Challenge League
Ryszard Komornicki: «Ich habe gelernt, den Mund zu halten»

Er hat den FC Aarau und den FC Wohlen tainiert. Jetzt ametet er in Luzern: Ryszard Komornicki. Vor dem morgigen Aargauer Derby (16 Uhr, im Brügglifeld) redet über seine Ex-Klubs, über Entlassungen und Medien. Und er sagt, wer das Derby gewinnt.

Ruedi Kuhn
Merken
Drucken
Teilen
Ryszard Komornicki erwartet im Aargauer Derby ein Spektakel: «Ich tippe auf ein 6:3 für Aarau.»

Ryszard Komornicki erwartet im Aargauer Derby ein Spektakel: «Ich tippe auf ein 6:3 für Aarau.»

key

Ryszard Komornicki, wer gewinnt das Derby FC Aarau - FC Wohlen?

Ryszard Komornicki: Ich war bis Ende letzter Saison Trainer des FC Wohlen. Da wurde immer wieder ein Spektakel mit vielen Toren gefordert. Ich tippe deshalb auf ein 6:3 für Aarau. Die Mannschaft hat einen Lauf und mehr Qualität als der Gegner.

Wo sind die Unterschiede?

Der FC Aarau spielte von 1981 bis 2010 in der höchsten Spielklasse, hat mehr Erfahrung und ist momentan souveräner Leader der Challenge League. Er hat das grössere Budget. Der FC Wohlen ist ein grosser Dorfverein, hat also nicht die gleichen Voraussetzungen wie Aarau. Dass die Freiämter zu den Top 20 der Schweiz zählen, ist grossartig und verdient Respekt.

Wem drücken Sie die Daumen?

Ich war elf Jahre bei Aarau tätig und bin als Spieler 1993 Meister geworden. Als Trainer wurde ich 2008 und 2009 jeweils Fünfter in der Super League. Das ist fast nicht zu überbieten. Mein Herz schlägt mehr für den FCA als für den FCW, weil die Beziehung intensiver war. Ich habe jedoch bei beiden Vereinen schöne Zeiten erlebt.

Hat der FC Aarau die Klasse, um aufzusteigen?

Ich glaube schon. Der FC Aarau zeigt momentan nicht nur auf, sondern auch neben dem Spielfeld konstant starke Leistungen. Bei vielen andern Klubs gibt es etliche Trainer- und Spielerwechsel. Die Aarauer Führungscrew setzt voll auf Trainer René Weiler. Zudem hat man sich zuletzt gezielt verstärkt. Das sind gute Voraussetzungen für einen Aufstieg.

Nach Ihrem Abgang als Trainer vor drei Jahren kam der FC Aarau unter der Führung von Jeff Saibene, Martin Andermatt und Ranko Jakovljevic nicht auf Touren: Sind die drei Trainerwechsel mit ein Grund für die sportliche Durststrecke?

Natürlich. Ein Trainerwechsel nach vier oder fünf Spielen bringt nichts. Das ist amateurhaft. Man kann die Arbeit eines Trainers frühestens nach einem Jahr beurteilen. Eine Entwicklung ist erst dann absehbar, wenn ein Trainer eine Mannschaft selbst zusammenstellen kann und mit ihr während einer Saison arbeiten darf.

Sie standen beim FCW nach einer Negativserie und einer 2:3-Heimniederlage gegen Winterthur vor der Entlassung. Wie haben Sie das erlebt?

Weil der Abstieg drohte, wurde man im Umfeld des Vereins nervös. Logisch also, dass der Trainer zu einem Thema wurde. Zum Glück hat Präsident Andy Wyder ein Machtwort gesprochen und an mir festgehalten. Hätte der FC Wohlen mich entlassen, wäre er heute wahrscheinlich in der 1. Liga Promotion und würde gegen Breitenbach, Tuggen und YF Juventus und nicht gegen den FC Aarau spielen.

Mit dem FC Aarau hatten Sie zwei Saisons Erfolg und der Vertrag wurde nicht verlängert, mit dem FC Wohlen haben Sie dank einem Schlussspurt den Ligaerhalt geschafft und der Vertrag wurde auch nicht verlängert: Das sind erstaunliche Parallelen.

