Ein Samstag im Advent. Kurz nach dem Mittag, Restaurant Einstein. Am langen Tisch neben der Küche sitzen zwei Daniel, zwei Peter und Jiri. Einer leitet das Naturama, einer das Theater Tuchlaube, einer die Stadtpolizei, einer die Schulpflege. Fotograf Jiri Vurma leitet nichts. Er beobachtet die Stadt. Obwohl gebürtiger Tscheche, ist er der einzige langjährige Aarauer am Tisch.

Die Aargauer Zeitung hatte ein paar Aarauer Persönlichkeiten zu einem Gespräch mit offenem Ausgang eingeladen. Erstaunlich war nicht, dass es eine reine Männerrunde wurde (die eingeladenen Frauen waren verhindert), sondern dass keine Ur-Aarauer kamen. Die meisten, die in Aarau eine wichtige Rolle spielen, sind Zugezogene oder Pendler.

Der Chef der Stadtpolizei, Dani Ringier, schafft erst mal Klarheit zwischen den «Daniels» und stellt sich vor. Schulpflegepräsident Daniel Fondado, vierfacher Vater, macht einen fröhlichen Eindruck, während Theaterleiter Peter-Jakob Kelting noch nicht gesprächig ist.

Spät sei es gestern nach der Aufführung geworden, sag er, und fügt lakonisch an: «Augen auf bei der Berufswahl.» Er bestellt einen Café crème und einen Orangensaft. Jiri Vurma erkundigt sich nach dem Angebot an Weizenbier.

Jiri, ich merke gerade: Du kennst ja doch nicht alle Leute in Aarau.

Jiri Vurma: Nein, nein. Mit der Polizei hatte ich ja auch noch keine Schwierigkeiten. Daher kannte ich Daniel Ringier nicht.

Dani Ringier: Ich bin heute nicht geschäftlich unterwegs.

Vurma: Ich fühle mich in Aarau wohl wie ein Fisch im Wasser – im sauberen Wasser.

Peter-Jakob Kelting: Wir kennen uns indirekt; Susi arbeitet im Theater.

Vurma: Das ist meine erste Frau. Ich habe einen grossen Verschleiss. (lacht) Wobei, dreimal heiraten wie mein Vater, das plane ich nicht. Ich bin sehr zufrieden.

Daniel Fondado: Mich hat auch die Liebe nach Aarau gebracht, aber zuerst die Wirtschaft zur ABB ins Flachland. Jetzt arbeite ich beim AEW. Ab 2006 kamen im Zweieinhalbjahres-Rhythmus die Kinder zur Welt.

Für die Klassenplanung in Aarau wäre es praktisch, alle Eltern würden so konstant Kinder liefern.

Fondado: Stimmt.

Peter Jann: Ich bin 2012 wegen der Arbeit nach Aarau gekommen, die Liebe ist mitgekommen. Ich lerne die Stadt noch immer kennen.

Sie sind auch ein Auswärtiger, Herr Ringier, oder?

Ringier: Ja, ich bin in Zofingen, der schönsten Stadt der Schweiz, aufgewachsen.

Eine heikle Aussage.

Ringier: Mir gefällt es in Aarau, ich arbeite gerne hier. Bis jetzt hatte ich immer gute Vorgesetzte, muss ich sagen, ob einst Guignard oder jetzt Urech und Ressortvorsteherin Jäggi.

Ist Weihnachten auch für die Polizei eine ruhige Zeit?

Ringier: Weihnachten ist nicht das Problem. Erst danach wird es schwierig, wenn die Menschen sich nicht mehr ertragen und nicht zur Arbeit gehen können. Da sehen wir manchmal Situationen, die ich mit meiner Familie nie erleben möchte.

Haben Sie etwas Bammel vor diesen Tagen?

Kelting: Wir umgehen das und fahren zu zweit nach Barcelona. Ein Fest gibt es erst danach mit der Familie und an Silvester in der Tuchlaube.

Ringier: Wir stellen für unsere zwanzig, dreissig Gäste Festbänke in die Stube. Es ist keine christliche Feier. Das Zusammenkommen ist zentral. Und übers Essen kann man Menschen glücklich machen. Am 24. ist es besinnlicher, wir feiern im kleineren Rahmen. Wobei ich nicht in die Kirche gehe. Das heisst nicht, dass ich ungläubig bin. Ich habe einfach den Halt nicht mehr gefunden.

Die meisten von Ihnen kannten sich noch nicht persönlich

Kelting: Ich habe indirekt mit Daniel Ringier zu tun, wenn es um Bewilligungen geht. Da funktioniert die Stadt erstaunlich gut auf einem informellen Nebenweg.

Das heisst, Sie erhalten die Bewilligungen der Polizei rasch?

Kelting: Ja, man kennt die Bedürfnisse der anderen. Kurze Wege, das ist hier eine tolle Erfahrung. Ich komme aus einer ähnlich grossen Stadt, Itzehoe in Schleswig-Holstein. Mein Vater meinte immer, bei uns ist es so flach, dass man mittwochs schon sieht, wer am Sonntag zum Kaffee kommt.

