Der Chefarzt der Urologie des Kantonsspitals Aarau wäre sicher der Letzte, der am Sinn der Prostatakrebs-Vorsorge zweifeln würde. Schon von Berufs wegen, aber auch weil Franz Recker auch die Seite des Patienten kennt: Er hat sein Leben selber der Früherkennung der Tumorerkrankung zu verdanken. Und doch dient ein von ihm mitentwickeltes System einerseits vor allem auch dazu, unnötige Untersuchungen zu vermeiden. Andererseits Risikopatienten frühzeitiger zu untersuchen.

Seit einigen Tagen ist die App «ProstateCheck» auf dem Markt, die sich jedermann auf sein Smartphone oder Tablet laden kann (für iOS und Android). Ihre geistigen Väter sind Recker und sein Kollege Maciej Kwiatkowski, Oberarzt am KSA.

Erklär-Video: So funktioniert die Prostata-App.

Die Entwicklung ist eine Kooperation der von Recker gegründeten Stiftung Prostatakrebs-Forschung, dem Kantonsspital Aarau und der Universität Zürich. Man gibt einige Parameter wie Alter, PSA-Wert (prostataspezifisches Antigen) und familiäre Vorbelastung ein, die App liefert dann Angaben zur Prostatagesundheit für die nächsten 4,8 oder 12 Jahre. Umgekehrt errechnet sie das Risiko, unentdeckten Prostatakrebs zu haben.

Den Termin beim Hausarzt ersetzt die App nicht und sie kann auch nichts anderes als der Hausarzt, mag sich der um seine Gesundheitsvorsorge bemühte Fünfziger nun sagen. So ist es aber nicht. Die Hausärzte sind gerade die primäre Zielgruppe für die Anwendung. Um die Notwendigkeit vertiefter Abklärungen bei einem Patienten einzuschätzen, sind die Hausärzte auf ihre persönlichen Erfahrungswerte angewiesen.

Die «ProstateCheck»-App basiert dagegen auf einer viel breiteren Datenlage. Das Kantonsspital Aarau war an der weltweit wichtigsten, internationalen Prostatakrebs-Vorsorge-Studie beteiligt. Für die Entwicklung der Algorithmen der Prostata-App, die ein gutes Jahr dauerte, standen so die Daten von Tausenden Probanden aus 14 Jahren zur Verfügung. Die von der App berechneten Risikowerte haben dadurch eine hohe Verlässlichkeit.

Die Spitze des Eisbergs im Visier

Das Problem der Vorsorge sei, dass dadurch zwar unbestrittenermassen die Sterblichkeit bei Prostatakrebs gesenkt wird, dafür aber ein hoher Aufwand nötig sei, so Franz Recker. Darum ist das Screening mit PSA-Tests ab einem bestimmten Alter auch in der Fachwelt der Ärzte nicht unumstritten. Hier will Recker mit seiner Entwicklung ansetzen: Sie soll die Prostatakrebs-Vorsorge effizienter machen und damit auch zur Kostensenkung im Gesundheitssystem beitragen.

«Wir müssen wegkommen von der Vorsorge für alle, hin zur Vorsorge für die tatsächlichen Risikogruppen», so Recker. Dank der App kann sich der Kontrollintervall für die Vorsorge auf bis zu sieben Jahre verlängern. Wenn heute eine Tumorabklärung ab 50 und einem PSA-Wert 4 Standard ist, wird der Arzt nun vielleicht trotz deutlich höherem PSA-Wert nicht zur Abklärung raten oder aber umgekehrt sogar schon bei einem tieferen Wert eine Biopsie einleiten.

«Nicht jeder früh entdeckte Tumor muss behandelt werden, aber der therapiewürdige Tumor muss früh entdeckt werden», erklärt Franz Recker zur Strategie einer sinnvollen Vorsorge. In den Erläuterungen zur «ProstateCheck»-App wird dazu das Bild des Eisbergs verwendet, von dem nur der kleinste Teil aus dem Wasser ragt: Bei rund 40 Prozent der Männer treten im Lauf des Lebens Tumorzellen in der Prostata auf, die aber meistens gar nicht behandelt werden müssen.

Der bösartige Prostatakrebs-Tumor tritt bei rund acht Prozent der Männer auf und vier Prozent sterben daran. «Auf diese Spitze des Eisbergs müssen wir uns konzentrieren», so Recker. Er schätzt, dass mit einer breiteren Anwendung der «ProstateCeck»-App die Zahl der Biopsien und Prostata-Therapien um 20 bis 30 Prozent gesenkt werden kann.