Aarau

Rebellischer Jung-Rapper überlebte Unfall - «es war ein Zeichen vom Himmel»

Joël Hunziker alias «Joe-L»: «Die Goldkette gehört zu mir.»

Joël Hunziker alias «Joe-L»: «Die Goldkette gehört zu mir.»

Joël Hunziker alias «Joe-L» aus Aarau-Rohr überlebte wie durch ein Wunder einen Unfall. Ihm donnerte einen Stahlträger auf den Kopf. Seither setzt er alles auf die Musik.

«Schon mit 9 wollte ich Rapper werden», sagt Joël Hunziker (25) aus Aarau-Rohr. «Hip-Hop ist mein Lifestyle, seit ich denken kann.» Der afro-amerikanische Sprechgesang mit den schlagenden Beats entstand in den 80er-Jahren in der Bronx von New York. Weit weg von Schöftland, wo Joël Hunziker aufwuchs. Hunziker trug breite Hosen, Uhren und Schmuck. «Meine Goldkette hat 18 Karat. Die trage ich auch im Bett. Ich ziehe sie nie aus.»

Als Scheidungskind musste Hunziker früh lernen, allein durchs Leben zu kommen. «Mit 12 kochte ich für mich und meine Schwester allein das Mittagessen.» Hunziker hört Eurodance und Fun Factory, rappt mit dem Mikrofon, das ihm sein Vater geschenkt hat. Sogar Blockflöte und Klavierspielen lernt er. «Ich bin wohl der einzige Rapper, der Klavier spielen kann.» Bei der Bäckerei Mathys in Schöftland macht er eine Lehre als Bäcker-Konditor. Lernt, wie man Cremeschnitten, Rahmkirschtorte und Spitzbuben herstellt. «Hier beendete auch DJ Bobo seine Lehre.» Lehrmeister Jürg Mathys habe nicht immer Freude an ihm gehabt: «Manchmal ging ich in den Musikkeller statt in die Backstube. Dann musste der Chef seine Brote selber backen.»

Der wilde Hip-Hop-Bäcker haut über die Stränge, wo er kann. «Ich sprayte Graffitis, trank Rum und feierte exzessive Partynächte.» Im Coop klaute er Zigaretten und Whisky. Mehr als einmal war Hunziker Gast auf dem Polizeiposten. «Meine Eltern wussten oft nicht mehr weiter mit mir.» Heute, mit 25, meint er: «Ich bin froh, habe ich meine Lehre zu Ende gemacht.» Und appelliert an Jugendliche in ähnlichen Situationen: «Die Lehre muss man fertig machen. Immer. Unbedingt.»

Joe-L feat. 2L-man - Sie wänd nor smile (prod. by Joshimixu)

Joe-L feat. 2L-man - Sie wänd nor smile (prod. by Joshimixu)

Dann kam der Unfall. Auf dem Weg zur Arbeit läuft Hunziker an einer Baustelle vorbei. Ein nicht eingefahrener Lastwagenkran reisst ein Baugerüst mit sich, ein 450 Kilogramm schwerer Stahlträger donnert auf Hunzikers Kopf. «Dass ich das überlebte, war ein Wunder», sagt er. «Die Ärzte glaubten kaum, dass man so etwas überleben kann, und nähten die grosse Kopfwunde wieder zu.» Für den rebellischen Jung-Rapper war das die Wende: «Für mich war das ein Zeichen vom Himmel. Ich sagte mir: Jetzt hörst du auf mit all dem Scheiss.»

«Ich begann an mich und meine Musik zu glauben.» Alle seine Texte schreibt er selber, auch die Beats sind selbst zusammengestellt. Auch die Videos dreht und schneidet er selbst, gerappt wird im Aargauer Dialekt. «Ich produziere von A bis Z alles selber», erklärt Joël Hunziker alias «Joe-L» stolz. «Für mich ist ein Song ein Gesamtkunstwerk.» Dutzende von Live-Auftritten im KiFF Aarau, am Gampel-Open-Air oder im «Stall 6» in Zürich zeigen das Talent des Aargauer Rappers. Für die Berliner Hip-Hopper «Raf Camorra» und «Silla» tritt er als Support Act auf und mit Ruhrpott-Rapper «Fard» aus Gladbeck hat er schon das Mikrofon geteilt.

«Mir wurde ein zweites Leben geschenkt. Das möchte ich nutzen.» Wiedergeboren fühlt er sich. Sein erstes Album nennt Joël Hunziker deshalb «Phoenix» (lateinisch: «Der Wiedergeborene») – nach dem Vogel aus der griechischen Mythologie, der am Ende seines Lebens verbrennt oder stirbt, um aus dem verwesenden Leib oder aus seiner Asche wieder neu zu erstehen. «Nach einem Konzert sagte mir jemand mal: ‹Hey, Dein Lied hat mir durch eine schwere Zeit geholfen.› Sowas berührt dich im Herz.» Joël Hunziker ist beruflich als Video Editor, Grafiker und Kameramann beim Aargauer Regional-TV-Sender «Tele M1» tätig.

«Ein Benz und eine Goldkette machen noch keinen Rapper», erklärt er, der einen Mercedes C240 in schwarzmetallisé fährt. Status-Symbole gehören bei Hip-Hoppern einfach dazu. «Ich gebs zu, ich träume von einer Breitling oder Rolex.»

«Hip-Hop wird von vielen belächelt», ist sich Joël Hunziker bewusst. Schwarze Sonnenbrillen, verkehrt herum getragene Caps, finstere Blicke und fette Goldketten. «Vieles ist Show. In der Schweiz gibt es keine Bronx wie in New York.» Einige Schweizer Möchtegern-Rapper müssten da regelrecht eine Badboy-Story erfinden. «Fürs Image prahlen sie mit krassen Schlägereien, funkelndem Svarowski-Steuerrad im BMW und vollbusigen Bikinigirls. Erzählen, dass sie jede Nacht eine andere Frau im Bett haben. Und im echten Leben sind sie Banker oder Buchhalter.»

«Ich meine es ehrlich», meint Hunziker. «Und ich will keiner sein, der ich nicht bin.» Was Hunziker rappt, das hat er auch erlebt. «Das sind Stories aus meinem Leben.» Und, fast ungewöhnlich für einen Rapper, Hunziker glaubt an die grosse Liebe. «Ich achte Frauen sehr.»

Zurzeit läuft alles nach Plan. Nach schwierigen und turbulenten Jahren hat Hunziker seinen Weg gefunden. Das vielversprechende Debüt-Album «Phoenix» ist lanciert. Innert kürzester Zeit klickten 20 000 User auf seine erste Single «Sie wänd nor smile» auf Youtube. «Wahnsinn, ich bin echt verblüfft», freut er sich. «Jetzt will ich der Hip-Hop-King der Schweiz werden. Ich träume ich von einem Auftritt im Hallenstadion – mit ‹50 Cent› oder ‹Ryan Leslie›.»

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