Robert Zuber, der frühere Wirt des «Riders Pub» in Densbüren, pflegte das Lokal nach dem Lichterlöschen durch die Hintertür zu verlassen – in der Hand einen Plastiksack, der das eingenommene Geld enthielt. So auch am 18. Februar letzten Jahres, gegen drei Uhr früh. In diesem Moment trat ein Unbekannter, der die Kapuze übers Gesicht gezogen hatte, an ihn heran und sagte zu ihm, er müsse keine Angst haben. Er wolle nur das Geld. Zuber hatte keine Angst. Er liess den Plastiksack fallen und ging auf den Kapuzenmann los. Während des folgenden Gerangels fasste der «Riders»-Wirt mehrere Schläge mit einem harten Gegenstand auf den Kopf und ging zu Boden. Doch es gelang ihm, dem Täter die Waffe zu entreissen und dieser suchte das Weite. Die Waffe entpuppte sich als Pistole – als Schreckschusspistole.

Tags darauf meldete die Kapo, sie habe einen Tatverdächtigen verhaftet. Schrittweise legte dieser ein Geständnis ab – nicht nur zum Raubversuch in Densbüren, sondern auch zu diversen Drogendelikten. In einer Wohnung hatte er zudem als Gast Kinderschmuck und einen fast 3000 Franken teuren Ehering mitlaufen lassen. Das Diebesgut verhökerte er, um Drogen zu kaufen. Heute Mittwoch stand der inzwischen 20-jährige Schweizer, der seine Jugend vor allem in Heimen verbrachte und sich seit über einem Jahr in Lenzburg im vorzeitigen Strafvollzug befindet, vor dem Bezirksgericht in Aarau.

Densbüren: Riders-Wirt niedergeschlagen

Der Tele M1-Beitrag vom Februar 2017.

Hauptpunkt der diversen strafbaren Handlungen, welche die Staatsanwaltschaft dem jungen Mann zur Last legte, war der versuchte Raub in Densbüren. Eine Freiheitsstrafe von viereinhalb Jahren, fand Oberstaatsanwalt Peter Heuberger, sei angemessen – das objektive Verschulden wiege in jeder Hinsicht schwer. (Die Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau hatte zwar Anklage erhoben, den Fall dann aber zu ihrer Entlastung an die Oberstaatsanwaltschaft abgetreten.)

In der Anklageschrift hatte die Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau auch die eventuelle Anordnung einer Massnahme für junge Erwachsene nach Art. 61 des Strafgesetzbuches (mit Einweisung in eine Einrichtung für junge Erwachsene) zur Diskussion gestellt. Oberstaatsanwalt Heuberger zog in der gestrigen Hauptverhandlung alternativ auch die Möglichkeit einer Massnahme nach Art. 59 StGB (stationäre Behandlung in einer psychiatrischen Klinik oder in einem Gefängnis) in Betracht. Schnell wurde klar, dass die grosse Frage, die das Gesamtgericht unter dem Vorsitz von Gerichtspräsident Andreas Schöb zu beantworten hatte, jene nach der Anordnung einer Massnahme war – und, falls ja, welche.

Lag gar keine Nötigung vor?

Detailfragen zur Sache quittierte der Beschuldigte vor Gericht mit dem stereotypen Satz, dazu wolle er nichts sagen. Da er in den Einvernahmen aber alles schon gestanden hatte, konnte der in der Anklageschrift beschriebene Sachverhalt als erstellt gelten. Bei der rechtlichen Würdigung widersprach allerdings Kenad Melunovic, der amtliche Verteidiger des Kapuzenmannes, der Staatsanwaltschaft. Beim Anklagepunkt des versuchten Raubs plädierte er auf einen Freispruch. Begründung: Raub sei ein «zweiaktiges Delikt»: Der Versuch des Diebstahls müsse mit einer Nötigung verbunden sein. Der Versuch des Raubs, so Melunovic, liege demnach erst vor, «wenn der Täter zur Verwirklichung der Nötigungshandlung ansetzt». Das sei im «Riders»-Fall nicht geschehen, habe der Beschuldigte doch dem Wirt die Pistole nicht unter die Nase gehalten, sondern ihm im Gegenteil gesagt, er müsse keine Angst haben.

Der Verteidiger beantragte für seinen Mandanten eine 15-monatige Freiheitsstrafe und sprach sich klar für eine Massnahme nach Art. 61 StGB aus. Eine solche nach Art. 58 StGB lehnte der Beschuldigte selber vehement ab.

Oberstaatsanwalt Heuberger entgegnete, der Tatbestand des versuchten Raubs sei sehr wohl erfüllt, denn die Ereignisse liessen sich nicht in Einzelteile zerlegen. Da Zuber den Unbekannten angegriffen habe, statt ihm den Geldsack auszuhändigen, habe der Beschuldigte in der nächsten Phase die Pistole eingesetzt – nämlich, «da er wusste, dass man mit ihr nicht schiessen konnte, als Schlagwaffe». Zum Übungsabbruch geblasen habe er nur, weil er die Pistole und den Kampf mit dem Wirt verloren habe. Zu diesem Schluss kam auch das Gericht. «Hätte er obsiegt», so Gerichtspräsident Schöb, «wäre der Beschuldigte mit dem Geldsack abgehauen.»

Massnahme für junge Erwachsene

Das fünfköpfige Gericht sprach den Kapuzenmann weitestgehend schuldig im Sinne der Anklage. Einzig den gewerbsmässigen Charakter des Drogenhandels verneinte es. Das Strafmass: viereinhalb Jahre Freiheitsstrafe, wobei diese zugunsten des Vollzugs einer stationären Massnahme für junge Erwachsene aufgeschoben wird. Eine Massnahme, sagte Schöb, sei zwingend nötig. «Nach viereinhalb Jahren wären wir sonst keinen Schritt weiter.» Dem jungen Mann versuchte er aber klarzumachen, dies sei seine letzte Chance: Nächstes Mal komme Art. 59 StGB zum Zug. Die Diagnose der dissozialen Persönlichkeitsstörung habe die Gutachterin nur seines jugendlichen Alters wegen nicht gestellt – obgleich sie die entsprechenden Kriterien für erfüllt halte.

Gegen einen ehemaligen Hilfskoch des «Riders Pub» läuft ein separates Verfahren wegen Gehilfenschaft. Er wusste um die Gewohnheiten des Wirtes und soll in der Tatnacht dem Kollegen, der mit der Beute seine Schulden bei ihm begleichen wollte, als Chauffeur gedient haben.