Aarau

«Schildbürgerstreich ohnegleichen»: Martin Killias zieht in den Pflasterstein-Kampf

Die Denkmalpflege hat durchgesetzt, dass wenigstens um das Saxer-Haus (vorne im Bild) gepflästert sein muss.

Die Denkmalpflege hat durchgesetzt, dass wenigstens um das Saxer-Haus (vorne im Bild) gepflästert sein muss.

Die Stadt Aarau will die Vordere Vorstadt asphaltieren. Patrick Huber («Münzen-Huber») wehrt sich – jetzt mit prominenter Unterstützung.

Im Schaufenster vom «Münzen Huber» an der Vorderen Vorstadt liegt ein Pflasterstein. Er ist ein Symbol für Patrick Hubers Kampf gegen Asphalt. Denn: Der Stadtrat plant, die Vordere Vorstadt im grossen Stil zu sanieren und umzugestalten. Unter anderem muss die Pflästerung einem Asphaltbelag weichen. Das entsprechende Baugesuch lag vor einem Jahr öffentlich auf.

Es ist eines der grössten Strassenprojekte seit der Altstadtsanierung. Für insgesamt 5,73 Mio. Franken soll die Fahrbahn zugunsten überbreiter beidseitiger Gehwege verschmälert werden, was Aussennutzungen – etwa durch die Restaurants – ermöglichen soll. Werkleitungen werden saniert und der Hochwasserschutz verbessert. Ausserdem wird die Begegnungszone (Tempo 20), die schon im Graben und in der Altstadt gilt, in die Vordere Vorstadt und den Rain ausgeweitet. Der Einwohnerrat hat den Kredit abgesegnet.

Die Denkmalpflege ist nicht begeistert

Fünf Einsprachen sind gegen das Baugesuch eingegangen. Eine stammt von Patrick Huber. Der Ladenbesitzer, der mit dem «Münzen Huber» seit mehr als 15 Jahren in der Vorderen Vorstadt ansässig ist, ist kein Fan von Tempo 20 respektive Begegnungszonen – er sagt, die Verkehrsteilnehmer wüssten gar nicht, wie diese korrekt genutzt würden.

Hubers Hauptanliegen ist aber, dass die Vordere Vorstadt auch künftig gepflästert wird. Der Strassenzug sei – besonders in Kombination mit dem Oberturm – eines der meistfotografierten Sujets der Stadt und wichtiger Teil des geschützten Ortsbildes.

Nun hat Huber einen Rückschlag einstecken müssen: Der Stadtrat hat im Dezember seine Einsprache in allen Punkten abgelehnt. Allerdings geht aus den schriftlichen Unterlagen hervor, dass die Pflasterstein-Thematik auch beim Kanton umstritten war: Zuerst hat dort die Abteilung für Baubewilligungen den Schwarzbelag abgelehnt. Erst in einem zweiten Anlauf konnte die Stadt den Kanton überzeugen, Asphalt anstelle der Pflastersteine zuzulassen. Die Stadt argumentiert, dass insbesondere die starke Belastung durch die Busse die Pflästerung in kürzester Zeit wieder beschädigen würde. Initial würden Mehrkosten von rund 1,3 Mio. Franken (Maximalvariante gegenüber heutigen Plänen) entstehen. Aus Gründen der Behindertengleichstellung seien Pflastersteine ebenfalls ungeeignet. Ausserdem senke ein Asphaltbelag zusammen mit Tempo 20 die Lärmemissionen ganz erheblich.

Die kantonale Fachstelle für das Bundesinventar der historischen Verkehrswege ist «nach wie vor der Ansicht, dass eine Pflästerung mit Gubersteinen, analog der Altstadtgassen, die gestalterisch bessere und historisch ehrlichere Ausbildung wäre». Man verstehe und akzeptiere letztendlich aber die Argumentation der Stadt, heisst es in dem zustimmenden Entscheid des Baudepartements.

Nach wie vor nicht begeistert ist offenbar die kantonale Denkmalpflege. Während sie die Gehwegverbreiterung «ausdrücklich begrüsst», beklagt sie den Verlust der Pflästerung. «Gemäss dem Bundesinventar besitzt die Vordere Vorstadt als historische Einfallsachse nationale Bedeutung.» Und: «Eine Pflästerung ist nicht nur typologisch das richtige Material, es wird auch von der Bevölkerung sehr viel besser aufgenommen als der abweisende Schwarzbelag.» Zudem entspreche die Pflästerung dem national geschützten Altstadtbereich, zu dem auch die Vordere Vorstadt gehöre, und «steht der mit dem Wakkerpreis ausgezeichneten Stadt Aarau auch besser an».

Killias bietet Hilfe an

Die Denkmalpflege hat durchgesetzt, dass immerhin der Trottoirbereich um das historische Saxer-Haus an der Ecke Vordere Vorstadt/Rain gepflästert werden muss («Oase in der Asphaltwüste», nennt das Patrick Huber). Die Liegenschaft stehe unter Denkmalschutz, ein Asphaltbelag sei aus Gründen des Umgebungsschutzes nicht akzeptabel, begründet die Denkmalpflege.

Das letzte Wort ist in dieser Sache noch nicht gesprochen. Patrick Huber hat gegen die Abweisung seiner Einwendung in Sachen Pflastersteine Beschwerde beim Regierungsrat eingereicht. Ab sofort hat er auch einen prominenten Rechtsbeistand: Martin Killias. Der ehemalige Strafrechtsprofessor ist Präsident des Schweizer Heimatschutzes und hat auch schon in seiner Wohngemeinde Lenzburg schärfere Regeln im Umgang mit historischer Bausubstanz gefordert. Er ist ausserdem Mitglied der Kommission für Denkmalpflege und Archäologie des Kantons Aargau. Killias kennt Huber schon länger und hat ihm seine Hilfe angeboten. «Aarau hat 2014 den Wakkerpreis explizit auch aufgrund des vorbildlichen Umgangs mit der Altstadt erhalten – und jetzt das», sagt Killias. Er bezeichnet das Projekt als «Schildbürgerstreich ohnegleichen»: «Würde man der Argumentation der Stadt bezüglich Kosten, Lärmemissionen und Behindertengleichstellungsgesetz folgen, müsste man die Pflastersteine in allen Schweizer Altstadtgassen abschaffen.»

Einsprecher möchten ein Gutachten sehen

Killias und Huber verlangen in ihrer Beschwerde, dass ein Gutachten der Eidgenössischen Natur- und Heimatschutzkommission eingeholt wird. Dieses soll klären, ob Asphalt in der Vorderen Vorstadt akzeptabel ist. Killias ist der Ansicht, das Geschäft sei vonseiten der Stadt «nicht seriös vorbereitet worden, was die rechtlichen Grundlagen betrifft». Er spricht dabei die Tatsache an, dass die Aarauer Altstadt im Bundesinventar als schützenswertes Ortsbild von nationaler Bedeutung eingetragen ist und die Vordere Vorstadt dort explizit erwähnt werde. Wegen der Arbeiten am Stadtbach liege hier eine Bundesaufgabe vor, sagt er. Damit seien die Bundesinventare direkt anwendbar. Das könne von der Stadt und vom Baudepartement nicht einfach ignoriert werden.

Punkto Begegnungszone (Tempo 20) hat Huber die Abweisung seiner Einsprache übrigens akzeptiert. Nicht aber ein weiterer Einsprecher, der dem Vernehmen nach durchaus gewillt ist, die Sache bis vor die höchste Instanz zu bringen.

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