Bezirksgericht Aarau
Post der andern Art: Dildos, die bloss Ärgernis erregen sollen

Hat ein IT-Spezialist der Ex-Ehefrau unter ihrem Namen Sex-Spielzeuge bestellt? Das Bezirksgericht Aarau sprach den Beschuldigten mangels Beweisen frei. Die Täterschaft soll dem Ex-Ehemann der Frau jedoch nahestehend sein.

Ueli Wild
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Entgegen ihrem Willen erhielt Leonie V. Dildos nach Hause geschickt. (Symbolbild)

Entgegen ihrem Willen erhielt Leonie V. Dildos nach Hause geschickt. (Symbolbild)

Keystone

Im Oktober 2015 muss es gewesen sein. Leonie V. (Name geändert) kriegt Post. Der 13-jährige Sohn öffnet das Paket. Und, bingo: In Händen hält er zwei Dildos und die Umschnall-Halterung zur Befestigung der Dinger am Unterleib. Die Mutter trifft fast der Schlag. Und in ihr kocht es, denn das «Bend Over Beginner Kit» hat sie nicht im Traum bestellt. Genauso wenig wie den Doppeldildo «Share XS», Farbe Navy, der ebenfalls ungefragt in ihre Wohnung platzt. Mit Rechnung, versteht sich. Es ist offensichtlich: Jemand setzt die Dildos gezielt ein – als beabsichtigte Erreger von Ärgernis.

Leonie V. hat die Nase voll. Seit Monaten befindet sie sich im postalischen Belagerungszustand. «Beglückt» worden ist sie schon mit dem Abonnement eines Magazins für lesbische Frauen, mit der Anmeldung als Mitglied bei den Homosexuellen-Organisationen HAZ und Pink Cross, bei den «Freundinnen und Freunden und Eltern von Lesben und Schwulen» sowie einem Paket Kataloge von «Pink Cloud Travel», der Schwulen- und Lesben-Linie von Kuoni.

Die rund 40-jährige Frau, die mit ihrer Lockenpracht einem romantischen Maler als Modell für die Lorelei hätte dienen können, hat nicht das geringste Interesse an all diesen «Geschenken». Abgesehen von den Reisekatalogen sind diese auch mit Kosten verbunden. