Geschichte

Rückblick auf eine Zeit, als jeder Zehnte Aarauer ein Engländer war

Im Lauf der Geschichte war Aarau mit unterschiedlichen Gruppen von Fremden konfrontiert. Im Bild: Das Aarauer Stadtmuseum spiegelt sich in der Fassade des Kultur- und Kongresshauses. (Archivbild)

Im Lauf der Geschichte war Aarau mit unterschiedlichen Gruppen von Fremden konfrontiert. Im Bild: Das Aarauer Stadtmuseum spiegelt sich in der Fassade des Kultur- und Kongresshauses. (Archivbild)

Im Zentrum der neu gestalteten Neujahrsblätter stehen lokale Beispiele von Zu- und Auswanderung in Aarau. Ein Aufsatz von Stadtarchivar Raoul Richner beleuchtet die Geschichte der englischen Zuwanderer in der Stadt.

Migration ist eines der grossen Themen dieser Tage. Und eines, das fast immer, manchmal mehr, manchmal weniger, die Geschichte mitgestaltet. Massgeblich prägend ist das Thema Migration auch für die nun vorliegenden Aarauer Neujahrsblätter 2017, deren Untertitel «Zu-, weg- und durchgewandert» lautet.

Es geht um Aktuelles und um Geschichte. Und, wie es der Untertitel andeutet, um Wanderungsbewegungen von und nach Aarau. Da ist zum Beispiel der Beitrag von Hubert Keller, der unter anderem die Vorreiterrolle von Stadt und Region bei der Betreuung Asylsuchender beleuchtet.

Die Rede ist etwa von der Koordinationsstelle für Freiwilligenarbeit und Angebote, welche die Gemeinden Aarau, Buchs und Suhr seit Mitte Jahr betreiben. Oder vom «projektbbb» des pensionierten Sozialarbeiters Rolf Geiser, der neue Modelle und Angebote für eine niederschwellige Asylarbeit geschaffen hat. «bbb» steht für «Bildung, Begegnung und Beschäftigung».

Oftmals werden Migrationsbewegungen massgeblich von sozialer Not diktiert. «Wirtschaftsflüchtlinge» aus dem armen Süden suchen heute ihr Glück im reichen Norden, so auch in der Schweiz. Im 19. Jahrhundert, als es noch kein richtiges staatliches soziales Auffangnetz, sondern bestenfalls Auswanderungszustüpfe gab, war auch die Schweiz ein Auswanderungsland.

In seinem Beitrag «Auf zu neuem Glück nach Amerika» beleuchtet deshalb Hermann Rauber Schicksale von Aarauer Amerika-Auswanderern, die hauptsächlich in den Kontext der Auswanderungswellen von 1816/17 und 1844/45 gehören.

In der Fremde scheitern

Da trifft man etwa auf den Bürstenbinder Andreas Dietsch aus der Pelzgasse, der im Staat Missouri den utopisch-sozialistischen Traum eines «tausendjährigen Reichs der Gleichheit und Einigkeit verwirklichen» wollte.

Am 2. Juni 1844 verliess der 37-Jährige Aarau. Drei Monate später kam seine Gruppe am Bestimmungsort an. Ihre Träume platzten aber früh, als ihr charismatischer Kopf Anfang 1845 überraschend starb. Eine von unzähligen Geschichten des Scheiterns in der Fremde. Ein ergänzender Beitrag von Heidi Hess gilt Rudolf Iten aus Küttigen, der vor sechs Jahren den Kaufvertrag von Dietschs Land, einen Grundbucheintrag und den Eintrag «New Aarau» auf einer offiziellen Karte gefunden hat.

«Im Lauf der Geschichte war Aarau mit unterschiedlichen Gruppen von Fremden konfrontiert», schreibt Stadtarchivar Raoul Richner im Lead zu seinem Aufsatz «Englische Exilierte in Aarau 1557 bis 1559». Das Spezielle bei den rund hundert Engländern, die während anderthalb Jahren privat einquartiert waren, sagte Richner an der Vernissage der Neujahrsblätter am Freitagabend, sei das gewesen: «Man wusste, dass sie wieder weggehen würden.» Trotzdem: «Im Stadtbild», so Richner, «hat man sie wahrgenommen, bildeten sie doch rund 10 Prozent der Wohnbevölkerung.»

Es handelte sich um Glaubensflüchtlinge, darunter zahlreiche Geistliche und Weber, die im Zuge der gewaltsamen Rekatholisierung durch die als «Bloody Mary» in die Geschichte eingegangene Königin Maria England verlassen hatten. Sie wollten jedoch nach Hause zurückkehren, sobald sich die Dinge zu ihren Gunsten entwickeln sollten. «Sie sassen also», wie sich Raoul Richner bildlich ausdrückte, «sozusagen auf gepackten Koffern.»

Raoul Richner, Stadtarchivar von Aarau

«In Aaraus Geschichte gab es eine Vielzahl von Einwanderungsgruppen. Die wohl erste grössere Gruppe, die sich in Aarau aufhielt, stammte aus England.»

Raoul Richner, Stadtarchivar von Aarau

Speziell ist auch die gute Quellenlage: Dank dem Ratsmanual von Stadtschreiber Gabriel Meyer und privaten Notizen des Tuchhändlers Hans Dürr weiss man ungewöhnlich genau Bescheid über die Exil-Engländer, die dann auch prompt abreisten, nachdem Queen Mary Mitte November 1558 gestorben war und der Wind mit der neuen Königin, Elizabeth I., im Sinne der Flüchtlinge drehte.

Migration gibt es auch im Tierreich. Davon handeln die Beiträge von Christian Tesini («Auf Wildwechseln und Wasserwegen») sowie Bruno Zeller («Die Mauer- und Alpensegler von Aarau»). Das Neujahrsblatt 2017 enthält aber auch Aufsätze, die keinen direkten Bezug zum zentralen Thema haben. So etwa, aus aktuellem Anlass, Gabriela Suters Zusammenfassung der 100-jährigen Geschichte der 1916 gegründeten SP der Stadt Aarau.

Modernisiertes Erscheinungsbild

Die Neujahrsblätter haben auch ein neues Kleid enthalten. «Ich dachte, das ist jetzt ein richtiges Buch», antwortete Stadtpräsidentin Jolanda Urech an der Vernissage auf die Frage von Redaktionskommissionspräsident Martin Tschannen nach dem Eindruck auf den ersten Blick.

Die Neujahrsblätter sind ein wenig grösser geworden: einen Zentimeter breiter und, was im Büchergestell mitunter mehr ins Gewicht fällt, rund anderthalb Zentimeter höher. Vom Layout her kommt das 176 Seiten starke Werk aus dem Badener Verlag «Hier und Jetzt» nun locker, ein Stück weit im Stile eines Magazins daher. «Modern» eben, wie es Jolanda Urech auf den Punkt brachte.

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