Aarau

Schizophrenie-WG: Die Idee von Ursula Davatz bewährt sich

Die Gründerin Ursula Davatz und die neue Stiftungsratspräsidentin Susanne Zumsteg (r.) sowie Andreas Hasenfratz (stv. Heimleiter) und Renato Caluori (Heimleiter, r).

Die Gründerin Ursula Davatz und die neue Stiftungsratspräsidentin Susanne Zumsteg (r.) sowie Andreas Hasenfratz (stv. Heimleiter) und Renato Caluori (Heimleiter, r).

Was Psychiaterin Ursula Davatz da tun wollte, war neu für den Aargau. Vor 35 Jahren gründete die Psychiaterin eine WG für junge Schizophrenie-Patienten. Längst sind landauf, landab Dutzende Wohnheime für psychisch Kranke eröffnet worden.

Zwar gab es einzelne Wohnheime für chronisch kranke, ältere Männer – aber ein Wohnheim für junge Schizophrenie-Patienten, das gab es bislang nicht. Eine Wohngemeinschaft, in der Klienten nach der akuten stationären Behandlung geholfen wird, ein eigenständiges Leben zu führen – ohne Klinikalltag und lange bevor die Krankheit chronisch wird. Ein bestechender Ansatz. Doch während Ursula Davatz bei Eltern von Betroffenen offene Türen einrannte, wurde sie von Berufskollegen zum Teil kritisiert.

Bald 35 Jahre ist das nun her. Das von Ursula Davatz initiierte Wohnheim gibt es noch immer. Klein und fein, etwas versteckt in der Aarauer Telli. Verändert hat sich in all den Jahren das zugrunde liegende Konzept des «Wohnheims Guyerweg» nicht wesentlich. Doch dieses Jahr stehen grosse Veränderungen an – zumindest auf der organisatorischen Ebene.

Die Idee für die neue Therapieform hatte Ursula Davatz 1980 aus den USA mitgebracht, wo sie Nachdiplomstudien in Psychiatrie und Familientherapie absolviert hatte. Da hatte sich nicht nur ihr grosses Interesse für Schizophrenie-Patienten entwickelt, sondern insbesondere für die Prävention. Sie wollte früher und schneller behandeln. Dazu setzte Ursula Davatz, inzwischen Leitende Ärztin am Sozialpsychiatrischen Dienst Königsfelden, auf die Eltern: Sie schrieb diese an und gründete 1982 die «Elternvereinigung psychisch Kranker» (heute «Verein Angehöriger Schizophreniekranker», kurz VASK). Die Vereinigung wiederum gründete die «Stiftung therapeutisches Wohnheim psychisch Kranker». 1985 wurde das Haus am Guyerweg gekauft und eröffnet.

Das Konzept des Wohnheims ist sich in all den Jahren treu geblieben, weil es sich bewährt hat: Im familiären Rahmen sollen die Bewohnerinnen und Bewohner lernen, alleine oder mit minimaler Unterstützung in der Gesellschaft zu bestehen. Wer hier wohnt, arbeitet mindestens 50 Prozent. Ausserdem muss er bereit sein, sich aktiv am Gemeinschaftsleben zu beteiligen. Die WG unternimmt Ausflüge, besucht Konzerte, macht gemeinsam Ferien. So viel Nähe in einer so grossen Gruppe – schon für psychisch gesunde Menschen eine Herausforderung. «Das sind tatsächlich hohe Ansprüche, das verlangt Wille zur Kooperation und Bereitschaft zur emotionalen Auseinandersetzung», sagt Davatz.

Betreuer sind Teil der WG

Es bedingt aber auch, dass die Betreuerinnen und Betreuer Teil der Wohngemeinschaft sind. Ausser nachts sind immer ein bis zwei der sechs Betreuerinnen und Betreuer vor Ort: «Wir geben uns persönlich stark ein», sagt Renato Caluori. Er arbeitet seit sieben Jahren hier und hat per Anfang Jahr die Heimleitung von Renato Uebersax übernommen. Nur dank dieser Nähe funktioniere das Gefüge als WG. «Dadurch kennen wir die Bewohnerinnen und Bewohner auch so gut, dass wir sofort auf Schwankungen reagieren können», so Andreas Hasenfratz, Caluoris Stellvertreter.

All das ist aber nur möglich, weil das Wohnheim klein geblieben ist. Heute bietet es Platz für 15 Bewohnerinnen und Bewohner, die in Zweier-Wohnungen zusammenleben. Aktuell sind 14 Plätze belegt, drei von Frauen, der Rest Männer im mittleren Alter. «Das hat sich gegenüber dem ursprünglichen Konzept geändert», sagt Ursula Davatz. «Die Idee einer WG nur für junge Patienten entspricht nicht mehr der Realität von heute.»

Einige der Bewohner leben bereits seit über 15 Jahren im Haus, während das Konzept ursprünglich nur für einen Aufenthalt von zwei bis maximal fünf Jahre gedacht war. Es nütze nichts, einen Patienten nach wenigen Jahren in die Eigenständigkeit zu entlassen, um ihn kurz darauf nach einem gescheiterten Versuch und einem weiteren Klinik-Aufenthalt wieder bei sich aufzunehmen. «Die Leute leben gerne hier. Und so soll es auch sein.»

Und nun zieht sich Ursula Davatz nach über 30 Jahren zurück: Sie übergibt das Stiftungsratspräsidium an Susanne Zumsteg, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie in Dübendorf und seit über zehn Jahren im Stiftungsrat. Umkrempeln will Susanne Zumsteg den «Guyerweg» aber nicht. «Das Familiäre, dieses Aufgehoben-Sein in diesem Wohnheim ist etwas sehr Wertvolles. Das ist Lebensqualität.» Und in diesem Sinne solle es auch weitergehen.

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