andere langsamere Fahrzeuge zu überholen. Etwa gleichzeitig wechselten Helmut F. und der Lenker unmittelbar vor ihm auf die Überholspur, um ein solches Auto zu überholen.

Im Zeitraffer: eine Fahrt über die Staffeleggstrasse in doppelter Geschwindigkeit

Im Zeitraffer über die Unfallstrecke: eine Fahrt über die Staffeleggstrasse in doppelter Geschwindigkeit (Januar 2019)

   

Der andere Lenker, sagte Helmut F. vor Gericht, habe relativ viel Zeit für das Manöver gebraucht. «Ich musste darum einen Blitzentscheid treffen», so der Cabrio-Fahrer mit Blick auf das nahende Ende der Überholspur. Heisst: Er gab Gas, «um das Überholmanöver sauber zu Ende zu führen» – und auch das Auto, das vor ihm überholt hatte, hinter sich zu lassen. Damit, so Helmut F., habe er keine Sicherheitslinie überfahren und niemanden gefährdet. Letzteres, meinte er, wäre hingegen der Fall gewesen, wenn er versucht hätte, abzubremsen und in die Lücke zu schlüpfen.

Mit 32 km/h zu viel überholt

Dumm nur: Das Lasergerät der Kantonspolizei mass für seinen Sportwagen eine Spitzengeschwindigkeit von 116 km/h. Abzüglich der Sicherheitsmarge von 4 km/h ergab das eine Geschwindigkeitsübertretung ausserorts um 32 km/h. Im 80er-Bereich bedeutet eine Überschreitung um mindestens 30 km/h jedoch eine grobe Verkehrsregelverletzung.

Mit Strafbefehl vom 23. Mai verurteilte die Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau den Bentley-Fahrer deshalb zu einer bedingten Geldstrafe von 20 Tagessätzen zu 320 Franken – dies bei einer Probezeit von 3 Jahren. Dazu kam eine Busse von 1600 Franken. Einschliesslich Strafbefehlsgebühr von 900 Franken und Polizeikosten von 30 Franken hätte Helmut F. 2530 Franken bezahlen sollen. Doch er focht den Strafbefehl an, womit sein Fall beim Bezirks- beziehungsweise Strafgericht landete.

Verteidiger: «Eine fast notstandsmässige Situation»

Der Verteidiger beantragte, dass sein Mandant lediglich der einfachen Verkehrsregelverletzung schuldig zu sprechen und mit einer angemessenen Busse zu bestrafen sei. Die zu einer groben Verkehrsregelverletzung gehörende Rücksichtslosigkeit sei zu verneinen, sofern besondere Umstände vorlägen, die das Verhalten des Beschuldigten in einem milderen Licht erscheinen liessen. Genau das sei hier der Fall. Helmut F. habe «in einer fast notstandsmässigen Situation im Sinne der Strassenverkehrssicherheit gehandelt».

Mit einem Bremsmanöver dagegen, so der Verteidiger, hätte der Beschuldigte andere Verkehrsteilnehmer gefährdet. – Etwas widersprüchlich wirkte da der Hinweis, das vor dem Bentley überholende Fahrzeug habe nach dem Wiedereinbiegen beschleunigt. Auf diese Weise wurde zwar der Bentley-Fahrer dazu verleitet, noch schneller zu fahren, gleichzeitig vergrösserte sich aber der Abstand zum bereits überholten Auto und damit die Lücke, in welche der Sportwagen vor dem Erreichen der Sperrfläche am Ende der Überholspur hätte schlüpfen können.

Mit Blick auf das Vorgehen der Staatsanwaltschaft sagte der Verteidiger weiter, stellten sich Fragen bezüglich der Gewährung des rechtlichen Gehörs. Sein Mandant sei nur von der Polizei summarisch und ohne Beisein seines Rechtsbeistandes befragt worden. Er habe deswegen über ihn, seinen Anwalt, um eine umfassende untersuchungsrichterliche Einvernahme ersucht, um die besonderen Umstände seines Verhaltens erklären zu können. Eine solche Einvernahme durch die mit dem Fall betraute Staatsanwältin habe diese jedoch ohne Begründung verweigert.

Gerichtspräsident: «Keine Ausnahmesituation»

Der Gerichtspräsident folgte bei der rechtlichen Würdigung des Falls der (nicht anwesenden) Staatsanwältin. Die Videodokumentation zeichne ein relativ klares Bild, liess Andreas Schöb durchblicken. Einen Notstand, eine Ausnahmesituation könne er nicht erkennen. «Sie müssen nun einmal damit rechnen, dass der vor Ihnen überholende Lenker die erlaubte Höchstgeschwindigkeit einhält. Sie hätten vom Gas gehen können – hinter Ihnen hatte es meilenweit kein Fahrzeug.»

Der Fall sei damit klar: Es liege eine Geschwindigkeitsüberschreitung vor, die als grobe Verkehrsregelverletzung zu werten sei. Schöb sprach den Bentley-Fahrer in diesem Sinne schuldig und verurteilte ihn zu einer bedingten Geldstrafe von 20 Tagessätzen à 260 Franken. Er gewährte ihm den bedingten Strafvollzug bei einer Probezeit von 2 Jahren. Die Verbindungsbusse setzte der Richter auf 1300 Franken fest. Er machte deutlich, dass diese Strafe am unteren Rand des Strafrahmens liege. Tatsächlich habe der Beschuldigte mit seinem Manöver aber niemanden gefährdet.

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