«Lege dich nicht mit Archivaren an, sie können dich aus der Geschichte löschen», steht auf Englisch an der Pinnwand beim Eingang zum neuen Aarauer Stadtarchiv. Ein Hinweis darauf, dass Stadtarchivar Raoul Richner der Schalk im Nacken sitzt. Ob es daran liegt, dass es angenehm kühl ist in seinem neuen Reich? Oder dass er froh ist, endlich alle Akten, Bücher, Urkunden und dergleichen zentral an einem Standort beisammen zu haben?

Bisher lagerte die niedergeschriebene Geschichte der Stadt Aarau – und der ehemaligen Gemeinde Rohr – in sieben Räumen an drei verschiedenen Standorten. Stadtratsprotokolle («Niemand hat so gruusig geschrieben wie Stadtschreiber Niggli von 1870 bis 1900», sagt Richner), Rechnungsbücher, Urkunden, Register und so weiter; eine Riesenmenge an Papier, teils hunderte Jahre alt.

Hier gibt es keinen Schimmel

Nun ist alles an einem Ort, von Anfang Mai bis Mitte Juni gezügelt in die Liegenschaft Heinrich Wirri-Strasse 3. Dieses Gebäude, einst im Besitz der «GastroSocial», hat die Stadt ursprünglich als Verwaltungsstandort gekauft, doch es steht fast gänzlich leer. Richner, respektive seinem Archiv, kommt jedoch zugute, dass geeignete Räume vorhanden sind. Sie verfügen nicht nur über einen Lift-Zugang (was die alten Archivräume nicht hatten), sondern auch über ein stabiles Klima. «Feuchtigkeit ist ein grosses Problem», erklärt Richner und zeigt auf rostige Büroklammern, die er aus den Aktenstapeln entfernt hat. «Als beim alten Archivstandort Rohr der Entfeuchter ausstieg, hatten wir sofort Schimmel auf den Büchern. Nicht auf den Seiten, sondern auf dem textilen, verleimten Einband, der dem Schimmel Nahrung bietet. Wir haben die betroffenen Bücher alle reinigen lassen, damit der Schimmel nicht ins neue Archiv geschleppt wird.» Dieses verfügt zudem über Regale, auf denen man die Bücher liegend aufbewahren kann. Ebenfalls ein grosses Plus. «Neben Feuchtigkeit ist die Schwerkraft ein grosser Feind der Akten», so Richner. Auch dieses Problem konnte nun gelöst werden.

Nun kann sich Richner, der in einem 50-Prozent-Pensum angestellt ist, wieder auf seine anderen Aufgaben konzentrieren. Etwa vier Anfragen pro Woche gehen von Externen bei Richner ein. Ein Amerikaner sucht seine Aarauer Vorfahren, und jemand will wissen, wann sein Haus in der Altstadt gebaut wurde, wo es in Aarau früher Goldschmiede gab oder was beim Turnfest 1932 alles passiert ist. Zusätzlich gelangen Anfragen aus der Stadtverwaltung selber an Richner. Vorerst ist der Stadtarchivar noch alleine an der Heinrich Wirri-Strasse 3. Bald wird jedoch ein Kinderhort in dem riesigen Gebäude einziehen. Und Anfang 2019 legen hier die Städte Baden und Aarau ihre Informatikabteilungen zusammen. Es bleiben aber noch Flächen frei, sie sind weiterhin zur Vermietung ausgeschrieben.

Ganz einsam war der Stadtarchivar bisher jedoch nicht an seinem neuen Domizil: «Während drei Wochen wurde hier für den ‹Bestatter› gedreht. Der Leichenwagen stand vor dem Eingang, Mike Müller hat jeweils unter meinem Bürofenster geraucht und meinen Archivwagen hat sich die Filmcrew auch gleich ausgeliehen», erzählt Richner und lacht. «So viel Action hatten wir noch nie im Aarauer Stadtarchiv.»