Oberentfelden
Reben statt Apfelbäume – weil Wein besser schmeckt als Most

Die blutigen Anfänger vom Engsteler Weinbauverein haben sich in den letzten zehn Jahren zu ausgewachsenen Winzern entwickelt. Einst eher Putzessig denn Wein, hat sich der Oberentfelder «Engsteler» zum guten Tropfen gemausert.

Katja Schlegel
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Am Tisch wird noch einmal jede Beere kritisch beäugt.

Am Tisch wird noch einmal jede Beere kritisch beäugt.

EMANUEL PER FREUDIGER

«Da ist noch ein Fauler dran», sagt Kurt Sandmeier und äugt in den Plastikkübel. Der Faule muss weg. Jeder schlechte «Trübel» könnte den Geschmack beeinträchtigen. «Bei der geringen Menge leisten wir uns den Luxus, jede schlechte Beere einzeln abzuschneiden», sagt Sandmeier.

Und so landen die Trauben nach dem Wümmen statt direkt im grossen Bottich erst auf der Festbankgarnitur. Flinke Hände schnippen da die trockenen, verschimmelten oder aufgeplatzten Beeren raus, zwicken die grünen, unbefruchteten Beereli ab.

Vor 100 Jahren schon einmal Rebberg

Es ist Freitagnachmittag im Oberentfelder Engstel, der Auftakt zur Wümmet. Wein in Oberentfelden? Tatsächlich: Vor zehn Jahren, im September 2004 beschlossen Sandmeier und eine Handvoll Freunde, die alten Apfelbäume zu fällen und stattdessen Rebstöcke zu pflanzen. «Wir wollten etwas produzieren, das wir mehr mögen als Most», sagt Tom Rodel.

So abwegig sei die Idee auch nicht gewesen: Alte Kupferstiche beweisen, dass bis um 1900 hier schon einmal Reben wuchsen, bis die Reblaus alles vernichtete.

Blutige Anfänger

Im Frühling 2005 wurden die ersten Pflänzchen gesetzt – von blutigen Anfängern. «Wir hatten keine Ahnung vom Weinbau», sagt Rodel. Erst mit den Jahren eigneten sich die Mitglieder des zwischenzeitlich gegründeten Engsteler Weinbauvereins sich das Wissen in verschiedenen Kursen und dank der Hilfe des Aargauer Rebbaukommissärs Peter Rey an.

Seit dem «Putzessig-Jahrgang» 2008 hat sich der Engsteler Wein mit den Jahren zu einem ganz annehmbaren Tropfen entwickelt, der sogar in zwei Restaurants auf der Karte steht, und den die Gemeinde an Jubilare verschenkt. Inzwischen bewirtschaftet der Verein knapp 1000 Rebstöcke, Chasselas, Garanoir und Pinot Noir. Dazu kommen 110 Stöcke Leo Millot am Rebberg am Manzenberg in Gränichen.

Keine Kirchessigfliege

«Das wird ein guter Jahrgang», sagt Sandmeier. Der Öchslegrad der Roten liege bei über 80, der der Weissen bei über 70. «Hier gibt es selten mehr, das sind sehr gute Werte.» Das Schreckgespenst der Weinbauern, die Kirchessigfliege, hat die Oberentfelder verschont. «Dafür hatten wir wegen des feuchten Sommers mit dem Falschen Mehltau zu kämpfen», sagt Sandmeier.

Zwar könnte man die Trauben dagegen spritzen, entscheidend ist aber der Zeitpunkt. «Einen Tag zu spät, und schon ist es passiert.» Und weil der Hang im Engstel so stotzig ist, dass das Gefährt zum Spritzen auf dem glitschigen Boden nicht hochkam, hat es die Trauben erwischt.

Überall klebt der Saft

Die Wümmet ist hauptsächlich eines: klebrig. Der Saft verklebt die Finger mit den Handschuhen, die Handschuhe mit dem Scherengriff. Immerhin bleiben den Helfern am ersten Tag die roten Finger erspart. Erst kommt der Weisse dran, «zum Aufwärmen», wie Sandmeier sagt.

Die Roten werden erst am Samstag gelesen. Deren Saft frisst sich so tief in die Haut, dass nur Zitronensaft den Flecken den Garaus macht. Aber das nehmen die Engsteler Weinbauern in Kauf, genauso wie der Krampf das ganze Jahr über. «Das macht es ja gerade aus», sagt Rodel. «Wenn man alles selber macht, schätzt man den Wein umso mehr.»