Ist es ein Vorteil, nicht hier geboren zu sein?

Ringier: Ja, wir haben die Aussensicht. Wenn man immer hier ist, sieht man nicht mehr, was Aarau bietet.

Kelting: Wobei, die positive Sicht kommt auch daher, dass sich Aarau effektiv entwickelt hat. Ich kenne die Stadt aus den 90ern, wo ich das Gefühl hatte, nach sechs Uhr abends sei niemand mehr auf der Strasse.

Ringier: Stimmt. Gestern Abend war es kalt und dennoch standen Hunderte von Leuten in der Rathausgasse.

Jann: Ich komme aus Dübendorf mit 27 000 Einwohnern. Ich habe gestaunt, dass Aarau nur 20 000 hat und doch so städtisch ist.

Sie und Herr Fondado sind in der Politik aktiv. Ist das ein Mittel, um heimisch zu werden?

Fondado: Ich wäre wohl auch in Chur aktiv geworden. Aber mir gefällt Aarau wirklich sehr und ich wollte die Stadt gerne mitgestalten. Meine Kinder haben genau die gleichen leuchtenden Augen am Maienzug wie ich damals auf dem «Maiensäss», einem traditionellen Schulausflug in Chur.

Ringier: Bräuche erden einen, egal ob in Brugg, Lenzburg oder Aarau. Ich werde noch heute emotional am Kinderfest in Zofingen.

Sie schwänzen den Maienzug.

Ringier: Ein ungelöstes Problem, weil die Feste zeitgleich stattfinden. In Zofingen treffe ich alte Schulkollegen. Das gibt Boden, Heimat. In Aarau habe ich die Kontakte aber auch.

Herr Kelting, Sie haben mal gesagt, es sei schwierig, Kontakte ausserhalb der Theaterszene zu knüpfen.

Kelting: Man hat mir zu Beginn zwar gesagt, es sei gut, wenn einer von aussen Impulse bringe. Aber es hat dann doch länger gedauert, bis ich vernetzt war. Etwa zwei Jahre. Ich spüre den Abstand zur Stadt noch. Manchmal ist das gut, manchmal schwieriger.

Was ist schwierig in Aarau?

Kelting: Es gab zwar einen Aufbruch in der Stadt, was ich aber vermisse, ist eine Grundneugierde.

Ruht sich Aarau jetzt nach der Entwicklung aus?

Ringier: Ich stelle fest, dass viel mehr Menschen in Aarau unterwegs sind. Das fordert die Polizei. Der Konflikt in der Altstadt zwischen Ruhe und Unruhe geht weiter. Die Stadt ist dynamisch.

Kelting: Ich weiss nicht. Ich finde oft, sie macht zwei Schritte vor und drei zurück. Ich merke das mit dem Projekt Alte Reithalle. Die Stadt war mal sehr mutig und wollte das Theater, dann gings lange nicht mehr vorwärts. Ich finde, es fehlt oft der Mut zum grossen Wurf. Zum Glück ist das Thema jetzt wieder in Bewegung gekommen.

Vurma: Gleichzeitig haben die Aarauer aber zum Pont Neuf Ja gesagt.

Kelting: Ich habe natürlich eine eingeschränkte Perspektive aufgrund meines Berufes.

Jann: Mal vor und zurück – das finde ich gar nicht schlecht. Auch wenn ein Projekt redimensioniert wird. Ich habe eher Angst, dass Aarau sich zu schnell entwickelt. Wo bleiben die Brachflächen, wenn sich so viele Menschen wie vorausgesagt ansiedeln? Von dem her darf auch mal ein Investor abspringen. Denkpausen sind nicht schlecht. Die Gegend um den Gais-Kreisel beispielsweise ist eine Einöde für Fussgänger.

Fondado: Es fehlt auch die Verbindung zwischen Bahnhof, Altstadt und Torfeld Süd.

Kelting: Die Reithalle wäre genau in dieser Verbindungsachse. Wie die Kaserne, wenn sie mal frei würde.

Ringier: Aarau ist nicht fertig gebaut.

Kelting: Aber wo hat die Stadt mitten in den Begehren der Investoren noch Spielraum? Sie muss unglaublich aufpassen, dass sie da die Zügel nicht aus der Hand gibt.

Jiri, du erlebst Aarau optisch.

Vurma: Ich sehe die Aarauer als zufriedenes Volk. Und es ist eine super Stadt für Familien.

Gibt es genug Dynamik?

Vurma: Ich finde schon. Viele bringen auch Impulse nach Aarau zurück, wenn sie in Zürich oder Basel arbeiten.

Ich höre fast nur Lob.

Jann: Na ja, dass Aarau noch so stark aufs Auto fokussiert ist, stört mich schon. Ich hoffe, die Bahnhofstrasse wird eines Tages autofrei.

Ringier: Die Bahnhofstrasse wird jetzt ja aufgewertet und der Verkehr soll sich auf die Hintere Bahnhofstrasse verlagern. Ich erlebe Aarau im Gegenteil als sehr velofreundlich.

Rechtsabbiegen ist den Velofahrern in Aarau noch nicht erlaubt.

