Windisch/Aarau

Rätsel um Horrorpuppe ist gelöst: «Gott sei Dank ist die Frankensteingeschichte nun abgeschlossen»

Die Horrorpuppe in Windisch.

Die Horrorpuppe in Windisch.

Ein grausam gestalteter Frauentorso aus Kunststoff taucht in der Brugger Agglo auf – die Spuren führen in die Kantonshauptstadt.

Was für eine seltsame Geschichte. Am Dienstagabend wurden die Bewohner von Windisch auf eine übel zugerichtete Schaufensterpuppe in der Pestalozzistrasse aufmerksam, wie «20 Minuten» berichtete. Sie war an eine Strassenlaterne angelehnt, ob als Scherz oder zur Entsorgung in den nahen Abfallcontainern blieb unklar.

Sogar das Bauamt Windisch und die Regionalpolizei Brugg waren am späten Mittwochnachmittag vor Ort, nachdem sie von der gruseligen Puppe erfahren hatten. Doch diese war bei deren Eintreffen schon verschwunden.

Nachdem auch die az Region Brugg über die rätselhafte Angelegenheit berichtete, mailte der Windischer Gemeindeschreiber André Gigandet – offensichtlich ein Mann mit Humor: «Glücklich kann ich Ihnen melden, dass ein aufmerksamer Mitarbeiter des Bauamts die Puppe gefunden hat. Geistesgegenwärtig lud er das Corpus Delicti, selbstverständlich mit Handschuhen bewaffnet, auf den Lastwagen und fuhr ausnahmsweise über die Gemeindegrenze hinweg nach Brugg, um die Puppe der Repol für sachdienliche Untersuchungen abzugeben. Gott sei Dank ist diese gruselige Frankensteingeschichte nun abgeschlossen und alle können wieder aufatmen.»

Künstler wohnt in Aarau

Was die Windischer nicht wissen: Bei der Puppe handelt es sich um Kunst. Ein PR-Gag? Ganz und gar nicht, sagt André Lehner. Denn auch der Aarauer Künstler fiel aus allen Wolken, als ihm am Donnerstagabend der «20-Minuten»-Artikel zugespielt wurde. Seine Figur hatte er nämlich seit zwei Jahren nicht mehr gesehen. «Wir haben sie als Dekoration für eine Party im Kiff eingesetzt, wo ich damals ein Atelier hatte», sagt der 32-Jährige.

«Die Figur ist noch unfertig, es fehlen einige Details. Aber für einen Einsatz im Halbdunkel passte sie.» Beim Abräumen sei der Frauen-Torso verloren gegangen, weil sie ein Kollege vor dem Atelier deponiert hatte statt darin. «Zehn meiner Figuren standen etwa eine Woche lang beim Kiff draussen herum», erinnert sich Lehner. «Wahrscheinlich hat jemand gemeint, sie sollen entsorgt werden, und hat eine mitgenommen.» Gerade diese Figur sei eine seiner Favoriten gewesen. Den Diebstahl angezeigt habe er nicht, sagt Lehner. «Ich dachte, wenn sie jemandem so sehr gefällt, soll er oder sie die Figur halt behalten.»

Lehner weiss nicht so recht, ob er es gut finden soll, dass die Figur nun wieder aufgetaucht ist. «Es stört mich, dass sie so öffentlich sichtbar am Strassenrand stand», sagt er. «Zwar will ich mit meiner Kunst durchaus provozieren und auch unangenehme Gefühle wecken. Aber so etwas gehört nicht an Orte, wo es von Kindern gesehen werden kann. Selbst ich wäre erschrocken.»

Der Torso gehört zu einer Schaufensterpuppe und wurde unter anderem mit Latex, Acrylharz, Füllmaterial modifiziert. Die Figur, der nach zweijähriger Odyssee ein Arm und das Gesicht fehlt, soll «die Ästhetik von Gewalt und Zerstörung aufzeigen». Ursprünglich wäre das Gesicht aus dem einen Arm rausgewachsen und hätte zusammen mit dem anderen Arm eine liegende Acht gebildet, das Symbol für die Unendlichkeit. «Es ist auch eine Metapher für den Krieg von Mensch gegen Mensch, der ja leider gerade wieder sehr aktuell ist», sagt der Künstler. «Aber aus dem Kontext gerissen siehts nach einem billigen Schockgegenstand aus.»

André Lehner, der seine anderen Kunstobjekte derzeit in der Alten Bürsti Entfelden im Atelier seiner Freundin eingelagert hat, macht aber nicht nur «blutiges Zeug», wie er sagt. «Das ist nur ein kleiner Teil. Aber ich habe tatsächlich eine Leidenschaft für Horror-Sachen aus den 80ern und frühen 90ern.»

Von der az erfährt Lehner, dass die Figur nun bei der Regionalpolizei in Brugg steht. «Dann will ich sie unbedingt holen und vollenden», sagt der Künstler erfreut.

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