Aarau

«Robozän» heisst die neue Ausstellung im Stadtmuseum: Industrie ist nicht von gestern

Kuratorin Flavia Muscionico am «Fliessband», auf dem die Geschichten von acht Aargauer Unternehmen erzählt werden.

Kuratorin Flavia Muscionico am «Fliessband», auf dem die Geschichten von acht Aargauer Unternehmen erzählt werden.

Für die neue Ausstellung wird das Aarauer Stadtmuseum zur Milchflaschen-Sammelstelle. Die Vernissage ist am Donnerstagabend.

Der Unterschied könnte nicht grösser sein. Links die Patrons; selbstsicher, stolz, freudig gucken sie in Zukunft und Kamera, liebkosen dabei ihr Produkt, perfekt in Szene gesetzt. Rechts herrscht Konsternation. Zusammengepresste Lippen, verschränkte Arme, die Blicke leer. Es sind Bilder von Arbeitern, die eben erfahren haben, dass sie ihre Arbeit verlieren werden.

Die Bilder laufen in Endlosschleife. Die einen unter dem Titel «Gesichter der Macht», die anderen unter «Verlorene Arbeitsplätze». Es ist das Fenster zur Vergangenheit in der neusten Ausstellung des Stadtmuseums Aarau, «Robozän – neue Zeiten für Industrie, Arbeit und Konsum». Entstanden im Rahmen des Themenjahres #ZeitsprungIndustrie beschäftigt sich die Ausstellung mit dem Wandel der Industrie, aktuellen Fragen rund um den Ressourcenverbrauch, internationaler Arbeitsteilung und mit der Industrie der Zukunft.

Ein Blick zurück für Erklärungen

«Um zu verstehen, warum etwas ist, wie es ist, muss man auch zurückschauen», sagt Kuratorin Flavia Muscionico. Und da ist kaum etwas wirkungsvoller als das Bild, in diesem Falle Pressebilder aus den späten Sechzigerjahren aus dem Ringier-Bildarchiv. «Die Fotos zeigen Ernüchterung und Angst. Aber sie dokumentieren auch, dass sich die Industrie immer wieder neu erfindet – wenn sie denn mit den Veränderungen mitgeht», so Muscionico. Die alten Bilder stehen aber auch für aktuelle Fragen, welche die Ausstellung behandelt: Wie arbeiten wir künftig? Wie schaffen wir es – bei unserem verschwenderischen Umgang mit Ressourcen – auf gleichem Niveau weiterzuleben? «Und über allem schwebt die Frage: Blicken wir in 50 Jahren ebenfalls zurück und finden, das war alles halb so schlimm?»

«Robozän» – der Titel der Ausstellung setzt sich aus «Roboter», dem tschechischen Wort für Zwangsarbeit, und «Zän», dem Begriff für ein Erdzeitalter zusammen. Das Zeitalter der Industrialisierung, der Digitalisierung, der Automatisierung. Der Veränderung letztlich unserer Gesellschaft. Aufgezeigt wird dies anhand von acht Aargauer Unternehmen: Darunter Wisa Gloria, die Lenzburger Spielzeugfabrik, deren Dreiräder, Schnecken und Kugelbahnen nichts an Beliebtheit eingebüsst haben. Und das, obwohl die Produktion in Lenzburg 1992 einging; man hatte verpasst, die Fertigungstechniken zu modernisieren. Das Ehepaar Haderer aus dem sankt-gallischen Au schliesslich erwarb die Rechte und belebte die Marke 2008 neu – als Nischenprodukt für qualitätsbewusste Nostalgiker. «Wisa Gloria ist das Beispiel dafür, dass die Herausforderungen – in diesem Falle die Billigproduktion und das Plastikspielzeug – ein Unternehmen in die Knie zwingen können; dass aber die Spezialisierung auf eine Nische die Marke wiederbeleben kann», so Muscionico.

Porträtiert werden nebst Wisa Gloria auch die Chocolat Frey in Buchs, die Aarauer Kern, Künzli SwissSchuh aus Windisch, O. Kleiner AG aus Wohlen oder Flokk aus Koblenz. Dazu Kunststoffproduzent Rotho aus Würenlingen, der trotz hochautomatisierter Verfahren nicht auf Menschen verzichten kann, oder die Brugger Sintratec AG, die mit ihrem 3D-Drucker, der personalisierte Tabletten herstellt, die Pharmabranche revolutionieren könnte. «Sie alle machen deutlich, dass Industrie im Kanton nicht passé ist.»

«Industrie geht auch Kinder etwas an»

Die kleinen Besucher können Roboter programmieren.

Die kleinen Besucher können Roboter programmieren.

Was alles technisch klingt, geht auch verspielt. «Industrie geht schliesslich auch Kinder etwas an», sagt Flavia Muscionico. Diese dürfen in der Ausstellung ihre eigene Fabrik gründen. An fünf Stationen entscheiden sie, wer was für sie produziert, sie können Roboter programmieren und Sound produzieren. Und an zwei Sonntagen (5. April und 21. Juni) wird im Stadtmuseum in 3D gedruckt. Und zwar aus dem geschmolzenen Granulat von in der Ausstellung geschredderten Plastik-Milchflaschen. Dafür wird das Museum nicht nur vom Aarauer Verein «Prozessor» einen Schredder bauen lassen, es wird auch zur Milchflaschensammelstelle, damit die Maschine genügend zu beissen hat.

«Robozän» vom 21. Februar 2020 bis 7. Februar 2021. Vernissage am 20. Februar, 18.30 Uhr.

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