Aarau

«Schlaflos» wird zum Politikum im Einwohnerrat: «Findet die Stadt das wirklich verhältnismässig?»

Der Member-Club «Schlaflos» liegt in der Aarauer Telli, direkt neben dem KIFF. AKA

Der Member-Club «Schlaflos» liegt in der Aarauer Telli, direkt neben dem KIFF. AKA

Vier Einwohnerräte stellen dem Stadtrat Fragen zur Schliessung des beliebten Member-Clubs.

Hat der Club «Schlaflos» in der Aarauer Telli gestern Abend seinen letzten Event abgehalten? Ja, wenn es nach der Stadt geht. Denn Ende April lief die auf drei Jahre befristete Bewilligung für den Club ab. Befristet deshalb, weil die Wärmedämmung insbesondere des Bodens ungenügend ist und diesbezüglich bei provisorischen (befristeten) Bauten weniger strenge Regeln herrschen.

Ein Nachrüsten bei der Dämmung würde etwa 100'000 Franken kosten – das Gebäude wird aber 2020 sowieso abgerissen. Philipp Glauser, einer der Clubbetreiber, erhob deshalb in der az vom Mittwoch Vorwürfe gegen die Stadt, die aus seiner Sicht unverhältnismässig vorgehe und das «Schlaflos» unfair behandle.

Die Stadt stellt sich auf den Standpunkt, aus energierechtlicher Sicht sei eine Wärmedämmung unumgänglich, ebenso ein erneutes Baugesuch für die Weiterführung des Clubbetriebs.

Baugesuchsauflage nötig

Die «Schlaflos»-Betreiber wussten von Anfang an, dass ihre Bewilligung im 2017 auslaufen würde. Anfang Jahr fragten sie deshalb beim Stadtrat nach, was es für eine Verlängerung bräuchte.

Die Stadt beschied ihnen, die Bewilligung für den Betrieb ende «definitiv am 30. April 2017», und dass für eine Weiterführung ein neues Gesuch mit öffentlicher Auflage nötig wäre. Die Aussicht auf eine Bewilligung sei aber schlecht, gab die Stadt den Betreibern zu verstehen, und sie beharrte auf der Wärmedämmung.

Der «Fall Schlaflos» wirft nicht nur im Netz hohe Wellen – bis gestern Nachmittag haben weit über 1000 Personen auf petitio.ch eine Petition zum Erhalt des Clubs unterschrieben –, sondern wird jetzt auch zum Politikum. Gleich zwei einwohnerrätliche Anfragen und ein Postulat gingen zu dieser Sache gestern bei der Stadt ein.

In einer gemeinsamen Anfrage wollen die Einwohnerräte Silvia Dell’Aquila (SP), Olivia Müller (FDP) und Christoph Waldmeier (EVP) Details zum «Fall Schlaflos» erfahren. Zum Beispiel, ob alle Möglichkeiten ausgeschöpft worden waren, um den Betrieb weiterzuführen. «Kann der Stadtrat eine Ersatzlösung anbieten?» Und, so fragen die Einwohnerräte, hat die Stadt überhaupt Interesse an einem florierenden Nachtleben? «Wieso wird es Initianten in Aarau in Bezug auf neue Ideen für ein attraktives Nachtleben aus unserer Sicht derart schwer gemacht?», fragen sie weiter.

Zeitgleich hat SVP-Einwohnerrat und Stadtratskandidat Simon Burger eine Anfrage sowie ein dringliches Postulat eingereicht. Der Stadtrat wird mit dem Postulat gebeten, die Probleme baldmöglichst zu lösen.

Um sich ein Bild zu machen, hat Burger sich am Donnerstag mit den «Schlaflos»-Betreibern getroffen und sich deren Korrespondenz mit der Stadt sowie die Baubewilligungsunterlagen zeigen lassen, die mittlerweile auch der az vorliegen.

«Wirklich verhältnismässig?»

Burgers Anfrage umfasst rund ein Dutzend Punkte. Er will unter anderem wissen, ob der Stadtrat es wirklich als verhältnismässig erachte, dass die Betreiber 100'000 Franken in Wärmedämmungsmassnahmen stecken müssen, die 2020 mitsamt dem Gebäude abgerissen würden. Er führt weiter an, laut den Betreibern laufe die Heizung nur rund zwei Stunden pro Woche, jeweils kurz vor der Club-Eröffnung.

Und: Gegenüber dem Onlineportal 20min.ch hatte Stadtbaumeister Jan Hlavica gesagt: «Auch wir wären an einer Lösung mit Herrn Glauser interessiert, doch dafür müsste er überhaupt einmal mit uns reden wollen.» – «Die Aussage, die Betreiber hätte die Stadt nicht kontaktiert, stimmt offensichtlich nicht», sagt Einwohnerrat Burger.

Ihm liegt die entsprechende Korrespondenz vor, wonach die Betreiber schon vor Monaten an die Stadtverwaltung geschrieben hatten. «Anfang März gelangten die Betreiber an den Stadtrat und ersuchten förmlich um eine Verlängerung der Bewilligung», so Burger. «Die Stadt liess dieses Ersuchen aber mehrere Wochen liegen und erteilt Mitte April eine abschlägige Antwort.» Immerhin stellt sie die Möglichkeit in den Raum, den Club ohne Dämmung weiterzubetreiben – aber nur in den warmen Monaten, wenn gar nicht geheizt wird.

Was ist eigentlich das «Schlaflos»?

Das «Schlaflos» ist ein Member-Club und befindet sich in einem 1952 erbauten ehemaligen Schreinereigebäude, das zwischenzeitlich auch als Autowerkstatt diente. Es umfasst 400 Stehplätze und eine Bar im Erdgeschoss sowie bis zu 80 Sitzplätze in der Lounge darüber.

Ärger hatten die Betreiber im 2013, als sie den Club umbauten und eröffneten, ohne vorher ein Baugesuch einzureichen oder die weiteren nötigen Bewilligungen einzuholen. Dafür erhielten sie eine Busse. Während des Betriebs gab es vereinzelt Reklamationen von Anwohnern wegen der Lärmemissionen.

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