Eigentlich herrscht Hochzeitswetter in der Freilichtarena beim Fussballplatz, doch in Erlinsbach gehts um einen Toten, dessen Ableben ein gewaltsames war. Allein der Name des Hofes, wo sich Tragödien abspielen, verspricht Dunkelheit: Schattmatt. Furchtbares ist passiert. Am Morgen nach einem Fest wird der alte Schattmattbauer im Garten seines Stöcklis tot aufgefunden, Hirnmasse am Holzverschlag. Res Rösti, der Tote, hatte Gallensteine und war sterbenskrank. Doch Energie, seinen Schwiegersohn Fritz Grädel (Beat Wernli), den jungen Schattmattbauern, zu drangsalieren, hatte er allemal. Und seis, indem er dessen Pferd zum Lahmen brachte.

Nun ist Rösti tot, und alle Indizien deuten auf Fritz als Täter hin: die Tatwaffe, die Schuhspuren, der Zigarrenbeisser. Und nicht zuletzt die Tatsache, dass der Hund in der Tatnacht nicht angegeben hat. Zuerst aber Fritzens Todesdrohungen gegenüber seinem Schwiegervater am Fest vor der Tatnacht. Motive zu Hauf! Da hilft nichts, dass seine Frau Bethli (Sandra Hochuli) in der Nacht einen Schuss gehört hat, während Fritz im selben Bette lag. Im Dorf spriessen die Gerüchte: Wurde Res erschlagen, erhängt, erschossen, erstochen? Wer nichts weiss, stellt sich allerhand vor. Immerhin: Niemand traut Fritz einen Mord zu, und der Gemeindepräsident (Beat Stoll) verteidigt ihn am Prozess, der aufgrund der Indizien unausweichlich ist.


Wird Fritz freigesprochen oder verurteilt? Und wenn er freigesprochen wird, bleibt die Frage nach dem Täter (oder ists gar eine Täterin?) offen. Was nicht eben erbaulich ist, zumal eine Täterschaft von ausserhalb des Hofes ausgeschlossen wird. Eins wird gewiss: Das Unglück braucht keinen Justizirrtum. Einer, der sich durch sein Verhalten verdächtig macht, ist Christian Rösti (Martin Wyss), Bruder des Opfers: Weiss er mehr, als er sagt? «Warum ist das Leben so verdammt kompliziert», sagt der Gemeindepräsident, ans Publikum gerichtet.
Die Erlinsbacher Bühne überzeugt als Ensemble. «Einfach ein guter Verein; alle arbeiten zusammen», sagt Regisseur Ernst Wyss. Das spürt man. Zwei Dutzend Spielende, dazu eine Liveband, die mit Liedern und Instrumentalstücken (Trauffer, Patent Ochsner) die Szenen verbinden, bieten einen spannenden Abend auf der Bühne vor zwei Hausfassaden: der Schattmatt-Hof, der mit wenigen Requisiten auch zur Pinte wird; das Stöckli, wo die Musik spielt und in dessen Garten die Leiche gefunden wurde.
Dem Regisseur gelingt ein Mix zwischen Ernsthaftigkeit in der tragischen Handlung und Klamauk in Form von Situationskomik und Wortwitz. Ja, es darf gelacht werden, was die Spannung löst, doch in den entscheidenden Szenen herrscht Totenstille. Die Verzweiflung von Fritz und Bethli nimmt man ihnen ab; sie greift ans Herz. Da wird die Rolle gelebt, und manchmal spricht der Körper in seiner Haltung die deutlichste Sprache. Hier zahlen sich die Probenarbeit aus und die Aufgabe an alle Spielenden, eine Biografie ihrer Rolle zu schreiben.
«Vergangen ist nicht immer vorbei», sagt einer der Höckeler in der Pinte, wo Rösi, die Wirtin (Trisi Buser) wirkt und in kommentierenden Monologen für den Roten Faden sorgt. In der Tat: Am Ende wird auch Res Röstis abgrundtiefe Boshaftigkeit mit Kränkungen und seelischen Verletzungen erklärt, und da gibt es Verbindungen zu seinem Schwiegersohn. Zehn Jahre nach dem Todesfall bringt ein Brief immerhin die Aufklärung. Das Unheil ist damit nicht gutzumachen.


Das Publikum lebt und leidet mit. Es geniesst die witzigen Szenen, um dann, wenns wieder ernst wird, gebannt dabei zu sein. Das Stück dauert mit Pause drei Stunden, und das Erstaunen darüber, dass es am Ende bereits 23 Uhr ist, darf als Kompliment verstanden werden: Die Spannung hält an. Auch wenn Konrad Müller, 88, aus Erlinsbach, den in der Pause geäusserten Verdacht auf die Täterschaft bestätigt sieht: «Sie haben sehr gut gespielt. Vor allem die Dialoge kamen Schlag auf Schlag.» Dem schliesst sich auch sein Enkel Matthias, 24 an: «Tipptopp.» Der Lohn für die Arbeit: Standing Ovation. Und ein Publikum, das vielleicht einen Nachhall eines Stücks über Recht und Gerechtigkeit mit nach Hause trägt.

Tickets und Spieldaten: www.erlinsbacherbuehne.ch

Am Anfang stand ein Buch

Das Stück „D Schattmattbuure“ von Marcel Reber basiert auf dem Roman „Die Schattmattbauern“ von Carl Albert Loosli. Die Geschichte spielt im Jahr 1893. Loosli brachte den Roman, geschrieben im Winter 1925/26, 1932 in seinem eigenen Verlag heraus, nachdem ihn 27 Verlage abgelehnt hatten. Vorher hatte ihn der Beobachter in 22 Fortsetzungen abgedruckt. Der Roman gilt als Meilenstein der modernen Kriminalliteratur, während seine Betitelung als erster Kriminalroman der Schweiz nicht unbestritten ist. Das Neue daran: Weder Detektivarbeit noch Rechtsprechung können die gestörte Ordnung wieder herstellen. Zwar nannte C. A. Loosli seinen Roman einen „bernischen Kriminalroman“, doch später habe er darin immer weniger einen Kriminalroman gesehen. Der Protagonist verzweifelt an den Ansichten, die ihn umgeben, statt sich „mild-verzichtend oder grimmig-humorvoll“ über sie hinwegzusetzen. „Die Schattmattbauern“ ist als Taschenbuch im Rotpunktverlag greifbar und umfasst rund 360 Seiten: ISBN 978-3-85869-442-3.