In Aarau riecht der Advent nicht nur nach Zimt und Harz, sondern auch nach Bienenwachs. Und das schon in der 43. Saison. 1976 fand das allererste Aarauer Kerzenziehen statt, organisiert von Insieme Aarau, der Elternselbsthilfe-Organisation, die sich für Menschen mit einer geistigen Behinderung einsetzt. Mit dem Kerzenziehen sollten die Mittel für ein Wohnheim gesammelt werden. Seither ist der Anlass nicht mehr aus der Vorweihnachtszeit wegzudenken.

Viel verändert hat sich seither nicht. Wohl hat der Ort gewechselt, inzwischen findet das Kerzenziehen in der Markthalle statt. Auch das Rahmenprogramm sieht anders aus. Aber beim Kerngeschäft, dem Kerzenziehen, da ist die Zeit stehengeblieben. Noch immer tigern die Kinder mit ihren noch dünn eingewachsten Dochten um die Töpfe und warten darauf, dass das Wachs abkühlt und die Kerze wieder getunkt werden kann. Denn auch das ist seit Jahr und Tag Gesetz: Wer juflet, dem glitscht die Kerze vom Docht. Im schlimmsten Fall, zumindest. Wer nur ein bisschen pressiert, dem wird die Kerze knubbelig statt schön glatt.

Beim Bienenwachs bleibts

Gleich geblieben ist in all den Jahren auch der Organisator, Insieme Aargau-Lenzburg. Heute kümmert sich ein Kernteam (Yvonne Suter, Thomas Jurt, Mary-Claude von Arx und Jürg Zinniker) um den Anlass. Eine ganzjährige Aufgabe. Nicht nur wegen der Helfersuche und deren Schulung – der Anlass kann nur dank über 100 Freiwilligen gestemmt werden –, sondern auch wegen des Rahmenprogramms. «Auch ein Traditionsanlass wie das Kerzenziehen kommt nicht ohne Innovation aus», sagt Thomas Jurt. So wurde in den letzten Jahren unter anderem der Café-Bereich deutlich ausgebaut.

Insgesamt schmilzt jedes Jahr rund eine Tonne Bienenwachs in den neun Töpfen. Auch daran wird nicht gerüttelt, farbige Kerzen kann man in der Markthalle nicht ziehen: «Das Bienenwachs ist unsere Spezialität, unser Markenzeichen», sagt Jurt. In über 40 Jahren kaum verändert hat sich auch der Preis: Kosteten 100 Gramm einst 3 Franken, sind es heute 4 Franken. Das ist wenig in Anbetracht der Teuerung. «Wir wollen mit dem Kerzenziehen auch nicht das grosse Geld machen, es soll in erster Linie den Besuchern Freude machen», erklärt Jurt. Den Grossteil des Gewinns fressen die Stromgebühren, der Nettoerlös kommt Insieme zugute; letztes Jahr lag dieser Betrag bei rund 20'000 Franken.

Nach all den Jahren ist das Interesse ungebremst, die Freude der Aarauer am Kerzenziehen noch immer gross: 50 bis 100 spontane Besucher kommen jeden Tag vorbei, dazu kommen während der zwei Wochen rund 1300 Personen (Schulen und Gruppen) zu gebuchten Zeiten. «Viele Besucher kommen natürlich mehrmals», sagt Jurt. Die Kerzen kann man wie an einer Garderobe deponieren und anderntags fertig ziehen.

Das teure Überbleibsel

Die Freude ist auch bei den Helferinnen und Helfern gross: «Es ist etwas sehr Gefreutes, wenn man den Kindern dabei zuschauen kann, wie sie voller Geduld und mit viel Ehrgeiz an ihren Kerzen arbeiten», sagt Yvonne Suter. Das habe sich in den letzten Jahren verändert: «Die Kinder ziehen nicht mehr einfach Kerzen, sie wollen besonders schöne Kerzen heimbringen.»
Besonders schöne – oder besonders grosse. Suter holt ein Überbleibsel von letztem Winter hervor: gut 70 Zentimeter lang, 4,5 Kilogramm schwer. Eine wahre Prachtskerze, die vier 16-jährige Burschen gezogen haben. Bloss konnten sie sich die Kerze zum Schluss nicht leisten, bei 4 Franken pro 100 Gramm kostet sie satte 180 Franken. «Das ist natürlich kein Pappenstiel für vier Lehrlinge», sagt Yvonne Suter. Noch hat das Kerzenzieh-Team die Hoffnung, dass die Jungs ihre Kerze nicht doch noch abholen. Jedenfalls bewahren sie sie noch eine Weile lang gut verpackt auf.

Aarauer Kerzenziehen in der Markthalle bis am 16. Dez, Sa bis Mi 10 bis 19 Uhr, Do und Fr 10 bis 21 Uhr. So 16.12. von 10 bis 18 Uhr.