Aarau
Religion, ein doch sehr persönliches Thema

Gesprächsleiterin Marianne Klopfenstein fühlte im Kronetalk der Stadtpräsidentin Jolanda Urech und dem Musiker Michael Schneider auf den «religiösen» Zahn.

Hermann Rauber
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Kronetalk vom Sonntag mit dem Musiker Michael Schneider, der Stadtpräsidentin Jolanda Urech und Gesprächsleiterin Marianne Klopfenstein.

Kronetalk vom Sonntag mit dem Musiker Michael Schneider, der Stadtpräsidentin Jolanda Urech und Gesprächsleiterin Marianne Klopfenstein.

Jiri Vurma

«Nun sag, wie hast du’s mit der Religion? Du bist ein herzlich guter Mann, allein ich glaub, du hältst nicht viel davon», lässt Johann Wolfgang von Goethe in seinem «Faust» die Margarethe den Heinrich fragen. Genau um diese «Gretchenfrage» ging es am gestrigen Sonntagmorgen im Kronetalk mitten in der Aarauer Altstadt. Unter Leitung von Marianne Klopfenstein stellten sich die Aarauer Stadtpräsidentin Jolanda Urech und Michael Schneider, Komponist und Leiter des Künstlerhauses Boswil, dem «sehr persönlichen Thema», das zum Beispiel in den Vereinigten Staaten von Amerika zum Alltag gehört, in der Schweiz aber immer mehr zu einem Tabu wird.

Fazit nach dem einstündigen Gespräch: In unserer säkularen Gesellschaft spielt die aktiv ausgeübte Religion in der Gesellschaft zwar nur noch eine zunehmend untergeordnete Rolle, doch der Einfluss der christlichen Grundwerte, die sich von Jugend an entwickelt haben, ist immer noch vorhanden und hallt beim Kulturschaffenden wie bei der Politikerin nach. Beide sind in einem reformierten Haus erzogen worden, wobei Jolanda Urech bei den Grosseltern eine «pragmatische Auslegung des Glaubens» erlebte. Man habe beim Essen oder am Abend gebetet und brav die Sonntagsschule besucht. Diese «kindliche Religiosität» hat beide geprägt, sie habe nicht zuletzt ein «Gefühl der Geborgenheit» vermittelt, das bis heute geblieben sei.

Keine regelmässigen Kirchgänger

Die so gewachsene «Spiritualität», vor allem in der besinnlichen Weihnachtszeit, hat allerdings nicht dazu geführt, dass aus Jolanda Urech und Michael Schneider im reiferen Alter regelmässige Kirchgänger geworden wären. Und auch in der beruflichen Tätigkeit spielt die Religion oder gar Gott selber bei beiden keine tragende Rolle. Sie höre zwar am Sonntagmorgen, wenn sie in ihrem Büro im zweiten Stock des Rathauses Akten studiere, «sehr gerne den Klang der Kirchenglocken» von der nahen Stadtkirche, die die Gläubigen zum Gottesdienst rufen, doch sie nimmt daran nicht teil. Trotzdem hält sich die Stadtpräsidentin in ihrer täglichen Arbeit an «christliche Werte und Tugenden» wie Gerechtigkeit, Respekt, Toleranz, Ehrlichkeit oder Fürsorge.

Der Kronetalk war Teil der Aktion «Aarau liest die Bibel» der reformierten Kirchgemeinde. Das «Buch der Bücher» hat aber weder für Urech noch für Schneider eine grundlegende Bedeutung. «Die Bibel hat in der heutigen Zeit ihre Wirkung als sinnstiftendes Element eingebüsst», sagte der Musiker, wobei der Grund für diesen glaubensmässigen «Bruch» zwischen Kindheit und Erwachsenendasein offenblieb. Schneider plädierte deshalb «für eine bessere Präsenz der Kirche im öffentlichen Raum», zum Beispiel in der Asylpolitik. Diese Bemerkung führte die Runde weg von der persönlichen «Gretchenfrage» und mündete im ersten Stock des Restaurants Krone quasi stellvertretend in eine allgemeine religionspolitische Debatte.

Toleranz, eine Herausforderung

Im Vordergrund stand am Ende der Zwiespalt, wie sich die noch immer christlich geprägte Gesellschaft in unserem Land mit ihrer Toleranz in Glaubensfragen gegenüber dem Islam zu verhalten habe. Man war sich einig, dass «die Religion nicht instrumentalisiert werden darf» und dass «jeder extreme Fanatismus» kein Fundament für ein friedliches Zusammenleben der Kulturen sein kann. Für Michael Schneider ist aber auch klar, dass «gewisse Grundprinzipien in unserem Staat nicht verwässert oder aufgelöst werden dürfen». Der Weg dieser «Konfliktkultur» sei allerdings nicht einfach und für die heutige Gesellschaft eine «echte Herausforderung».

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