Aarau

Schlossmühle wird wachgeküsst: Gewürzatelier «Chalira» zieht ein – und macht sie zugänglich

Gewürzmüller und «Chalira»-Gründer Michael Morskoi (l.) und Roger Lehner.

Gewürzmüller und «Chalira»-Gründer Michael Morskoi (l.) und Roger Lehner.

Stoisch dreht das Mühlrad, schwarz vor Nässe, schaufelt geduldig das Wasser des Stadtbachs. Ein hübsches Fotosujet ist die Aarauer Schlösslimühle allemal. Aber sonst? Wurde sie früher wenigstens noch von Schulkindern besucht, die mit Mehlstaub auf den Backen eigenes Brot buken, befindet sich die Mühle nun seit Jahren im Dämmerschlaf. Doch jetzt kehrt neues Leben ein. Aus der Schlossmühle wird eine richtige Mühle: Die Aarauer Delikatessenmanufaktur «Chalira» wird hier künftig Gewürze, Senfkörner und Getreide schroten und mahlen. «So etwas findet man kein zweites Mal», sagt Michael Morskoi (34). «Es ist einfach perfekt.»

Tüfteln in der Zimmerstunde

Morskoi ist Gewürzmüller und Kopf von «Chalira». 2011 hatte er, der gelernte Koch, angefangen, während der Zimmerstunde an ausgefallenen Rezepten für Gewürzmischungen zu tüfteln. Für violettes Curry, zum Beispiel. Heute betreibt Morskoi sein Atelier am Ochsengässli. Hauptberuflich. Das «Chalira»-Sortiment zählt 19 Mischungen, vier Senfe und zwei Pasten, die in 50 Läden schweizweit verkauft werden. Das Team umfasst sechs Personen, die sich 250 Stellenprozente teilen.

Das Mühlrad bekamen die Aarauer vor knapp 50 Jahren geschenkt.

Das Mühlrad bekamen die Aarauer vor knapp 50 Jahren geschenkt.

Und jetzt zieht der Gewürzmüller mit seinem Atelier tatsächlich in eine Mühle mit allem Drum und Dran, mit Wasserrad und Schleuse, mit Mühlstein und Mehlsäcken von anno dannzumal. Passender könnte es nicht sein – auch wenn die Schlösslimühle keine Mühle mit Tradition ist. Das Gebäude wurde erst 1976 von der Ortsbürgergemeinde als Rekonstruktion einer wasserbetriebenen Getreidemühle gebaut. Dies, weil man Rad und Inventar der einstigen Mühle in Bözen geschenkt bekommen hatte. Die Ortsbürgergemeinde schenkte die Mühle schliesslich der Stadt.

Obwohl komplett eingerichtet, ist die Schlösslimühle Stand heute nicht voll einsatzbereit. Der Grund: Die zwei Pferdestärken, die der Stadtbach aktuell liefert, reichen nicht aus, um den grossen Mühlstein der Getreidemühle zu drehen. Es braucht einen Motor zur Unterstützung. Morskoi: «Mit etwas mehr Wasser sollte es aber kein Problem sein, den kleineren Stein der Senfmühle über das Rad anzutreiben.»

Gefunden hat Müller Morskoi seine Mühle dank eines Zufalls. Ein aufmerksamer Freund war 2017 auf das Inserat der Liegenschaftsverwaltung der Stadt gestossen, die das Gebäude öffentlich zur Vermietung ausgeschrieben hatte. Morskoi erarbeitete gemeinsam mit dem Küttiger Mühlendoktor Kurt Fasnacht und Architekt David Flores ein Produktionskonzept – und bekam vor einem Jahr den Zuschlag. Ende März nun wurde die Baubewilligung erteilt, in diesen Tagen nun startet der Umbau.

Wie in einer Schaukäserei

Das Konzept sieht einen Mühle-Betrieb in drei Bereichen vor: Auf den Gewürzmühlen werden die biologischen Gewürzkreationen hergestellt, auf dem Nachbau einer historischen Granitstein-Senfmühle sollen Gourmet-Senfe entstehen und in der vorhandenen Schlossmühle sollen kleine Mengen Mehl gemahlen werden können – als Event, beispielsweise für Stadtführungen, Degustationen oder Workshops. «Wir möchten die Produktion der Lebensmittel erlebbar machen, um Nähe zu unseren Produkten zu schaffen», sagt Morskoi. Ähnlich einer Schaukäserei, bloss für Gewürze, Senf und Mehl.

Dazu sind diverse bauliche Anpassungen nötig: Mitten in den grossen, hohen Raum im Erdgeschoss wird nebst einer kleinen Küche ein gläserner Raum für die Gewürzmühle eingebaut. Auf dem dadurch entstehenden Zwischenboden werden die Abfüllerei und der Versandbereich eingerichtet. Der Dachstock wird zum Event- und Lagerbereich umgebaut. Ausserdem wird das Gebäude unterkellert; hier sollen die Senfe reifen und Degustationen stattfinden. Auch einen kleinen Fabrikladen soll es geben.

Verein hilft mit

So ein Projekt mit Umbau und anschliessendem Betrieb kann eine Einzelunternehmung nicht allein stemmen. Deshalb hat eine Gruppe Aarauer mit Liebe zu Handwerk und nachhaltigem Genuss bereits im Sommer 2018 den Verein «Gesellschaft zur Schlossmühle Aarau» gegründet. Dieser unterstützt die Mühle nicht nur bei der Neueinrichtung und beim Betrieb, sondern ist auch für die öffentlichen, musealen und kulturellen Veranstaltungen zuständig. «Mit der neuen Schlösslimühle erhält Aarau sein Schmuckstück am unteren Stadtbach zurück. Das Projekt trägt zur kulturellen und städtebaulichen Wiederbelebung dieses wunderschönen Ortes bei», sagt Präsident Urs Wälchli.

Bis in der Schlösslimühle gemahlen wird, dauert es noch bis Sommer 2020. Dies, weil nicht alle Umbauarbeiten dieses Jahr ausgeführt werden können. Bis dahin wird Michael Morskoi und seinem Team die Arbeit aber nicht ausgehen: Ab Mai nimmt der führende Bio-Grosshändler «Bio Partner» die «Chalira»-Produkte ins Angebot auf; damit kann jeder Bioladen in der Schweiz die Aarauer Gewürze verkaufen. Eben hat «Chalira» auch vier Mischungen für die erste Shrimpsfarm der Schweiz, die Swiss Shrimp AG in Rheinfelden, konzipiert. Ausserdem haben die Aarauer für Museum Aargau ein historisches Gewürz entwickelt, das ab sofort auf den Schlössern Lenzburg, Wildegg und Hallwyl verkauft wird.

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