Fernseher und Radios kaufen heute viele im Internet. Fachgeschäfte müssen deshalb umdenken. «In den letzten zwei, drei Jahren haben wir die Veränderung sehr stark gespürt», sagt Mark Bolliger. Dies ist aber nicht der Grund, weshalb der 59-Jährige sein Traditionsgeschäft «Radio TV Bolliger» verkauft hat. Er hat sich seine Frühpensionierung schon länger überlegt. «Mein Vater hat sich damals auch mit 55 Jahren aus dem Geschäft zurückgezogen. Vielleicht habe ich das in den Genen», sagt Mark Bolliger lachend.

Seinen Nachfolger hat Mark Bolliger bereits gefunden. Michael Ulrich hat das Familiengeschäft übernommen. Der 31-jährige Multimedia-Elektroniker arbeitet bereits seit 12 Jahren bei «Radio TV Bolliger». Seit Oktober gehört ihm das Fachgeschäft für Video-, TV-, HiFi- und Studioanlagen. «Ich bin sehr motiviert», sagt er.

Michael Ulrich kennt das Rezept zum Erfolg. Er weiss, weshalb «Radio TV Bolliger» in über 80 Jahren Ende Dezember nur ein Mal ohne Gewinn dastand. «Die Kunden schätzen die individuelle Beratung und die Dienstleistung», sagt er. Ist der Fernseher kaputt, eilt jemand von «Radio TV Bolliger» meist noch am selben Tag zu Hilfe. Darauf will der 31-Jährige in Zeiten des Onlinehandels noch stärker setzen.

Von 40 auf 5 Angestellte

Natürlich habe er sich den Schritt gut überlegt, sagt Michael Ulrich. «Es war keine einfache Entscheidung», gibt er zu. «Eine mutige!», schickt Mark Bolliger nach. Der in Aarau aufgewachsene Erlinsbacher weiss, wovon er spricht. Er kennt die Branche, seit er denken kann. 1935 wurde Radio Bolliger von seinem Grossvater Alfred Bolliger gegründet, später von Mark Bolligers Vater übernommen. Nach seiner Banklehre stieg Mark Bolliger ins Geschäft ein. Rund 35 Jahre lang war er selbst Chef.

«Als Kind waren wir im Quartier eine der ersten Familien, die einen Fernseher hatten», erzählt er. Drei Sender konnte man empfangen – in Schwarz-Weiss. Wenn Olympische Spiele liefen, war das Haus von Familie Bolliger Treffpunkt der Nachbarskinder. Und in Vaters Laden lief es rund. «In den 70er-Jahren hatten wir bis zu 40 Angestellte.»

Heute sind es derer noch fünf. Er habe nie jemanden aus wirtschaftlichen Gründen entlassen müssen, sagt Mark Bolliger. Dennoch hat sich das Team stetig verkleinert. «Wehmütig bin ich deshalb nicht. Das ist halt der Lauf der Zeit», sagt er.

Die Mitarbeiter spielten in der Geschichte von «Radio TV Bolliger» eine wichtige Rolle. «Wir hatten viele langjährige Angestellte. Auch heute haben wir kaum Wechsel», sagt Mark Bolliger. Wie schon sein Vater habe er stets darauf geachtet, für die Angestellten da zu sein. Es sollte nicht nur finanziell, sondern auch menschlich passen. «Wir sind wie eine Familie», sagt Mark Bolliger.

Ein paar kleine Anpassungen

Damit diese Familie und das Geschäft fortbestehen können, plant Michael Ulrich ein paar Anpassungen. Das Lager wird verkleinert, der Internet-Auftritt erneuert. «Ich schliesse nicht komplett aus, künftig auch online Geräte anzubieten.» Mit dem Onlinehandel mithalten zu wollen, sei aber der falsche Weg. «Wir müssen auf unsere Stärken setzen.» Damit meint er etwa den extra eingerichteten Raum, in dem Kunden Lautsprecher und Musikanlagen vor dem Kauf testen können. Oder das Beheben von WLAN-Problemen. Oder den Waschservice für Schallplatten; verstaubte und dreckige Tonträger werden in einer speziellen Maschine auf Vordermann gebracht. Etwas für die älteren Kunden? Mitnichten, sagt Michael Ulrich. «Schallplatten sind stark im Trend.»

Für die Kunden verändert sich nach dem Chefwechsel wenig. Auch der Name bleibt gleich. Und Bolliger bleibt nicht nur im Logo präsent. Der ehemalige Geschäftsinhaber Mark Bolliger sagt: «Mindestens bis Ende März bin ich weiterhin zuständig für die buchhalterischen Angelegenheiten. Und natürlich hoffe ich, dass ich auch in zehn Jahren noch ab und zu ins Geschäft kommen kann.»