Erlinsbach
Revierförster Roth hätte vor der Pension gerne den Wolf im Wald gehabt

Nach 47 Jahren im Wald freut sich Kurt Roth auf lange Ferien am Meer. Der Erlinsbacher Revierförster ist stolz auf seinen Wald, auch wenn ihm der Hirschkäfer, der Schwarzstorch und der Wolf fehlten.

Katja Schlegel
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Im Frühling 1967 hat Kurt Roth als Lehrling diese über 200 Jahre alte Eiche kennengelernt. Seither ist sie sein Lieblingsbaum, den er ab und zu streicheln geht.

Im Frühling 1967 hat Kurt Roth als Lehrling diese über 200 Jahre alte Eiche kennengelernt. Seither ist sie sein Lieblingsbaum, den er ab und zu streicheln geht.

Chris Iseli

Im zweiten Gang braust Kurt Roth in seinem weinroten Geländewagen den stotzigen Hang zum Erlinsbacher Buechwald hoch. Fahren könnte er den Weg auch im Schlaf.

Fast auf den Tag genau 47 Jahre ist es her, seit er hier mit seinem Töffli zum ersten Mal hochgeröchelt ist. Am 1. April 1967 hat er zum Missmut seiner Eltern seine Lehre als Forstwart im Erlinsbacher Wald angetreten. Ein Beamter bei den SBB oder der PTT hätte aus ihm werden sollen, etwas Anständiges. Roth lacht. So wurde er halt ein anständiger Förster.

Es war also Frühling, und was für einer. Anfang März hatte ein Orkan massive Sturmschäden im Wald angerichtet, Tausende Kubikmeter Holz lagen am Boden. Und so kam es, dass der junge Stift das erste halbe Jahr lang nur Rinde von den Stämmen schälte, um das Holz vor Schädlingen zu schützen.

Das gab so dicke Oberarme, dass Roth bald darauf Schweizer Meister im Diskuswerfen wurde. Ansonsten habe er aber nicht viel mit Axt und Handsäge zu tun gehabt. Roths Jahrgang war der erste, der an der Motorsäge ausgebildet wurde.

Nach Sturm Vivian flossen Tränen

Untreu wurde Roth seinem Wald nur kurz. Nach seiner Lehre machte er 1975 die Försterschule in Lyss und wurde im Jahr darauf Förster im Habsburger Staatswald bei Brugg. Doch schon 1978 kehrte Roth nach Erlinsbach zurück. 1996 kam die Zusammenlegung mit Küttigen, im August 2013 der mit Densbüren. Heute sind es rund 1750 Hektaren Wald, die Roth und seine Mannen vom Forstbetrieb Jura unterhalten.

In den ganzen Jahren hat Roth viele Veränderungen erlebt. Die des Holzpreises, beispielsweise, die ihn bloss den Kopf schütteln lässt. «Anfang der Achtzigerjahre bekam man für einen Kubikmeter Nadelholz noch 200 Franken, heute sind es noch knapp 100. Das ist eine Katastrophe.»

Schlimm war auch Sturm Vivian im Jahr 1990, der grossflächig ganze Waldstücke umfegte. Da seien schon einige Tränen geflossen, klar. «Aber Stürme gehören zur Natur, wie Regen und Sonne auch.»

Nach Vivian habe man auf Dauerwaldbewirtschaftung umgestellt – keine flächenmässigen Holzschläge mehr, sondern einzelne Bäume, die aus dem Bestand herausgenommen werden. Eine grosse Erleichterung war auch der gemeinsame Betriebsplan und die Forstrechnung mit Küttigen: Bis dato musste Roth entlang der Grenzverläufe für jeden Baum ausfindig machen, auf welchem Gemeindegebiet er steht. «Die Gemeinden waren da sehr penibel, das hat mir ganz gewaltig zu schaffen gemacht.»

Roth leistete auch Pionierarbeit: Er hat in den 1990er-Jahren liegendes und stehendes Totholz im Wald belassen, und damit die hartnäckig haltende Idee der sauber aufgeräumten Wälder beerdigt. «Die Leute mussten sich erst daran gewöhnen, dass ein Wald unordentlich sein darf, ja sein muss, damit er genügend Nährstoffe bekommt», sagt Roth. Das habe für die eine oder andere giftige Bemerkung gesorgt. «Aber wie heisst es so schön: Wie man in den Wald ruft, so kommt es zurück», sagt er.

Zu viel Lob ist ihm unangenehm

Ist er stolz auf seinen Wald? «Ganz gewaltig stolz sogar», sagt Roth. Er bekomme so viele Komplimente für seine Arbeit, dass es ihm manchmal richtiggehend unangenehm werde. «Aber eigentlich sollte man als Förster 100 Jahre wirken können, um den Wald so zu gestalten, wie man will.»

Dazu wäre er ja jetzt auf dem besten Weg, oder? Roth winkt ab, nach 47 Jahren hat er genug. «Fertig lustig für dieses Leben. Vielleicht im übernächsten wieder.» Roth lacht, wie so oft an diesem Nachmittag. Trotz eines Lebens im Wald, ständig unter diesen stillen, knorzigen Wesen, ist er doch kein hölzerner Kerl geworden.

Noch immer marschiert er zu jeder Jahreszeit voller Freude durch seinen Wald, hört den Regentropfen-Symphonienzu, fotografiert die aufblühenden Orchideen, staunt ob der kräftigen Farben der Eidechsen.

Was ihm in seinem Wald noch fehlt, ist der Hirschkäfer. Oder der Schwarzstorch. «Und am allerliebsten hätte ich einen Wolf, mein absolutes Lieblingstier.» Seinen Lieblingsbaum, den hat Roth übrigens seit Beginn seiner Stifti. Lehrmeister Hans Haller stellte ihm die Eiche vor, die ihm noch heute die liebste von allen 1167 Eichen im Forstgebiet ist.

«Sie ist nicht grad die dickste, aber wohl die älteste», sagt er und tätschelt liebevoll den dichten Moosmantel über dem Fuss des Stammes. Über 200 Jahre alt schätzt er sie.

Nach Pension ist alles möglich

Jetzt geht er also, am 25. April ist Roths letzter Arbeitstag. Und dann? Erst fährt er mit seiner Partnerin einen Monat lang an die Nordsee. Nur Meer, Salzluft und Wind, kein Wald weit und breit. Danach sei alles möglich. Vielleicht wandern sie aus, vielleicht kaufen sie ein Haus mit Platz für Geissen und Hühner.

Und was passiert mit seiner Lieblingseiche? «Die werde ich regelmässig besuchen und ein bisschen streicheln», sagt er und lacht. «Bäume sind auch Lebewesen und haben es gern, wenn man lieb zu ihnen ist.»

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