Reinach
Diese Frau kickte das «Frölein» aus der Beamtenstube

Marianne Aeschbacher, Leiterin der Reinacher Einwohnerdienste, wird pensioniert. Nach über 36 Jahren. Dabei hat sie zu Beginn einzig der kurze Arbeitsweg in Reinach gehalten. Heute ist sie die Dienstälteste im Haus.

Katja Schlegel
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Marianne Aeschbacher hat 36 Jahre lang auf der Gemeindeverwaltung Reinach gearbeitet. Jetzt wird sie pensioniert.

Marianne Aeschbacher hat 36 Jahre lang auf der Gemeindeverwaltung Reinach gearbeitet. Jetzt wird sie pensioniert.

Britta Gut

Tür an Tür zu wohnen, war den beiden Mädchen nicht genug. Auch nicht, alle Geheimnisse zu teilen. Nein, sie wollten auch gemeinsam arbeiten. Und so wurde Marianne Aeschbacher Stiftin auf der Gemeindeverwaltung Gontenschwil. So, wie ihre beste Freundin auch. Das war 1974.

Beidem ist Marianne Aeschbacher all die Jahre treu geblieben; der Freundin wie auch der Arbeit. Doch eines nimmt an diesem Freitag ein Ende: Marianne Aeschbacher (63), Leiterin der Einwohnerdienste, seit 36 Jahren auf der Gemeinde Reinach und damit Dienstälteste im Haus, wird pensioniert.

Die Erinnerung schaudert sie heute noch

Dienstälteste, gar länger im Dienst als Langzeit-Ammann Martin Heiz; das hätte sie sich nie träumen lassen. Nie. Im in Fliedertönen gehaltenen Büro sitzend, schaudert es Marianne Aeschbacher noch heute, wenn sie an ihre ersten Wochen in Reinach denkt. Damals im Dezember 1984.

An die Räume in drückendem Tannengrün, an ihren Vorgesetzten im weissen Mäntelchen, der wie ein gestrenger Lehrer vor den Pulten seiner Mitarbeiter sass, an das ewige «Frölein», das sie partout nicht ausstehen konnte. Sie, die «Rebellische», die «Emanze», wie die Arbeitskollegen frotzelten, die nach vier Jahren im Sekretariat des Kinderspitals Zürich ins Tal zurückgekehrt war.

Nach Reinach mit seinen damals 6000 Einwohnern und einem Ausländeranteil von 15 Prozent, hauptsächlich italienische Saisonniers, deren Angelegenheiten damals noch gesondert von denen der Schweizer behandelt wurden. Was sie hier hielt, war einzig der kurze Arbeitsweg.

Sie hat den «frischen Wind» doch noch gebracht

Doch sie hat ihn gebracht, den «frischen Wind», für den sie der damalige Ammann Klaus-Jörg Dogwiler explizit angestellt hatte. Nach ein paar Anlaufschwierigkeiten, wie sie sagt, fegte sie das Altmodische raus und pfefferte das «Frölein» hinterher.

1986 wurde sie Leiterin der Einwohnerdienste und blieb es. Setzte sich gar während rund zwölf Jahren im Vorstand (von 2004 bis 2014 als Präsidentin) des Verbands Aargauer Einwohnerdienste für ihre Branche ein, führte Lehrlinge durch die Abschlussprüfungen und rang hart mit dem Kanton um praxistauglichere Lösungen, so sehr lag ihr der Beruf am Herzen.

«Aus echtem Interesse um die Menschen gekümmert»

Verändert haben sich nicht nur die Einwohnerdienste, von der Beamtenstube zum Dienstleistungsbetrieb, sondern vor allem auch das Dorf. Heute zählt Reinach rund 8900 Einwohner, der Ausländeranteil beträgt 42 Prozent. Die allermeisten dieser 8900 Menschen hat Marianne Aeschbacher getroffen, zum Teil gar über Jahre eng betreut.

Müde wurde sie nie, verleidet ist ihr die Arbeit bis heute nicht. Selbst wenn sie tagtäglich am Schalter mit Problemen konfrontiert war, mit Knacknüssen, mit Verlusten, Verzweiflung. Ja, gerade deshalb sei es ihr nie verleidet, sagt sie. «Ich habe den Menschen immer zugehört, mich aus echtem Interesse um sie gekümmert.» Und vor allem habe sie sich immer die Mühe genommen, ihnen auf Augenhöhe zu begegnen und sie zu verstehen. «So vielen ist allein schon geholfen, wenn sie sich bei einer neutralen Person ihren Frust oder ihr Leid von der Seele reden können. Und mich hat es immer gefreut, damit etwas Gutes zu tun.» Nicht umsonst hat ihr eine Kollegin einmal ein Schild mit der Inschrift «Lebensberaterin Marianne Aeschbacher» aufs Pult gestellt.

Jetzt bleibt Zeit fürs Hobby: den Porsche Club

Diese Kontakte, sie werden nun fehlen, ihr fünfköpfiges Team sowieso. Ein Verlust, auf den sich Marianne Aeschbacher das letzte Jahr über ganz bewusst vorbereitet hat. «Es ist schon eine grosse Veränderung, von einem Tag auf den andern nicht mehr gebraucht zu werden. Aber jetzt habe ich Zeit für mich. Und das ist gut so.» Zeit, um einfach mal aufs Velo zu sitzen, wenn es ihr drum ist.

Und Zeit für das Hobby, das sie mit ihrem Mann Peter teilt: Porsche. Während sein Herz hauptsächlich für die Autos schlägt, tut es das ihre fürs Organisieren; sie ist die Präsidentin des Porsche Clubs Mittelland. Und sie organisiert nicht einfach nur gern. «Bei mir muss es perfekt sein», sagt sie und lacht, echt und herzlich. «Da drückt wohl auf Lebzeiten die pedantische Gemeindeangestellte durch.»