Boxclub Aarau

Schlag auf Schlag: Coiffeuse Fabienne Studer trainiert für ihren ersten grossen Kampf

Der Boxclub Aarau ist 100 Jahre alt. Seit zweieinhalb Jahren ist auch Fabienne Studer dabei. Die 22-jährige Coiffeuse aus Olten bereitet sich und ihre Eltern auf den ersten grossen Kampf vor.

Ein Februarabend in Aarau. Draussen ist es dunkel und kalt. Drinnen läuft der Schweiss. Im Trainingsraum, Gym genannt, des Boxclubs Aarau trainieren etwa zehn Frauen unter der Anleitung von Trainer Urs Keller. Das Training beginnt mit einem Kraft- und Konditionsteil, gegen den jede Bauch-Beine-Po-Stunde wie eine angenehme Entspannungsübung wirkt. Fabienne Studer verteilt Springseile. «Drei Minuten», sagt sie. Nach drei Minuten schaffen die Füsse den Gump über das Seil nur noch mit äusserster Überwindung. Danach folgen weitere Sprünge, etwa durch Reifen, ein Parcours mit Liegestützen und Rumpfübungen und immer steht etwas im Weg, das man überspringen muss.

«Am Anfang nah dem Training beinahe gekotzt»

Fabienne Studer, Fabi genannt, hat das Glück, zu jenen Leuten zu gehören, die auch bei grösster Anstrengung keinen roten Kopf bekommen. Und der Eyeliner verschmiert kein bisschen. Das war nicht immer so. «Am Anfang habe ich nach den Trainings beinahe gekotzt», sagt die 22-jährige Coiffeuse aus Olten und lacht. Vor zweieinhalb Jahren hat sie mit dem Boxen angefangen, weil sie es schon immer tun wollte. Urs Keller kann sich noch gut an Fabi erinnern, wie sie zum ersten Mal mit einer Kollegin im Training auftauchte. Stark geschminkt und mit langen Fingernägeln. Ein Problem war das für Keller oder den Verein, den er präsidiert, nicht. Höchstens etwas hinderlich beim Boxen.

Für Uneingeweihte mag das Gym an der Aarauer Bahnhofstrasse vielleicht bedrohlich wirken. Männer und Frauen gehen im Ring aufeinander los, laute Musik dringt durch die grosse Fensterfront und die Trainer traktieren ihre Schützlinge in der Liegestützenposition mit den Füssen, um ihre Stabilität auf die Probe zu stellen. Doch der Anblick von ruppigen Szenen täuscht. Mitmachen kann beim Boxclub Aarau jede und jeder, das Soziale und die Gemeinschaft zählt. Der Ton im Training ist stets freundlich, man kennt sich, neckt sich und spornt einander an. «Hier wird nicht wild geprügelt», sagt Urs Keller. Wer das will, sei am falschen Ort. Die Trainer entscheiden, wann jemand bereit ist für den Ring. Zuerst für ein Sparring, ein freundschaftlicher Boxkampf, wie er am Ende eines Trainings geübt wird, dann für den Wettkampf.

Fabienne Studer war von Anfang an begeistert, «mich hat es richtig gepackt». Auch wenn das Training viel härter war, als sie es sich vorgestellt hatte. «Doch genau das motivierte mich zum Durchhalten», sagt sie. Die Fingernägel wurden kürzer, die Kondition besser. Sie wollte unbedingt mit den anderen mithalten können. Mittlerweile trainiert sie viermal pro Woche. Das lange Haar hat sie zum hohen Pferdeschwanz zusammengebunden. Wenn sie die Fäuste hochnimmt, lässt sie den Kopf zwischen den Schultern verschwinden.

So wurde im Gym des Boxclub Aarau vor Corona trainiert:

Im Februar trainierte Fabi für das Meeting des Boxclubs Aarau, es wäre ihr erstes gewesen. Mega aufgeregt sei sie gewesen. Und ein ganz kleines bisschen erleichtert, als das Meeting abgesagt wurde. «Vielleicht war es gut, dass ich so noch ein bisschen mehr Zeit habe.» Das Gym oder die Turnhalle hat schon lange kein Mitglied des BCA mehr von innen gesehen, das jährliche Meeting fällt 2020 aus. Vor ein paar Wochen hat das Training wieder begonnen, draussen auf der Leichtathletikanlage im Schachen. In den vergangenen Monaten waren die Boxerinnen und Boxer auf sich allein gestellt und angehalten, Ausgleichssport zu betreiben. Für die wenigsten ein erfüllendes Programm.

Fehler tun weh – das hat sie gelernt

«Zwei Monate nur Velofahren und Laufen, ich will wieder mal etwas schlagen», ruft Trainer Goran Stevanovic. «Einen Boxsack», fügt er hinzu und grinst, während er bei kühlem Regenwetter vor der Truppe hin- und hertänzelt. Auch Fabi Studer hat es in den letzten Wochen etwas ruhiger angehen lassen. «Im Juli oder spätestens August will ich wieder hart trainieren», sagt sie. Sie vermisst dieses Gefühl, wenn der ganze Körper zittert und man meint, nicht mehr zu können. «Aber du chasch no witer», sagt sie und lacht ein schelmisches Lachen. Dank des coronabedingten Aufschubs haben auch Fabis Eltern etwas mehr Zeit, um sich darauf vorzubereiten, ihre Tochter im Ring zu sehen. «Sie unterstützen mich beide sehr», sagt Fabi. Aber vor allem bei ihrer Mutter glaubt sie, dass sie das schon ziemlich mitnehmen würde, wenn sie miterlebt, wie ihr Kind kämpft. Fabi wird alles geben für die Vorbereitung für das Meeting. Nicht ihren Eltern oder ihrem Verein zuliebe. Im Ring ist sie ganz auf sich allein gestellt. Und Fehler, das hat sie in den letzten zweieinhalb Jahren gelernt, tun weh.

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