Aarau
Prüfungsaufgabe für Forstwartlehrlinge: Bäume fällen!

Im Gönhardwald sind bis Donnerstagabend mehrere Wege wegen Holzschlag gesperrt – der Wald dient derzeit als Prüfungszimmer für die Forstwart-Lehrlinge. Innert acht Stunden müssen sie alle markierten Bäumen fällen. Eine anspruchsvolle Aufgabe.

Katja Schlegel
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Yanick Klausner hat die Fallkerbe herausgeschnitten
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Mit wuchtigen Schlägen werden die Keile in den Fällschnitt getrieben
Mit einem Traktor werden die Stämme aus dem Wald geschleppt
Prüfungsaufgabe für Forstwartlehrlinge: Bäume fällen!
Über hundert Bewerber wollen "Winti-Ranger" werden. (Symbolbild)
Die Späne spritzen in alle Richtungen
Das rote Tuch signalisiert den sicheren Rückzugsort

Yanick Klausner hat die Fallkerbe herausgeschnitten

Katja Schlegel

Die Fichte wehrt sich. Bis in die Spitzen bebt sie unter den wuchtigen Hammerschlägen, aber sie fällt nicht. Die Äste sind fest in die der nebenstehenden Lärche verkrallt. Linus Staubli lässt den Spalthammer sinken, sein Funkgerät schnarrt. Er fordert den Traktor mit der Seilwinde an. Es braucht schwereres Geschütz.

Es ist Prüfungszeit im Gönhardwald. 24 Forstwart-Lehrlinge aus dem ganzen Kanton müssen verteilt über drei Tage zur praktischen Prüfung in der Königsdisziplin antraben, der Holzernte. Sie ist Teil der Lehrabschlussprüfung, dem «Qualifikationsverfahren», wie es heute heisst.

Innert acht Stunden müssen die Prüflinge alle Bäume fällen, die die Männer vom Forstrevier Region Aarau markiert haben, sie entasten und mit dem Traktor zum Waldweg schleppen lassen. Ein normaler Arbeitstag, wenn zwischen den Bäumen nicht die Experten mit ihren Klemmbrettern stehen und jeden Schritt, jeden Handgriff beobachten würden.

Statt Kugelschreiber, Bleistift und Radiergummi nehmen die Burschen ganz andere Instrumente mit an ihre Prüfung: Gertel, Motorsäge, Spalthammer, Doppelmeter und Kehrhaken. Etwas tiefer im Wald trägt Stift Yanick Klausner alles in einem Kessel durchs Unterholz, deponiert es unter einem Baum und nimmt den markierten Stamm ins Visier.

Ein Auge zugekniffen hält er den Doppelmeter hoch, macht ein paar Schritte retour. Er muss den Baum beurteilen: Wie ist der Wuchs? Hat er Schieflage, Faulstellen oder dürre Äste? Wie sieht die Umgebung aus? «Den Baum richtig zu lesen ist die grösste Schwierigkeit», sagt Förster Roger Wirz halblaut, um Klausner nicht zu stören. «Jeder Baum ist anders, da gibt es keine Norm.»

Mit dem Gertel schabt und hackt Klausner das Moos vom Fuss des Baumes und kappt die Wurzelanläufe. Dann schmeisst er die Kettensäge an. Als würde es sich durch Butter fressen, sinkt das Blatt ins Holz. Klausner schneidet die Fallkerbe aus, den Spickel, der die Fallrichtung definiert. Die Späne spritzen in alle Richtungen, es riecht wie damals im Ferienhaus mit den getäferten Wänden.

Plötzlich ruft Wirz aus. Da ist jemand, eine Frau mit Hund bahnt sich ihren Weg mitten durch das abgesperrte Holzschlaggebiet. Wirz schüttelt ungläubig den Kopf. «Das ist lebensgefährlich, was Sie hier machen», sagt er und die Frau nickt. Das habe sie sich schon gedacht, als sie die Kettensägen gehört habe. Aber sie habe kein Verbotsschild gesehen, behauptet sie und marschiert davon.

«Wir müssen unsere Augen immer überall haben, Vorfälle wie diese sind keine Seltenheit», sagt Chefexperte und Stadtoberförster Christoph Fischer. Das gilt auch für die Prüflinge: Die Sicherheit ist das oberste Gebot. Wer seine Arbeitskameraden in Gefahr bringt, der hat die Prüfung verbockt. «Bei der Sicherheit gibt es keine Kompromisse», sagt Fischer.

Es gilt ernst. Yanick Klausner schreit ein gellendes «Achtung» in den Wald, dann treibt er mit dem Spalthammer die Keile in den Fällschnitt. Die Fichte vibriert ein paar Mal, bis sie sich mit einem erschöpften Ächzen ergibt und kippt. Erst ganz langsam, dann mit einer unglaublichen Wucht reisst sich die Krone aus dem Laubdach, fegt den Stämmen entlang und bricht krachend und bebend ins Unterholz. Yanick Klausner nickt zufrieden. Der 35-Meter-Baum ist gebodigt, eine weitere Prüfungsaufgabe erfüllt.