Theatertage Aarau

Regisseur findet: «Das Festival darf noch grösser werden»

Hannes Leo Meier 2010 in Wohlen

Hannes Leo Meier 2010 in Wohlen

Der Regisseur Hannes Leo Meier spricht im Vorfeld der «Theatertage Aarau» über die Faszination des Laientheaters

Sie sagten einmal: «Theater ist nicht einfach das blosse Spielen einer Geschichte. Theater muss einen Bezug zum Leben haben.» Kann Theater die Welt verändern?

Hannes Leo Meier: Das ist etwas hoch gegriffen. Das Theater kann Fragen aufwerfen, es kann Menschen miteinander verbinden, es kann Themen erörtern. Und ja, es soll mit dem Leben zu tun haben. Mit dem Leben aus dem Jahre 2012, auch wenn man eine Geschichte von 1812 erzählt.

In Ihrem Stück «Balkan-Hamlet» spielen Jugendliche mit Migrationshintergrund. Ist Laientheater auch Sozialarbeit oder Therapie?

Kunst und Therapie werfe ich erst gar nicht in einen Topf. Therapie kommt zur Anwendung, wenn jemand krank ist. Kunst ist dazu da, dass sie die Menschen durch das Leben führt. Mich interessiert bei der Arbeit mit diesen Jugendlichen, dass sie spannende Geschichten mitbringen. Und: es gibt wenig Angebote für solche Jugendliche. Sie wissen nicht, was Theater alles sein kann. In diesem Sinn bin ich ein Pionier, weil ich mit Menschen zusammenarbeite, für die das nicht üblich ist.

Wo finden Sie geeignete Darsteller?

Wir rekrutieren über Facebook und Flyer oder gehen im wahrsten Sinne des Wortes auf die Strasse. Meist treffen wir dort auf enge Vorstellungen, was Theater ist. Aber gerade im Laientheater kann so vieles passieren: Da kann auch gerappt, getanzt und in allen möglichen Sprachen gesprochen werden.

Was unterscheidet einen Theaterkurs von einem Klöppelkurs?

Der Schauspieler ist, wenn man ihn mit einem Musiker vergleicht, seine eigene Violine. Er spielt mit sich und er spielt durch sich. Am wahrhaftesten ist er, wenn er einen Teil der eigenen Persönlichkeit in der Rolle aufgehen lässt. Ich möchte sogar so weit gehen und sagen: Das hat etwas mit «Offenbarung» zu tun.

Funktioniert eine solche «Offenbarung» mit Laien besser als mit Profis?

Für den Laienschauspieler ist das Schauspiel kein alltäglicher Brotverdienst. Er macht es seltener und deswegen sind auch seine Erlebnisse ausserordentlicher. Und auch für das Publikum ist es so. Der Zuschauer merkt, dass da vorne einer auf der Bühne steht, der plus/minus so ist wie er. In unserem Stück «Balkan-Hamlet» sind die Jugendlichen authentisch, so hoffe ich, weil sie Experten ihrer eigenen Biografie sind.

Wie schaffen Sie es, dass solche Menschen sich auf der Bühne exponieren?

Ich will nicht nur andere für das Theater begeistern, es begeistert mich auch selbst. Im Theater ist das Schlechte wie das Gute gut, wenn es nur gut gemacht ist. Das Theater soll das Leben entschlüsseln, verdichten und den Leuten dadurch einen leidenschaftlichen Zugang zum Leben ermöglichen.

Das Leben zu entschlüsseln, tönt fast esoterisch. Führt das nicht auch zu heiklen Momenten?

Die heiklen Momente sind individuell verschieden. Der eine hat Knorze am Anfang, der andere am Schluss, der nächste entwickelt sich langsam und findet erst an der Premiere zur Figur. Der andere erfasst die Rolle schnell, sie verrutscht aber danach. Was ich bei Laien erlebe: dass solche Angelegenheiten stark schwanken.

Wie steht es um das Amateurtheater in der Schweiz?

Ich weiss nicht, ob es sonst noch irgendwo ein Land gibt mit so vielen passionierten Amateur-Spielern.

Wie erklären Sie sich das?

Es gibt spannende Entwicklungen. Laienensembles gründen Jugendtheaterclubs wie das Kellertheater Bremgarten. Theatergruppen schliessen sich zusammen und machen grosse Kisten wie das Freilichtspiel «Mit Chrüüz und Fahne» oben im Freiamt. Die Theaterlandschaft ist im Moment sehr reich. Der Mut zu Grossem und Gewagtem ist klar zu erkennen.

Spiegelt sich diese Reichhaltigkeit auch im Programm der «Theatertage Aarau»?

Das Programm ist vielfältig. Etwas problematisch ist, dass viele Laienensembles ortsgebunden inszenieren und nicht ohne weiteres zügeln können. Diese fallen für die Aarauer Theatertage weg. Das ist schade, aber ich sehe auch keine Lösung dafür.

Man hat also das Bestmögliche herausgeholt?

Ja, es ist breit angelegt. Mit zwei, drei Innovationen könnte man das Festival allerdings weiterentwickeln.

Was heisst das konkret?

Das gehört nicht in die Presse. Da muss man zuerst an den runden Tisch sitzen. Aber so viel: Das Festival darf noch grösser werden.

Damit sind wohl alle einverstanden.

Deswegen habe ich es auch gesagt. Nur: Wie man es grösser macht, darüber ist man sich uneins. Sicher ist: Für Aarau ist das nationale Treffen der Schweizer Amateurtheater eine Bereicherung. Ein Festival, auf das man stolz sein kann und das man weiterpflegen soll.

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