Beim FCA hätte ich 2009 den Vertrag verlängern können. Ich tat es nicht, weil die Voraussetzungen nicht stimmten. Ich war mit der Transferpolitik nicht einverstanden. Es gab keine Vertrauensbasis mehr. Wenn mir etwas nicht passt, dann mache ich es nicht.

Schliessen Sie eine Rückkehr zum FC Aarau aus?

Nein. Warum? Der FCA ist und bleibt mein Verein. Ich kann mir gut vorstellen, wieder in Aarau zu arbeiten.

Und wie war das beim FC Wohlen?

Ich habe gelesen, dass die Verantwortlichen trotz Ligaerhalt mit einem ‹frischen› Trainer einen Neuanfang machen wollten. Das ist Alibi. Ich habe in Wohlen etwas aufgebaut und hätte es gerne zu Ende geführt.

Der Abgang war schmerzhaft.

Sehr schmerzhaft sogar. Und zwar deshalb, weil ich mein ganzes Können und meine ganze Erfahrung in die erste Mannschaft, in die U23 und in den Juniorenbereich gesteckt habe. Ich habe mich voll und ganz mit dem FC Wohlen identifiziert. Das aber wurde nicht belohnt.

Muss ein Trainer mehr Psychologe als Befehlsgeber sein?

Ja. Schliesslich ist es die wichtigste Aufgabe, aus den Spielern das Hinterste und Letzte herauszuholen. Die Mannschaft muss kämpfen, marschieren. Ohne Herzblut, Leidenschaft, Freude und Spass läuft nichts. Ich höre immer wieder, dass ich zu lieb und zu nett bin. Ich bin nun mal nicht der Typ, der Spieler anschreit. Ich führe eine Mannschaft nicht mit Befehlen.

Der Wohler Ehrenpräsident René Meier hat gesagt, dass Sie nicht mehr Luzern-Trainer sind, bevor der erste Schnee fällt. An diesem Wochenende ist Schnee bis ins Flachland angesagt ...

... und ich bin immer noch Trainer des FC Luzern. Für mich ist das Thema vom Tisch. Ich habe nichts gegen René Meier. Schliesslich will er für den FC Wohlen nur das Beste. Ich bin einfach nicht manipulierbar. Als Trainer trage ich die Verantwortung für den sportlichen Bereich. Da lasse ich mir von keinem Menschen der Welt drein reden.

Sie waren Trainer bei eher kleinen Vereinen wie Aarau und Wohlen. Jetzt sind Sie Trainer vom grossen FC Luzern. Mussten Sie sich umstellen?

Nein. Es gibt allerdings schon Unterschiede. Das Medieninteresse in Luzern ist grösser als im Aargau. Es wird mehr geredet, mehr Polemik gemacht. Beim FC Luzern ist es zudem Pflicht, einen Anzug mit Krawatte zu tragen. Daran musste ich mich zuerst gewöhnen.

Was haben Sie als Trainer in den vergangenen Jahren vor allem gelernt?

Früher trug ich das Herz auf der Zunge. Heute halte ich auch mal den Mund. Ich versuche, mich aufs Wesentliche zu konzentrieren. Ich habe zudem gelernt, mit Kritik umzugehen und damit zu leben. Im Fussball geht es nun mal nur um Erfolge und Resultate. Das muss ich akzeptieren.

Macht Ihnen der Trainerjob noch Spass?

Die Arbeit auf dem Spielfeld bereitet mir Freude. Aber die Art und Weise, wie man in vielen Vereinen mit Trainern umgeht, ist unglaublich. Es fehlt der Respekt. Ich weiss wirklich nicht, wie lange ich das noch akzeptieren kann und will. Manchmal werde ich von den Medien behandelt wie ein Verbrecher oder wie einer, der jemanden umgebracht hat. Ich lasse mir von niemandem die Familie kaputtmachen. Da verstehe ich keinen Spass.

Sie bezeichnen sich als Trainer mit Leib und Seele: Gibt es trotzdem einen andern Beruf, der Sie reizt?

Ich wäre gerne Journalist. Am liebsten bei einer Tageszeitung im Aargau... Spass beiseite. Fussball ist und bleibt meine Leidenschaft. Ich könnte mir vorstellen, in der Schweiz oder in Deutschland im Nachwuchsbereich zu arbeiten. Der Job eines Ausbildungschefs in einem Grossklub oder einem Verband wäre reizvoll.