Ringier: Im Moment noch nicht. Ich bin selber oft ungeduldig am Warten. Deshalb bin ich ein Fan vom Ungeregelten. Auf der Bahnhofstrasse ist das mit dem Mittelstreifen jetzt möglich. Ich kann die Strasse überall queren. Das ist ein guter erster Schritt.

Jann: Es wurde in der Vergangenheit vor allem aus Sicht der Autofahrer geplant. Fussgänger und Velofahrer mussten mit den übrig gebliebenen Flächen vorliebnehmen.

Ringier: Planung findet immer im Zeitgeist statt. Rückblendend sieht man die Fehler. Früher führte man die Autobahnen in die Städte, heute macht man Umfahrungen.

Es wird ruhig in der Küche hinter uns. Die Gäste sind wieder draussen auf Shoppingtour. Der Fotograf bekommt sein Weizenbier. «Zum Wohl!», sagt Vurma. Die anderen erheben ihre Kaffeetassen.

Vurma: Ich wollte noch fragen: Hat dich Aarau inspiriert, Peter?

Kelting: Ja. Denn es gibt zurzeit drei Arten von Schweiz: Die urbane, die ländliche und die migrantische. In Aarau erlebe ich alle direkt nebeneinander im Stadtbild. Das inspiriert.

Zu was?

Kelting: Im Moment ist Zukunft ein Riesenthema. Sie erscheint den Menschen bedrohlich und man will deshalb den Status quo erhalten. Ohnmacht ist auch ein Thema. Jiri hat die Zufriedenheit der Stadt angesprochen. Damit verbunden ist aber immer auch Selbstzufriedenheit und dass man sich von den Problemen abschottet, statt die Zukunft anzupacken.

Wie war denn in Aarau das Jahr 2014?

Vurma: Ich fand gut, dass sich in Aarau die Frauen durchsetzten und wir jetzt auch eine Stadtpräsidentin haben. Ich finde es schön, dass eine Frau das Zepter übernommen hat.

Ringier: Das ist mal eine Aussage!

Sind Sie nicht einverstanden?

Ringier: Doch, doch. Das Zepter übernehmen tönt einfach stark.

Jiri Vurma bedauert rückblickend, dass die Mieter in den Häuschen beim Kraftwerk ausziehen mussten. Technokraten seien da an der Planung. Daniel Fondado ist kein besonderer Freund der Einfamilienhäuser, obwohl er selbst in einem wohnt.

Fondado: Energetisch wären grössere Wohneinheiten sinnvoller. Man muss sich jeweils schon fragen, ob der Abriss von alten Häusern nicht besser ist.

Vurma: Die alten, originellen Mehrfamilienbauten sind besser für die Psyche. Es muss nicht alles gleichgeschaltet werden. Der Mensch ist nicht für die Modern Times wie in Charly Chaplins Film geschaffen.

Jann: Es gibt auch gute Beispiele für Neubauten. Nicht alle sind hässlich.

Ringier: Das Schlagwort «verdichten» macht mir als Polizist eher Angst, weil ich weiss, wie die Menschen sich auf die Nerven gehen können, wenn sie aufeinanderhocken.

Kelting: Das stimmt doch gar nicht mit der Verdichtung. Wir brauchen im Gegenteil immer mehr Fläche zum Wohnen.

Ringier: In den Wohnungen schon, aber die Treppenhäuser sind eng. Ich könnte nicht in einem Block wohnen.

Jann: Ich bezweifle, dass die Kinder im Einfamilienhausquartier glücklicher sind als in einem 70er-Jahre-Block, wo es auch Grünraum gibt und die Kinder sich schnell finden.

Fondado: Ich bin in einer Siedlung ähnlich der Telli-Blöcke aufgewachsen und es war prima.

Vurma: Ich bin mit Garten aufgewachsen, aber ich hasse das Gärtnern. Mir reicht heute eine Wohnung, wenn sie einen Balkon hat.

Wir sind abgeschweift. Was bleibt von 2014 in Erinnerung?

Fondado: Es ist das erste Jahr mit einer stabilen Schulführung, mit Gesamtschulleiter Remi Bürgi.

Jann: Wir hatten grossen Druck auf den Eröffnungstermin der Auenausstellung hin. Mein erstes Jahr im Einwohnerrat habe ich konstruktiver erlebt als die Legislative in Dübendorf.

Kelting: Ich finde, die Zusammensetzung des Stadtrates entspricht jetzt mehr dem politischen Klima in der Stadt. Es wurde urbaner, jünger. Mit Stadtrat Hanspeter Hilfiker haben wir zudem einen sehr guten, verlässlichen Partner erhalten.

Ringier: Wir hatten Leute, die sich im Einsatz so verletzten, dass sie nicht mehr gesund werden: einer, dessen Knie nach der vierten Operation immer noch nicht ganz gut ist. Ich bin um jedes Jahr froh, in dem ich nicht an eine Beerdigung musste. Das kann passieren, auch in Aarau.

Vurma: In dem Sinne wünsche ich mir fürs nächste Jahr schlicht, dass wir uns wiedersehen.