«Ich dachte niemals daran, ein Buch zu veröffentlichen», sagt Regula Brühwiler-Giacometti. Und trotzdem tut sie nun genau das. Die 59-jährige sitzt in ihrem geschmackvoll eingerichtet Wohnzimmer in Gränichen und krault ihre Katze. Man merkt, wie verwundert sie selber über den Lauf der Dinge ist. Alles fing an mit dem Tod ihrer Mutter vor vier Jahren. Im Nachlass findet sie Fotos ihrer Eltern und Grosseltern. «Da kam bei mir der Wunsch auf, die Familiengeschichte aufzuschreiben. Auch, um sie für meinen Sohn aufzubewahren.» Während den ersten Schreibversuchen beginnt sie, ihre Rolle in der Familienchronik zu hinterfragen.

Ein Verwandter von Giacometti

Regula Brühwiler-Giacometti hat selbst eine bewegte Geschichte. Sie ist ein Adoptivkind. 1958 kommt sie in St. Gallen als Tochter einer geschiedenen Mutter und eines verheirateten Vaters zur Welt. Sie ist ein Seitensprungkind. Ihr leiblicher Vater wusste vermutlich nicht einmal von der Schwangerschaft. Für die Mutter ist klar, dass sie ihr Baby zur Adoption freigeben muss. Sie hat bereits drei Kinder, für die sie sorgen muss. Das Neugeborene kommt direkt vom Spital ins Kinderheim, wo es zwei Monate später von der Bündner Familie Giacometti adoptiert wird. Regulas Adoptiv-Vater ist ein Verwandter des berühmten Künstlers Alberto Giacometti, der auf der 100er-Note verewigt ist. Regula sieht den Bildhauer aber nur einmal, als sie drei Jahre alt ist.

Der «rettende Prinz»

Sie wächst behütet bei ihren Adoptiveltern auf. Als sie sechs Jahre alt ist, kommt ihr Bruder zur Welt. Er ist kaum zu bändigen und damit das pure Gegenteil zur lieben, braven Regula. Als sie 18 ist, stirbt der Vater. Von nun an ist die Mutter allein für die Familie verantwortlich, sie ist überfordert mit dem wilden Sohn und kann ihrer Tochter deswegen nur wenig Liebe schenken. Regula leidet darunter. Schliesslich lernt sie ihren Ehemann, ihren «rettenden Prinzen», kennen, zieht zu ihm in den Aargau und wird selber Mutter.

Ihr Mann ist es auch, der sie dazu ermuntert, nach ihren Wurzeln zu forschen. Via Adoptionsdienst kann sie mit ihrer leiblichen Mutter Kontakt aufnehmen, nach zwei Treffen ist die Verbindung aber wieder gekappt. «Sie war wie eine Fremde für mich», erinnert sich Brühwiler. Sie erzählt ruhig und klar, unterbricht das Gespräch nur, wenn sie ihr Kätzchen daran hindern muss, die Vorhänge zu zerfetzen.

Brühwilers Umfeld reagierte positiv auf das Geschriebene und ermutigte sie, einen Verlag zu kontaktieren. So schickte sie das erste Kapitel an den Cameo Verlag. Dessen Verleger, Gabriel Palacios, kannte sie bereits. Der junge Beststellerautor hatte ihr bei einer Vorlesung eine sehr persönliche Widmung geschrieben, die die Initialzündung zum Buch war.
Die Zusage kam im April. Bis Ende Juni musste das Manuskript vollständig sein. «Nach der ersten Euphorie kam die Angst, ob ich das überhaupt schaffe», gibt Brühwiler zu. Sie machte sich sofort an die Arbeit, kaufte sich extra einen Laptop. Mehrere Stunden pro Tag schrieb sie. «Es war eine spannende Zeit, aber es ging mir sehr an die Substanz.»

«Seitensprungkind»: Regula Brühwiler-Giacometti, Cameo Verlag.