Aarau
Risse und Verschiebungen: Kaputter als die Kettenbrücke ist keine

Je länger es dauert, bis die marode Aarebrücke ersetztwerden kann, desto mehr Geld fliesst in die Instandhaltung

Nadja Rohner (Text und Alex Spichale (Fotos)
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Ein Riss in der Fahrbahn
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Roberto Scappaticci, der Projektverantwortliche der "Pont neuf" vom Baudepartement Kanton Aargau.
Schäden an der Kettenbrücke fordern Notreparaturen bis die neue Brücke "Pont neuf" gebaut ist.
Schäden an der Kettenbrücke Verschiebung. Schäden an der Kettenbrücke fordern Notreparaturen bis die neue Brücke "Pont neuf" gebaut ist, Aarau, 8. September 2016.
Schäden an der Kettenbrücke
Schäden an der Kettenbrücke
Schäden an der Kettenbrücke
Schäden an der Kettenbrücke
Schäden an der Kettenbrücke
Schäden an der Kettenbrücke
Risse an den Aussenwänden
Risse an den Aussenwänden
Achäden an der Kettenbrücke
Roberto Scappaticci inspiziert die bei der Kettenbrücke durch Feuchtigkeit und Korrision beschädigte Decke.
Roberto Scappaticci inspiziert die bei der Kettenbrücke durch Feuchtigkeit und Korrision beschädigte Decke.
Roberto Scappaticci inspiziert die bei der Kettenbrücke durch Feuchtigkeit und Korrision beschädigte Decke.
Roberto Scappaticci inspiziert die bei der Kettenbrücke durch Feuchtigkeit und Korrision beschädigte Decke.
Roberto Scappaticci

Ein Riss in der Fahrbahn

Ein Jahr. So lautet die vorsichtige Schätzung, auf die sich Roberto Scappaticci einlässt. Der Projektleiter Brückenbau beim Kanton Aargau würde eigentlich gerne bald mit der Umsetzung seines drängendsten Projekts beginnen: dem Neubau der Kettenbrücke, dem «Pont neuf». Aber das 33-Mio.-Franken-Projekt, das 2017 hätte starten sollen, ist durch Einsprachen blockiert – und, eben, mit einem Jahr Verspätung rechnet der Ingenieur in etwa. Immer mit dem Hinweis auf den Rechtsweg, den die Einsprecher bis zum Bundesgericht gehen können. Sollte es so weit kommen, wird die Lage an der alten Brücke langsam, aber sicher prekär – und teuer: Pflästerli für Pflästerli wird darauf geklebt, Hunderttausende Franken investiert, damit sie verkehrstauglich gehalten werden kann.

Sorgenkind des Brückeninspektors

Wo liegt überhaupt das Problem? Roberto Scappaticci erklärt es gemeinsam mit Stefan Renggli, dem Brückeninspektor des Kantons Aargau. Normalerweise inspiziert er jede Brücke alle 5 Jahre. Nicht so die Kettenbrücke – hier sieht Renggli jedes Jahr nach dem Rechten. Nachdem die marode Gnadenthal-Brücke jetzt ersetzt wird, ist die Kettenbrücke «ganz oben auf der Alarmliste», wie er sagt. Wer insbesondere die beiden Brückenköpfe genau anschaut, sieht tiefe Risse und verschobene Elemente. «Alles verrutscht und verkeilt», sagt Renggli. «Deshalb macht die Brücke die Bewegungen nicht mehr mit, wie sie es eigentlich sollte. Das gibt unerwünschte Zwängungen auf die Konstruktion, und der schwächere Teil gibt nach.»

Es besteht nun nicht die Gefahr, dass die Kettenbrücke einstürzen könnte. Sowieso attestieren die Experten der Tragkonstruktion einen recht guten Zustand. Aber das Innenleben des Bauwerks hat gelitten. Die Räder der vorbeifahrenden Fahrzeuge könnten Löcher durch die Brückenplatte stanzen. «Das ist ein Szenario, das wir verhindern wollen», sagt Scappaticci.

Demnächst stehen wieder Flickarbeiten an, dieses Mal am Deckbelag. Sie hätten eigentlich diese Woche durchgeführt werden sollen. Aber da eine nahe Baustelle der IBA ohnehin schon Verkehrsbehinderungen verursacht, wurde der Termin auf den 22./23. September verschoben. Gut 20 000 Franken kostet das.

Wir stehen auf der Fahrbahn. Renggli rüttelt mit dem Werkzeug am Randstein, wie ein Zahnarzt am Wackelzahn. «Komplett lose», konstatiert er. Ein schwerer Lastwagen könnte das Stück problemlos herausbrechen. Aber vorerst bleibt der Randstein, wie er ist. Geflickt werden die tiefen Risse im Fahrbahnbelag. Sie sind bei weitem nicht nur ein Problem für den Fahrkomfort oder die Optik. Projektleiter Scappaticci erklärt es so: «Der Belag wirkt wie ein Regenschirm. Wenn er Risse hat, gelangen Regenwasser, Salz und wasserlösliche Chemikalien in den Beton darunter. Dadurch leidet der Beton, der aber die Armierungseisen schützen sollte. Ist dieser Schutz ungenügend, korrodieren die Armierungseisen und quellen auf – was wiederum den Beton wegsprengt.»

Tatsächlich: Einen Stock tiefer, in den Katakomben der Brücke, ist das ganze Ausmass der Schäden ersichtlich. An der Decke hängen kleine Stalaktiten, in den Ecken liegt herabgebröckelter Beton, an der Decke liegen die rostigen Armierungseinsen frei. Nicht überall, aber an vielen Stellen. Das sieht freilich nur, wer geduckt über die schmalen Stege hoch über dem Wasser klettert und sich durch taubenkotbedeckte Öffnungen im Innern der Konstruktion schlängelt – ein Ort also, wo man ohne Begleitung der Fachleute nicht hindarf.

Weitere Reparaturen nötig

«Hören Sie das?» Wir haben das Brückeninnere verlassen und stehen unter dem nördlichen Brückenkopf auf dem Aareuferweg. Ein dumpfes «todogg-todogg» erklingt bei jedem Fahrzeug, das die Brücke überquert. Eigentlich dürfte man nichts hören. «Das ist der Fahrbahnübergang – der nächste Patient», erklärt Scappaticci. Um das Verbindungsstück zwischen Brücke und Festland zu erneuern, sind nochmals 50 000 Franken nötig. «Würden wir die ganze Brücke so instandstellen wollen, dass wir fünf bis zehn Jahre Ruhe haben, kostet das geschätzte 1 bis 1,5 Mio. Franken», so Scappaticci. «Aber diese Investition wollen wir eigentlich nicht tätigen, wenn die Brücke sowieso ersetzt werden soll.»

Bestenfalls soll es nun also 2017 losgehen mit dem Neubau, falls die Einsprachen geklärt werden können. Derweil hat der Kanton erneut Gelder aus dem Agglomerationsprogramm des Bundes beantragt, nachdem ein erster Antrag abgelehnt wurde. Kommt er dieses Mal durch, müsste im 2019 gebaut werden und nicht, wie angepeilt, schon 2018. «Für 10 Millionen Zustupf aus der Bundeskasse warten wir noch ein bisschen», scherzt Scappaticci.

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