Bezirksgericht Aarau

Schlug er in der Masse zu? Warum der FC-Aarau-«Fan» nicht einsitzen muss

Der FCA-Fan wurde vom der Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau freigesprochen. (Symbolbild)

Der FCA-Fan wurde vom der Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau freigesprochen. (Symbolbild)

Zweifel, dass ein 23-Jähriger bei einer Massenschlägerei in der Aarauer Kronengasse dabei war, führten am Bezirksgericht Aarau zu einem Freispruch.

In der Nacht auf den 4. Dezember 2016, zirka halb zwei Uhr, kam es in der Aarauer Kronengasse vor dem damals noch existierenden Lokal «3. Stock» zu einer Keilerei, an der 30 bis 40 Personen beteiligt waren. Die Auseinandersetzung begann damit, dass sich rund 20 bis 30 teilweise vermummte FC-Aarau-«Fans» vor der Bar zusammenrotteten.

Die Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau kam zum Schluss, dass die «Ultras» Gläser und Flaschen in Richtung Eingang warfen und zuletzt mit den Fäusten sowie diversen Gegenständen wie Absperrpfosten und Bartischplatten auf eine Gruppe von zirka zehn Albanern oder Türken einschlugen. Dabei wurde mindestens ein Türke verletzt. Als die Polizei eintraf, stoben die «Fans» unter «Aarau weg!»-Rufen davon.

Einen der Angreifer wollte der Security-Mann, der zu schlichten versucht hatte, erkannt haben. Er sei 100-prozentig sicher, dass es sich um den ihm bekannten Cäsar (Name geändert) gehandelt habe, erklärte er. Dieser sei Jahre zuvor schon einmal auf einen Kollegen von ihm losgegangen. Und der verletzte Türke war, als man ihm Fotos gezeigt hatte, wenigstens halbwegs überzeugt davon, dass Cäsar in der Prügelei seinen Part gespielt habe. Aufgrund dieser Aussagen klagte die Staatsanwaltschaft Cäsar an. «Landfriedensbruch» lautete der Vorhalt.

Wegen Landfriedensbruchs war Cäsar schon 2014 von der Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau und 2016 mit Urteil des Kreisgerichts St. Gallen bestraft worden. Die Staatsanwaltschaft beantragte vor diesem Hintergrund eine unbedingte Freiheitsstrafe von 6 Monaten. Da der Vorfall in der Kronengasse noch innerhalb der dreijährigen Probezeit erfolgt sei, so die Staatsanwaltschaft, sei zudem der vom Kreisgericht St. Gallen gewährte bedingte Vollzug einer Geldstrafe 18'900 Franken zu widerrufen.

Heim ins Bett statt zum «3. Stock»

Nur: Der 23-jährige Handwerker aus der Region Lenzburg bestritt kategorisch, in jener Nacht in der Kronengasse gewesen zu sein. Er und seine Lebenspartnerin, die gestern als Zeugin zur Hauptverhandlung am Bezirksgericht Aarau geladen war, gaben an, an jenem Abend an einer Geburtstagsparty im «Penny Farthing» gewesen zu sein und um etwa halb ein Uhr auf dem direkten Weg mit dem Auto nach Hause gefahren zu sein.

Beim Geburtstagskind handelte es offenbar um ein Mitglied der «Ultras», deren Stammlokal das «Penny» ist. Und Cäsar erklärte auch, dass er die «Fan»-Kollegen dort hin und wieder treffe. Hingegen hüte er sich heutzutage, «in einer grösseren Gruppe durch die Stadt zu laufen». Auch gehe er nicht mehr an Fussballspiele. Er ist mit einem Stadionverbot belegt.

Präzise Detailerinnerungen 

Gerichtspräsidentin Karin von der Weid zeigte sich erstaunt über die präzisen Detailerinnerungen der Zeugin, zumal der zur Debatte stehende Abend bald zwei Jahre zurückliegt. Den Beschuldigten selber fragte sie, weshalb er nach dem Verlassen der Geburtstagsparty so zügig nach Hause gegangen sei.

Seine Freundin sei «unruhig» gewesen, sagte Cäsar. Und sie seien ja auch mit dem Auto unterwegs gewesen. «Ohne Alkohol macht es im Ausgang nicht so Spass, wenn alle andern saufen.» Die Richterin konfrontierte den Beschuldigten noch einmal mit der Tatsache, dass mehrere Personen ausgesagt hatten, sie hätten ihn vor dem «3. Stock» gesehen. Doch Cäsar blieb dabei: «Das kann einfach nicht sein.»

Verteidiger Dominic Frey setzte schon ein grosses Fragezeichen hinter von der Staatsanwaltschaft behaupteten Tatbestand des Landfriedensbruchs. Es habe keine Zusammenrottung gegeben, hinter welcher die bestimmte Grundhaltung, die Ruhe und Ordnung zu stören, gestanden habe. Und was seinen Mandanten angehe, stehe Aussage gegen Aussage. Es gebe keine DNA-Spuren, keine Fingerabdrücke, keine Handy-Daten – kurz: keine Beweise.

Unglaubwürdige Zeugen

In einem Indizienprozess wie diesem komme es sehr auf die Glaubwürdigkeit an. Und diese zweifelte Frey in Bezug auf die beiden Zeugen an, die Cäsar belastet hatten. Der Security-Mann habe sich womöglich rächen wollen, weil Cäsar vor Jahren einen Kollegen angegriffen habe.

Und der Türke sei, da er verletzt wurde, interessiert daran, dass ein Täter gefunden werde, weil er nur so Schadenersatz und Genugtuung verlangen könne. Freilich laufe auch gegen ihn ein Strafverfahren.

Daraus, dass Cäsar in der ersten Einvernahme die Aussage verweigert hatte und erst aussagte, als er wusste, was man ihm vorwarf, dürfe man ihm keinen Strick drehe. Der Verteidiger forderte einen Freispruch für seinen Mandanten. Wenn erhebliche und nicht zu unterdrückende Zweifel vorlägen, sei ein Schuldspruch nicht zulässig.

Zweifel am Kronzeugen

Die Gerichtspräsidentin kam zum selben Schluss. Sie sprach Cäsar von Schuld und Strafe frei. Nach dem Grundsatz «in dubio pro reo». Es gebe keine Beweismittel, konstatierte die Richterin. Es stehe Aussage gegen Aussage, wobei der Kronzeuge seine Aussagen immer wieder geändert habe. Und dann sei noch die Vorgeschichte mit dem Kollegen an den Tag gekommen, die ebenfalls an der Glaubwürdigkeit des Kronzeugen gekratzt habe.

Karin von der Weid unterliess es aber nicht, Cäsar ins Gewissen zu reden: «Passen Sie in Zukunft wirklich auf – das war auf Messers Schneide!» – Die Verfahrenskosten und die Parteikosten des Beschuldigten gehen zulasten der Staatskasse.

Autor

Ueli Wild

Ueli Wild

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