Suhr

Proppenvoll mit Kreativköpfen: Das «Rüetschi Haus» wird regelrecht überrannt

Der Raum-Mangel in Aarau bringt Vorteile fürs «Im Rüetschi Haus»: Es wird von Kreativschaffenden überrannt – nicht zuletzt auch wegen der Idee eines Zentrums ohne Platz fürs stille Kämmerlein.

Die Idee klang irgendwie zu schön, um zu funktionieren: In den ehemaligen Werkstätten der Elektromotorenfabrik Rüetschi & Co AG in Suhr sollte ein Zentrum für Kreativschaffende aus der Region Aarau entstehen.

Ein Ort, wo Fotografen, Handwerker und Künstler schaffen, nicht jeder im stillen Kämmerlein, sondern gemeinsam. Die Idee klang schön. Und sie funktioniert. Das «Im Rüetschi Haus» mit seinen 65 Ateliers, Büros und Werkstätten ist praktisch komplett vermietet.

Ben Fluri kann sich ein süffisantes Lächeln nicht verkneifen. Muss er auch nicht. Der selbstständige Produkt- und Lichtdesigner war es, der die Idee für das Kreativ-Zentrum hatte und sie mit der Eigentümerfamilie Rüetschi weiterentwickelte. 

Und er hat damit voll ins Schwarze getroffen. Die Kreativschaffenden aus der Region waren nicht nur von der Idee begeistert, sie kamen auch. «Man spürt gut, dass in Aarau solcher Raum knapp ist, wir wurden fast überrannt», sagt Fluri.

Finken unter dem Tisch

18 neue Mietverträge für Ateliers und Werkstätten sind seit dem Aufruf im Februar unterschrieben worden. Da, wo im Frühling noch dick ein Schlick aus Staub und Motorenfett auf dem Boden klebte, beim Laufen zwischen den riesigen Maschinen hindurch an den Sohlen saugte, strahlt heute alles in reinem Weiss, durch die einst verklebten Fenster dringt helles Licht.

Inzwischen wurden die riesigen Hallen, fast 3000 Quadratmeter, in verschiedene kleine Räume unterteilt, in denen sich die kreativen Köpfe einrichten – und sich bereits heimisch fühlen, stehen doch in einem Atelier, kaum recht eingerichtet, schon die Finken unter den Pulten bereit.

Da sind zum Beispiel die Fotografen vom «Fotostudio Konterfei» und die Siebdrucker, die Tag für Tag neue Geräte und Material heranschaffen. Bereits gearbeitet wird im Kreativatelier «Zur heiteren Forelle», einem Kollektiv von kreativen Aarauern, das in der Stadt aus seinen alten Räumen rausmusste und in Suhr ein neues Daheim gefunden hat.

Bereits seit Anfang Monat geöffnet ist das «Nähcafé am Bach» von Claudia Zimmerli-Rüetschi. Und dann ist da mit Elisabeth Fuchs und ihrem Glasatelier «Glasklar», wo aus Altglas Neues entsteht, eine langjährige Mieterin, die sich vom Elan rund um das Kreativ-Zentrum hat anstecken lassen und mit ihren Kursen das Angebot bereichert.

Mit mehr Skepsis gerechnet

Das «Im Rüetschi Haus» ist seit 20 Jahren das Daheim Kreativschaffender. Doch mit den neuen Mietern fegt ein frischer Wind durchs Haus: Man steht untereinander in Kontakt, die Zeit des stillen Kämmerleins ist vorbei.

Man profitiert vom Wissen und dem Material der andern: Die Siebdrucker nutzen den Plotter der Architekten, die Fotografen rücken die Kreationen aus dem Nähatelier ins rechte Licht, der Spengler leiht dem Heizungstechniker ein Werkzeug aus und der Grafiker entwirft den Werbeauftritt des Handwerkbetriebs.

Dieses Miteinander sei gut angelaufen, sagt Claudia Zimmerli-Rüetschi, die mit ihren Schwestern Christa und Nadine neu im Verwaltungsrat der Eigentümerin, der Verwalterin REMS AG sitzt und die Entwicklung des Hauses vorantreibt. «Wir haben nicht damit gerechnet, dass das Nutzen von Synergien untereinander so gut funktioniert», sagt Zimmerli. Gerade bei den bisherigen Mietern habe sie mit mehr Skepsis gerechnet.

Vom Wissen und den Arbeitsutensilien profitieren sollen auch Aussenstehende: Über ein Do-it-Portal, das künftig über die Website des «Im Rüetschi Haus» laufen wird, werden die Dienstleistungen zu Verfügung gestellt.

Auch wollen verschiedene Mieter in ihren Ateliers Kurse anbieten, die die Besucher dazu berechtigt, das Atelier zu nutzen. Bereits gut angelaufen ist das Kursportal, über das Kreativkurse aus ganz verschiedenen Bereichen ausgeschrieben werden.

Doch nur ein Streifschuss?

Das alles kommt der Ursprungs-Idee von Fluris Kreativ-Zentrum recht nah – ein Teil fehlt aber noch: In seiner Vision ist das Herzstück des Zentrums eine grosse und gut eingerichtete Werkstatt, die Kreativschaffende aus der ganzen Region nutzen können.

Aber professionell, versteht sich, keine Hobby-Werkstatt zum Vogelhäuschenbauen. «Das umzusetzen war so vorerst nicht möglich», sagt Fluri. «Zur Verwirklichung braucht es eine Trägerschaft, so wie sie im Fotostudio oder im Siebdruck-Atelier entstanden sind.» Leute also, die die Verantwortung übernehmen – was nicht zuletzt auch aus rechtlicher Sicht unabdingbar ist.

«Das Projekt Kreativ-Zentrum ist also noch nicht beendet», sagt Fluri. Auch sei es nicht ans «Im Rüetschi Haus» gebunden. Fluri träumt nicht nur von einem Kreativ-Zentrum Aarau, er steht mit verschiedenen Stellen im Gespräch. Und er gibt sich zuversichtlich. Mehr verraten will er nicht, er lächelt nur breit.

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