In 86 Tagen startet das Eidgenössische Turnfest, erwartet werden abertausende Turner und Besucher – was heisst das für die Aarauer Altstadt-Gastronomen?

Alessandro Crivaro: Wir Altstadt-Beizer verstehen uns als Ausweichmöglichkeit zum Epizentrum im Schachen. Wir werden unsere Ressourcen auf unsere Restaurants beschränken. Wir stehen hier oben für alle bereit, die an einem schön gedeckten Tisch sitzen und etwas anderes als Bratwurst und Wurst-Käsesalat essen möchten.

Die Altstadt als Kontrastprogramm?

Nicht als Kontrast, sondern als Ergänzung. Wir bieten eine andere Gastronomie, als sie im Schachen angeboten wird. Wir haben ganz andere Möglichkeiten als ein Caterer, der auf Masse ausgerichtet ist. Wir sind vorwiegend kleine Betriebe, die ein gutes, knackiges Angebot haben, und auf das wollen wir uns konzentrieren.

Es wird kein Beizlifest à la Maienzug-Vorabend geben?

Nein. Wir haben das innerhalb des Vereins diskutiert, aber wir waren alle der Meinung: Wir tun das, was wir immer tun. Und das in der gewohnt guten Qualität – nur ein bisschen schneller als sonst. Da müssen wir alle bereit sein und Top-Leistungen bringen.

Die Beizer werden ihre Terrassen also nicht ausbauen?

Nein, wir werden alle keine zusätzlichen Sitzplätze anbieten. Wir stehen für das, was wir sind. Und wir sind nur 500 Meter vom grossen Festperimeter entfernt, das ist keine Distanz.

Gab es auch andere Stimmen?

Natürlich haben wir abgewogen, was für die Altstadt-Gastronomen das Beste ist. Aber der Entscheid wurde schlussendlich einstimmig gefällt. Wir Altstadt-Gastronomen sind für eine Präsenz im Schachen nicht gemacht. Das ist Aufgabe der grossen Player, der grossen Caterer. Die können solche Mega-Events stemmen, das ist ihr Geschäft. Die wissen, wie man 4000 Portionen am Tag produziert. Und das muss funktionieren, sonst werden die Konsumenten wütend.

Waren die 8000 Franken Standmiete pro Food-Stand und Woche, wie sie das Turnfest-OK verlangt, ein Thema? Was halten Sie davon?

Ja, wir haben darüber gesprochen. Es ist viel Geld. Aber an so grossen Events muss man einen gewissen Beitrag leisten, wenn man Teil davon sein und davon profitieren will. Daher ist der Betrag gerechtfertigt.

Welcher Gastronom kann sich das leisten?

Wir als klassische Gastronomen nicht. Für Caterer, die mit ihrem fixfertig eingerichteten Wagen angefahren kommen und basierend auf Erfahrungswerten davon ausgehen können, pro Tag 25'000 Franken Umsatz zu machen, sind 8000 Franken verhältnismässig. Ich weiss auch von Banken oder Versicherungen, die sich überlegen, im Schachen einen Food-Stand zu betreiben, um Präsenz zu markieren. Wenn ein entsprechendes Marketingbudget zu Verfügung steht, kann das ebenfalls durchaus passen.

25'000 Franken Umsatz in einer Woche – ist das realistisch?

Für einen, der entsprechend eingerichtet ist und die Erfahrung hat, ja.

Mit wie vielen Gästen rechnen die Beizer? Wird die Stadt geschwemmt?

Ich kann mir durchaus vorstellen, dass wir am Eröffnungstag beispielsweise keinen einzigen Turner hier oben haben werden. Aber ab dem zweiten Tag werden bestimmt Leute hochkommen, die sich für die Stadt interessieren und hier einkehren. Dann werden wir eine schöne, ruhige Atmosphäre haben. Wir sind froh, dass wir hier Luft zum Atmen haben. Dass man uns die Altstadt lässt, wie sie ist.

Sie sprechen wohl die Eidgenössischen Feste der letzten Jahre an, die mitten in der Stadt stattfanden?

Ja. Da mussten wir unsere eigenen Aussensitzplätze für viel Geld kaufen. Das hat für viel Ärger gesorgt.

Wie ist denn die Stimmung unter den Gastronomen vor diesem Fest?

Wir freuen uns auf ein schönes Fest, das Aarau dem Rest der Schweiz in bestem Licht zeigen wird.

Apropos Feste in der Stadt: Bei Ihrem Amtsantritt als Präsident vor einem Jahr war es Ihr grosses Anliegen, dass endlich darüber diskutiert wird, wie die Beizer bei Veranstaltungen behandelt werden. Ist da etwas passiert?

Da ist tatsächlich Bewegung reingekommen und wir sind sehr glücklich darüber. Der Stadtrat hat uns ernst genommen. Aktuell diskutiert eine Gruppe mit Vertretern von Stadtrat, Gastronomen, Gewerbe und ein Projektleiter mit einem Blick von aussen über mögliche Fest-Perimeter.

Gibt es da schon konkrete Ergebnisse?

Nein. Aber mein Wunsch ist es, Konzepte für drei verschiedene Perimeter auszuarbeiten, die Veranstaltern je nach Grösse des Events präsentiert werden können. Dazu das jeweilige Reglement sowie eine Übersicht über die Kosten. Je mehr diesbezüglich nach festem Schema läuft, desto günstiger wird es für den Veranstalter. Das wäre ein Vorteil für Aarau als Veranstaltungsort.

Anstoss für die Perimeter-Diskussion war letztes Jahr die Verlegung des «Streetfood-Festivals» in den Schachen. Die Altstadt-Beizer hatten sich dagegen gewehrt, sich in die Veranstaltung einkaufen zu müssen. Jetzt findet das Festival erneut im Schachen statt. Was sagen Sie dazu?

Wir Altstadt-Wirte wollen in erster Linie überleben. Wir wollen nicht in die Ferien und nicht die Terrasse abräumen müssen, nur weil ein Grossveranstalter in die Stadt kommt. Jeder Entscheid, der dafür sorgt, dass wir bestehen können, ist für uns ein guter. Wir wollen das Festival nicht verbannen, wir hätten es sogar gern in der Stadt. Aber nicht, wenn wir dafür zurückstecken müssen.

Was ist denn nun das geringere Übel: Ein Festival im Schachen mit weniger Leuten in der Stadt – oder ein Festival in der Gasse, an dem sich die Beizer einkaufen müssen?

Die Meinungen innerhalb des Vereins sind diesbezüglich gespalten. Aber worin wir uns alle einig sind, ist die Frage nach der Terrasse. Alles andere ist zweitrangig.

Realistisch betrachtet geht aber nicht beides aneinander vorbei, oder?

Wenn es dereinst denkbar sein sollte, einen Schlossplatz zu bespielen, sieht die Welt anders aus. Auch, wenn in Betracht gezogen wird, den Wochenmarkt zwei Mal im Jahr nicht im Graben, sondern in der Altstadt abzuhalten.

Wird das denn diskutiert?

Ja. Es werden in diesem Gremium glücklicherweise auch Fragen diskutiert, die sich jahrzehntelang keiner getraut hat zu stellen. Man glaubt es kaum, aber da ist selbst der Wochenmarkt keine heilige Kuh mehr.