Suhr/Seengen

Schlaflosigkeit und Ausschläge: Wenn die Strahlung zum Problem wird, kommen sie um zu messen

Markus Furer berät Menschen, die unter Elektrosmog leiden. Manche von ihnen, sagt er, bildeten sich ihr Leiden teilweise auch ein.

Markus Furer berät Menschen, die unter Elektrosmog leiden. Manche von ihnen, sagt er, bildeten sich ihr Leiden teilweise auch ein.

Elektromagnetische Strahlung ist unser ständiger Begleiter. Zwei Unternehmen in der Region helfen Menschen, die unter dem dauernden Elektrosmog leiden.

Markus Furer schaltet den HF59B ein und hält ihn vor sich in die Höhe. Das Gerät rauscht leise vor sich hin. Nach rund 20 Sekunden fängt es plötzlich laut an zu rattern. «Aha, da lädt wohl grad jemand etwas aus dem Internet herunter», sagt Furer und läuft mit dem HF59B im Sitzungszimmer seiner Firma «wellenlänge» in Suhr herum. Er öffnet das Fenster und der HF59B setzt ob den hereinströmenden Strahlen zum wilden Knirschkonzert an. «Wahnsinn, oder? Diese Strahlen schwirren uns ständig ungefiltert um den Kopf», sagt Furer und schaut auf das Display des HF59B. Das kleine Gerät misst die elektromagnetische Strahlung im Bereich 800 Megaherz bis 2.7 Gigaherz und gibt die Strahlenbelastung in Milliwatt pro Quadratmeter wieder. Kurz: Der HF59B misst den Elektrosmog in der Umgebung. Er ist Furers Hauptarbeitsgerät.

Furer nennt sich «Berater für elektrobiologische Fragen» und tut mit seinem Unternehmen genau das: Der gelernte Elektroplaner berät elektrosensible Menschen, die unter der zunehmenden Belastung ihrer Umwelt mit WLAN, Mobilfunkstrahlung und elektrischer Energie leiden. Die az hat am Samstag über neue Elektrosmog-Messungen im Aargau berichtet. Die steigenden Kundenzahlen bei Unternehmen wie jenem von Markus Furer zeigen: Das Problem ist für viele Personen real. «Meine Kunden klagen häufig über Schlaflosigkeit, manche sogar über mysteriöse Hautausschläge», erzählt Furer. Mit seinen Messgeräten sucht Furer die Wohnräume seiner Klienten nach Strahlungsquellen ab. WLAN-Router, Radiowecker, Steckdosen: Sie alle sind für elektrosensible Personen potenzielle Störenfriede.

Oft könnten die Probleme mit kleinen Eingriffen gelöst werden, erklärt Furer. «Ich rate den Leuten, ihre Zimmer umzustellen, nachts alle Geräte auszuschalten oder ihre Natels und Laptops nicht im Schlaf-, sondern im Wohnzimmer aufzuladen.» Damit sei vielen schon geholfen. In einzelnen Fällen empfehle er, von drahtlosen Geräten wieder auf Kabeltelefone umzustellen oder einen Netzfreischalter einzusetzen: ein Schalter, der den Stromkreislauf im Haus unterbricht, wenn die angeschlossenen Geräte nicht gebraucht werden.

Tierleiden als Beweis
In Härtefällen rät Furer seinen Kunden dazu, Abschirmnetze in die Hauswände einzubauen oder mit strahlenabweisender Spezialfarbe die Räume neu zu streichen. «Es gibt aber auch hoffnungslose Fälle, denen wir nicht helfen können», erklärt Furer. Er erzählt von einer Kundin, die über starkes Kribbeln im Körper berichtete und überzeugt war, dass Stromquellen in ihrem Schlafzimmer Grund ihres Leidens waren. «Ich habe den Raum über längere Zeit kontrolliert. Da gab es keine auffälligen elektrischen Belastungen», erinnert sich Furer. Die Frau hatte sich den Zusammenhang zwischen ihrem Leiden und dem vermeintlichen Elek-
trosmog schlicht eingebildet.

Auch die Seengerin Gisela Baumann, die mit ihrem Unternehmen Vitales GmbH elektrosensible Menschen berät, kennt solche Fälle. «Mir fällt beispielsweise auf, dass ich im Frühling, wenn die Frühlingsmüdigkeit einsetzt, oder im Herbst, wenn die Herbstdepressionen kommen, mehr Anfragen habe als sonst», erzählt Baumann. Die Leute fühlten sich in diesen Zeiten wohl einfach ungut, suchten nach Gründen, stiessen bei ihren Recherchen auf die Elektrosmog-Problematik und stellten dann falsche Selbstdiagnosen.

Trotz diesen gelegentlichen Fehleinschätzungen besorgter Betroffener warnt Markus Furer aber davor, die Problematik auf die leichte Schulter zu nehmen. Er kenne Fälle, bei denen Tiere auf einem Bauernhof unter starken Ekzemen litten. Kurz, nachdem eine in der Nähe liegende Natelantenne ausgeschaltet worden sei, hätten sich die Tiere erholt. «Und Tiere können sich solche Leiden nicht einfach einbilden.»

Herbstdepression und E-Smog
Gisela Baumann hat aus ihrer Arbeit als Elektrosmog-Expertin zwei zentrale Erkenntnisse gewonnen. Erstens: Die grösste Gefahr für Elektrosensible geht nicht von den Natelantennen – den phallischen Feindbildern der Elektrosmog-Gegner – aus, sondern von den Mobiltelefonen selbst. «Ich rate deshalb jedem, das Natel nicht direkt auf dem Körper zu tragen und es nachts unbedingt auszuschalten.» Und zweitens: Von Elektrosmog betroffen sind vor allem Männer. Womit das zu erklären sei, das wisse sie nicht, sagt Baumann. Auch ihr eigener Mann habe lange unter unerklärlicher Müdigkeit gelitten, bis sie ihr Schlafzimmer nach elektromagnetischen Quellen abgesucht und entsprechend umgestellt hätten.

Baumann betont aber: «Es gibt immer mehr echte Elektrosensible. Gleichzeitig werden wir immer abhängiger von unseren digitalen Geräten. Wir müssen in Zukunft bereit sein, vermehrt wieder auf sie zu verzichten, sonst stehen uns ungesunde Zeiten bevor.» Und auch Furer mahnt zum elektrischen Verzicht. Die Alternative ist für ihn klar: «Hardcore-Elektrosensible müssten dann in Zukunft wohl auf die Alp ziehen.»

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