Vom Auswandern träumt manch einer im Laufe seines Lebens. Die wenigsten wagen es. Und diejenigen, die es fortzieht, haben meist keinen einfachen Start in der fremden Heimat. Nicht so Kati (53) und Peter (63) Diethelm aus Biberstein. Ende November hat die AZ über das Ehepaar berichtet, heute erzählen sie von ihrem Alltag in Costa Rica.

«Jetzt haben wir gerade gefrühstückt und sind bereit für den Tag», sagt Kati Diethelm. Ortszeit an ihrem Wohnort in Orosì, im Hochland von Costa Rica: 8.30 Uhr. Acht Stunden früher als in der Schweiz. «Wir führen ein ganz normales Pensionierten-Leben», so Peter Diethelm. Kati mache jetzt dann noch ein bisschen Haushalt, er eine Tour durch den Garten des 50 Aren grossen Grundstücks. «Und dann gibts schon bald wieder Zmittag», sagt die 53-Jährige. So gestaltet sich ihr Alltag in Mittelamerika grösstenteils. Langeweile: Fehlanzeige. Endlich hätten sie Zeit zum Haushalten, Lesen, Schreiben, Gärtnern und Entdecken. «Nur die Aargauer Zeitung zum Kafi am Morgen fehlt uns.»

Auswandern aus Geldnot

Kati und Peter Diethelm wanderten mit ihrer Katze Soli vor rund sieben Monaten von Biberstein nach Costa Rica aus. «Wir machen aus der Not eine Tugend», sagte Peter Diethelm damals. Grund für die Auswanderung waren die Finanzen. Sie hatte als Buchhalterin zweimal ein Burnout. Er ist seit einer missglückten Hüftoperation im Jahr 2012 arbeitsunfähig. Deshalb musste der ehemalige Versicherungsfachmann und ausgebildete Masseur seine Gesundheitspraxis in Aarau schliessen. Die Pensionskassengelder hatten die Diethelms in die Selbstständigkeit investiert. «Bevor wir ein Fall für das Sozialamt werden, haben wir rechtzeitig nach einer Lösung gesucht», sagte Kati Diethelm vor ihrer Abreise im Dezember. Sie verkauften ihr Haus in Biberstein und einen Grossteil ihres Hab und Guts.

Haus bei der ersten Reise gekauft

Mit dem Erlös aus dem Hausverkauf erstanden sie beim ersten Besuch in Orosì im Juni letzten Jahres ein Grundstück fast so gross wie ein Fussballfeld. Darauf wurden ein Haus mit Pool, eine Terrasse und ein Guesthouse gebaut. Den Lebensunterhalt bestreitet das Ehepaar mit der halben IV-Rente von Kati Diethelm. In eineinhalb Jahren kommt Peters AHV dazu.

Der Ort im Zentraltal von Costa Rica liegt rund eine Autostunde von der Hauptstadt San José entfernt. Bevor sich die Diethelms entschieden haben auszuwandern, kannten sie Orosì nicht. Kati Diethelm war ein einziges Mal auf einer geführten Reise in der Schweiz Mittelamerikas, wie Costa Rica auch gerne genannt wird.

Das Ehepaar, das schon über 30 Jahre verheiratet ist, ist viel gereist. Als sie den Entschluss zum Auswandern fassten, kamen noch verschiedene Länder infrage. Die Wahl Costa Rica fiel aber bald. «Dieses Land ist einfach gewaltig», so Kati Diethelm. Das Klima gab schliesslich den Ausschlag für Orosì, das auf 1200 Metern über Meer liegt. «Hier ist es das ganze Jahr wie im Frühling», sagt Peter Diethelm.

«Herz schlägt für beide Länder»

Die Diethelms sind angekommen. «Pura Vida», sagen sie unisono. Das reine und einfache Leben. Das ist die Lebensweisheit der Ticos, der Bevölkerung von Costa Rica. Sie fühlen sich schon jetzt zu Hause in der neuen Heimat. Und auch Kater Soli geniesse den grossen Garten und die vielen verschiedenen Tiere, die er beobachten könne.

«Wir wurden sehr herzlich aufgenommen in der Ortschaft», sagt Peter Diethelm. Sie seien von Nachbarn zum Essen eingeladen worden und hätten selber Einheimische empfangen. Dabei lernen sie fleissig Spanisch. Kati verständigt sich bereits in der Landessprache, Peter verbesserte sein Englisch. Einmal pro Woche kommt eine Spanischlehrerin vorbei.

Die vergangene Fussball-Weltmeisterschaft habe in ihrem Haus, obwohl die Diethelms eigentlich nicht fussballinteressiert seien, ein Fieber ausgelöst. «Wir haben unsere Arbeiter zu Spiel und Sandwich eingeladen», sagt die Auswanderin. «Als die Schweiz gegen Costa Rica dann 2:2 gespielt hat, war es für alle okay», so Kati Diethelm. Obwohl die Ticos danach ausgeschieden sind. «Ich habe eine Costa-Rica-Flagge getragen, um den Arbeitern zu zeigen, dass mein Herz für beide Länder schlägt», sagt Kati Diethelm.

Gärtner sieht nach dem Rechten

Seit ihrer Ankunft haben die Diethelms viele Arbeiter auf ihrem Anwesen. Nach Fertigstellung ihres Hauses, Sitzplatzes und Pools haben die Auswanderer eine «Rancho», einen gedeckten Sitzplatz, bauen lassen. Der Schlosser aus dem Dorf hat ihnen zudem ein Orchideenhaus gebaut. Für die private Grünanlage beschäftigen die Diethelms halbtags einen Gärtner. Kostenpunkt: 50 Franken pro Woche. Dazu kommen Kosten von insgesamt 50 Franken pro Monat für Strom und Wasser.

In den letzten sieben Monaten empfingen die Diethelms bereits viele Freunde und Bekannte aus der Schweiz. «Das würden wir rückblickend anders machen», sagt Peter Diethelm. Sie seien so beschäftigt gewesen mit Bauen und sich selbst zurechtzufinden, dass sie kaum Zeit hatten für ihre Besucher. «Wenn man auswandert, sollte man erst nach ungefähr einem Jahr Besucher einladen», stimmt Kati Diethelm zu. Sonst würden sie aber alles nochmals genauso machen. «Costa Rica ist genau das Richtige für uns.»