Aarau
Roma-Performance neben, nicht auf dem Standplatz der Fahrenden

Eigentlich sollte die Roma-Performance auf dem Standplatz im Schachen stattfinden. Auf dem Platz halten aber nur Jenische – keine Romas. Deshalb hat die Sommerakademie als Organisatorin ihren ursprünglichen Plan aufgegeben.

Ueli Wild
Drucken
Teilen
Der Standplatz für Schweizer Fahrende im Schachen in Aarau.

Der Standplatz für Schweizer Fahrende im Schachen in Aarau.

Chris Iseli

«Rom Som» nennt sich die Performance, die morgen Freitagabend beim Fahrenden-Standplatz im Aarauer Schachen zur Aufführung gelangt. Wohlgemerkt: Beim Standplatz, nicht auf ihm.

«Rom som» heisst in der Roma-Sprache Romanés so viel wie: «Ich bin Rom», sprich: Angehöriger der ‹Roma› genannten Volksgruppe.» Keine selbstverständliche Aussage: Nach offiziellen Schätzungen leben in der Schweiz rund 50 000 bis 80 000 Angehörige dieser Minderheit und viele von ihnen ziehen es vor, sich nicht als Roma zu erkennen zu geben.

Aus Angst, Job oder Freunde zu verlieren. Abgesehen von durchreisenden ausländischen Roma-Familien pflegen die meisten Roma in der Schweiz ein bürgerliches Leben – ohne Wohnwagen.

Kunst und Politik in einem

Die von Volkshochschule Aarau und dem Verein «die literarische aarau» organisierte Veranstaltung schliesst den diesjährigen Zyklus der Sommerakademie ab. Das Roma Jam Session Art Kollektiv ist das erste Künstlerkollektiv in der Schweiz, das sich performativ, politisch und vermittelnd dafür einsetzt, die Minderheit der Roma in der Gesellschaft sichtbar zu machen.

Ursprünglich hatte Ortrud Gysi, Vorstandsmitglied von «die literarische aarau», geplant, die Performance auf dem Standplatz selber stattfinden zu lassen und die dort stationierten Fahrenden mit einzubeziehen. Das Ensemble wäre damit auch einverstanden gewesen, wie Gysi sagt.

Nur: Um Roma handelt es sich bei den Fahrenden im Schachen eben gerade nicht, sondern um Jenische, einheimische Fahrende, die nicht der Volksgruppe der Roma angehören und in «Transitreisenden» ein Konfliktpotenzial sehen. Die «Bewegung der Schweizer Reisenden» verlangt, dass durchreisende Roma auf separaten Transitplätzen anhalten.

Der Halteplatz Schachen dient gemäss Platzordnung ausschliesslich dem befristeten Aufenthalt von Fahrenden, die in der Schweiz wohnen und mindestens über die Niederlassungsbewilligung C verfügen. Die in der Schweiz seit 1998 anerkannte nationale Minderheit der Fahrenden umfasst zirka 30 000 Personen, von denen 2000 bis 3000 noch regelmässig fahren.

Nach Absprache mit Hans Umbricht, Leiter Gewerbe bei der Stadtpolizei, findet die Performance nun nicht auf dem Standplatz, sondern unmittelbar neben diesem statt. Die nötige Elektrizität wird nach Gysis Worten beim Standplatz bezogen. Damit das klappe, werde auch Hans Umbricht vor Ort sein. «Wir werden zudem am Donnerstagabend hingehen und die Jenischen einladen, zur Veranstaltung zu kommen», sagt Gysi. Die Leute vom Kollektiv seien auch bereit, hinterher mit den Fahrenden zu reden – «wenn sie das möchten.»

«Rom som» handelt von Vorurteilen, Sündenböcken, Identität, Heimat und Heimatlosigkeit. Das aus Mo Diener, Milena Petrovic und Mustafa Asan alias RR Marki bestehende Zürcher Trio beschränkt sich nicht auf künstlerische Auftritte. Es engagiert sich auch als politisch aktivistische Gruppe mit Nichtregierungsorganisationen und in einer Arbeitsgruppe auf Bundesebene. Es will in Aarau «den Raum durch kollektive Gesten der Selbst- und Publikumsaktivierung bespielen» und seine künstlerische und politische Arbeit vorstellen.

Rom som, Performance der Künstlergruppe RJS art Kollektiv, letzte Veranstaltung der Sommerakademie 2015 der Volkshochschule Aarau, Freitag, 7. August, 18 Uhr, Treffpunkt bei der Reithalle am Weg zur Pferderennbahn Schachen.

Aktuelle Nachrichten