Aarau
Schlüssel abgebrochen: Glöckner von Aarau war plötzlich ein Gefangener

Seit über 40 Jahren bringt Hubert Schäpper das Glockenspiel im Aarauer Obertorturm zum Klingen. Meistens spielt er alleine, was ihm schon zum Verhängnis wurde: Der Glöckner war plötzlich Gefangener im eigenen Turm.

Pascal Meier
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Glöckner Hubert Schäpper bedient das Glockenspiel auf einer übergrossen Klaviatur mit elf Holzhebeln

Glöckner Hubert Schäpper bedient das Glockenspiel auf einer übergrossen Klaviatur mit elf Holzhebeln

Pascal Meier

Dass einmal solche Musik aus dem Aarauer Obertorturm erklingt, hatten sich die Erbauer des höchsten Stadtturms der Schweiz vor über 700 Jahren kaum gedacht. Im Innern des Turms stossen die vier Turmbläser kräftig in ihre blechernen Instrumente, angeleitet von einem Dirigenten. Lautsprecher tragen die Trompetenklänge durch die offenen Fenstern in alle Himmelsrichtungen.

Etwa 30 Meter darüber fliegen zur gleichen Zeit zwei flinke Hände über die Klaviatur des Glockenspiels, das auf dem Dach des Turms thront. Die Hände gehören einem kurzhaarigen Mann mit Schnauz und Brille. Dieser drückt elf Holz-Hebel im Takt der Musik nach unten und schlägt so die mit Drähten verbundenen Glocken an. Per Video- und Audioübertragung sieht und hört dieser Mann genau, welches Tempo der Dirigent den Turmbläsern vorgibt und was die vier Männer dazu spielen.

Das ungewöhnliche Quintett von Bläsern und dem Mann mit den Glocken war eines der Highlights vom 3. Kulturfest, das 2009 rund 5000 Besucher anzog.

Einst brach nachts der Schlüssel

Geschenk der Glockengiesserei Rüetschi

Obwohl der Obertorturm über 700 Jahre alt ist, gibt es das Glockenspiel erst seit den 1970er-Jahren. 1968 schenkte die Glockengiesserei Rüetschi der Stadt anlässlich ihres 600-Jahr-Jubiläums acht Glocken, die zusammen mit den zwei bereits vorhandenen Glocken aus dem frühen 15. Jahrhundert ein Glockenspiel bildeten. 1976 kam eine weitere «Rüetschi»-Glocke dazu, die kleinste von allen. Deren Inschrift lautete «Keine zu klein, Helfer zu sein.» Das Glockenspiel umfasst seither 11 Glocken. (pi)

Willi Lienhard bat Hubert Schäpper, mit ihm auf den Turm zu steigen und das Glockenspiel, auch Carillon genannt, zu besichtigen. Dabei frage er mit mahnendem Unterton: «Kannst Du Dir denn auch immer Zeit nehmen?»

Hubert Schäpper hatte und hat fast immer Zeit. Jahr für Jahr bringt er an über 30 städtischen und kirchlichen Feiertagen wie dem Bachfischet, Maienzug, an Weihnachten oder bei wichtigen Empfängen das Glockenspiel zum Klingen. Hat Schäpper andere Verpflichtungen, wird er von seinem früheren Lehrerseminar-Kollegen Dieter Werren vertreten, ebenfalls ein Ur-Aarauer.

Über 1000-mal ist Hubert Schäpper bereits auf den Obertorturm gestiegen und wieder hinunter, nur einmal verknackste er sich beim abenteuerlichen Abstieg auf den alten Treppen den Fuss. Einst brach spät abends der grosse und altersschwache Schlüssel im Schloss, als Schäpper den Turm verlassen wollte. Der frühere Verliesturm wurde somit wieder zum Gefängnis. Erst am nächsten Morgen befreite ein Werkhof-Mitarbeiter den hungrigen Glöckner.

Ein schräges «Alli mini Äntli» vom Turm

Wer ist er, dieser Glöckner, der heute weit weg vom Schuss im Oberfreiamt lebt, seiner Heimatstadt und deren Glockenspiel aber treu geblieben ist? «Ich liebe Musik und sammle alles über das Glockenspiel und den Obertorturm», sagt Hubert Schäpper. Dass er seit über vier Jahrzehnten die Glocken bedienen dürfe, sei ein grosses Privileg. «Einen Buckel wie der alte Glöckner von Notre Dame habe ich aber nicht.»

Das ist nicht nur ein Spruch. Wenn der Glöckner Schulklassen und Gruppen zu einer Führung im Obertorturm empfängt, blickt er oft in erstaunte Gesichter. Manche Besucher haben einen alten Mann erwartet, womöglich noch mit Buckel. Stattdessen steht vor ihnen der heute 59-jährige Hubert Schäpper, dies voller Energie und meist in Hemd und Ledergilet. Er ist der einzige, der während der Führung das Glockenspiel bedienen darf. Die Zeiten, als Turm-Besucher auf der Klaviatur herumspielten und ein schräges «Alli mini Äntli» über den Gibeln der Stadt ertönte, sind seit längerem vorbei.

Im Glockenspiel fehlen viele Töne

Trifft Hubert Schäpper versehentlich einen falschen Ton, hört das die halbe Stadt. Nur der Glöckner merkt nichts. Im Turm hört er die Glocken kaum. Schäpper, der an der Bezirksschule Fahrwangen Musik unterrichtet, ist aber sattelfest – obwohl im Glockenspiel diverse Halbtöne fehlen. Der Spieltisch sieht aus wie eine übergrosse Klaviatur mit nur einer schwarzen Taste. Damit sind nur C-Dur und F-Dur spielbar sowie die parallelen Moll-Tonarten. «Bei vielen Stücken muss ich deshalb etwas tricksen mit den Tönen, damit man das Stück erkennt», sagt Schäpper. «Das ist eine Herausforderung, aber auch sehr spannend.»

Glöckner Schäpper spielt vor allem Volkslieder, dies weitgehend ohne Noten. Zum Repertoire gehören «Im Aargau sind zwei Liebi», «Alle Vögel sind schon da» und Polo Hofers «Alperose». Die Auswahl richtet sich nach der Jahreszeit – und die Jahreszeit spürt Schäpper wiederum im Innern des Turms: Im Sommer ist es unter dem Dach heiss wie in einer Sauna, im Winter ziert oft eine feine Schicht Schnee die Holzbalken. Glöckner Schäpper sitzt dann im Mantel am Spieltisch. Zwischen zwei Stücken blickt er auch mal auf die Stadt hinunter. «Im Advent, wenn die Gassen schön beleuchtet sind, ist die Stimmung draussen einmalig.»

Premiere an der Eröffnung vom Volksmusikfest

Der Glöckner von Aarau spielt sein Lied meist einsam im Turm. Manchmal bekommt er Unterstützung; von einer Schulklasse etwa, die unten am Holzmarkt oder zwischen den Toren fröhlich zu den Glocken des Obertorturms singt.

An der Eröffnungsfeier vom Eidgenössischen Volksmusikfest im September ist zudem erneut ein Konzert mit den Turmbläsern und weiteren Beteiligten geplant. Dazu wird eine Komposition in Auftrag gegeben. Weil der Festakt auf dem Kirchplatz stattfindet, soll das Glockenspiel zuvor aufgezeichnet und ab Konserve abgespielt werden. Für Hubert Schäpper dennoch ein Highlight: «Endlich höre ich wieder einmal selber, wie mein Glockenspiel klingt.»

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