Aarau

Recycling-Firmen boomen: Alle wollen unseren Müll

Die meisten Güter können bei den Multisammelstellen – hier die «entsorgBar» in Buchs-Aarau – gratis abgegeben werden.

Die meisten Güter können bei den Multisammelstellen – hier die «entsorgBar» in Buchs-Aarau – gratis abgegeben werden.

Immer mehr private Entsorgungsfirmen buhlen um unseren Abfall. Und das treibt sie an.

Sieben Jahre wartet Roberto Sommerhalder schon auf eine Baubewilligung. Die Sommerhalder AG, ein Buchser Familienunternehmen, bietet zwar seit Jahrzehnten Entsorgungen und Muldenservice an, hat aber noch keine Müll-Sammelstelle für Private. Mehrmals scheiterte das Projekt an Einsprachen. Doch nun liegt wieder ein Baugesuch auf für einen neuen, modernen Sammelhof an bester Lage: Ecke Wynentalstrasse-Lenzburgerstrasse, in der Nähe von Wynecenter und Chocolat Frey (Bild rechts). Sommerhalder rechnet mit 50 bis 60 Müll-Lieferungen pro Tag.

Vor sieben Jahren wäre dieser Sammelhof in der Region eine Seltenheit gewesen. Doch seither sind grosse, privat geführte Multisammelstellen wie Pilze aus dem Boden geschossen. Besonders in der Gegend um Aarau buhlen sie zahlreich um den Müll der kleinen Leute: In Buchs-Aarau und Kölliken gibt es die «entsorgBar». Eine dritte Filiale wird gerade in Däniken gebaut. Die Sammelstelle «Bausort» in Hunzenschwil hat im April 2016 eine Gratissammelstelle installiert. Wohl auch wegen des «Recycling-Paradieses», das in der selben Gemeinde liegt und wöchentlich von über 2200 Fahrzeugen frequentiert wird. Ein zweites «Paradies» gibts in Reinach.

Wird entsorgen jetzt billiger?

Und nun will Sommerhalder endlich auch mitmischen können. Wird der Müll-Markt in der Region noch umkämpfter, wenn der Neubau bewilligt wird? Und können die Kunden dann von sinkenden Preisen profitieren?

Urs Frey glaubt nicht daran. Denn der Verkaufsleiter bei der Transport AG Aarau, die die «entsorgBar» betreibt, hält den Preis ohnehin nicht für das entscheidende Kriterium der Kunden. «Viel wichtiger sind Infrastruktur und Dienstleistung», sagt er. «Wo liegt die Sammelstelle? Wie ist sie eingerichtet? Passen die Öffnungszeiten in meinen Tagesablauf? Wie gut ist der Kundenservice?» Zudem, so Frey weiter, falle in normalen Haushalten überwiegend Abfallmaterial an, das sowieso gratis entsorgt werden könne – Altpapier und Karton, PET, Elektroschrott, Aluminium oder Glas zum Beispiel.

Auch Karin Bertschi, Geschäftsführerin des «Recycling-Paradieses» setzt auf Dienstleistung statt besonders günstige Preise. Sie gibt sich diplomatisch: Einem neuen Konkurrenten könnte sie etwas Positives abgewinnen, denn «sicherlich wird die Recyclingquote in unserer Region durch weitere Dienstleistungsangebote erhöht».

Die Erlösen sind tief

Das grosse Geschäft lässt sich mit dem Recycling im Moment ohnehin nicht machen. «Die Erlöse aus dem Rohstoffverkauf sind tief», sagt Urs Frey von der «entsorgBar». «Der Rohölpreis ist kaputt, was zur Folge hat, dass die Kunststoffherstellung aus Recyclaten wenig interessant ist. Auch Alteisen ist nicht mehr viel wert.» Ähnlich klingt es bei Karin Bertschi: «Güter wie Kork, Kaffeekapseln, Kerzenwachs, Tonerpatronen sind ein Minusgeschäft. Wegen der angespannten wirtschaftlichen Lage ist auch die Sammlung von Kunststoffen, Motoren- und Haushaltsöl nicht rentabel.»

Karin Bertschi, Recycling-Unternehmerin.

Karin Bertschi, Recycling-Unternehmerin.

Natürlich kann keine Firma überleben, wenn sämtliche Geschäfte unrentabel wären. Karin Bertschi erklärt: «Dank der vorgezogener Recyclinggebühr ist die Sammlung vieler Güter kostendeckend. Das gilt zum Beispiel für Elektrogeräte, PET, Glas, Batterien oder Büchsen.» Der Entschädigungsansatz für diese Materialien ist wirtschaftsunabhängig und wird jeweils Anfang Jahr definiert. «Ohne diese Beiträge wären Gebühren für unsere Kunden unumgänglich», sagt Bertschi. «Im Gegensatz zu Sammelstellen in der Region Brugg und Frick haben wir trotz den im Moment wirtschaftlich etwas durchzogenen Zeiten auf eine Gebühr in Form von Vignetten oder Hallenbenutzungsgebühren verzichtet.»

«Man muss die Menschen gern haben»

«Man muss die Menschen gern haben»

«Tele M1»-Sommertalk mit Karin Bertschi in ihrem Recycling-Paradies in Hunzenschwil, Anfang August 2016.

«entsorgBar» baut aus

Bei der «entsorgBar» ist man zuversichtlich und baut die Präsenz in der Region aus: «Wir eröffnen die neue Filiale Däniken-Niederamt am 22. Oktober», sagt Verkaufsleiter Urs Frey. Die Gemeinde freuts: Sie wird ihre eigene Sammelstelle schliessen. Das hat auch Kölliken gemacht, als die dortige «entsorgBar» aufging. Eine komfortable Lösung, denn: Eine eigene Sammelstelle kostet, an die «entsorgBar» muss die Gemeinde jedoch nichts zahlen.

In Buchs betreibt die Gemeinde eine bediente Multisammelstelle beim Werkhof, nur wenige hundert Meter vom geplanten Standort des Sommerhalder-Projekts entfernt. Braucht es diese überhaupt noch, wenn der Neubau einmal steht? «Wir sehen diese Angebote von Privaten als Ergänzung», sagt Ammann Urs Affolter. «Solange die Leute zu uns kommen, bleibt die Sammelstelle.» Es sei jedoch denkbar, die Öffnungszeiten zu reduzieren, falls ein erheblicher Nutzerrückgang zu verzeichnen wäre.

Das «Recycling-Paradies» Hunzenschwil feiert am Samstag Tag der offenen Tür. Es gibt eine Festwirtschaft. Zudem wird der erste Nachhaltigkeitsgarten der Schweiz eingeweiht.

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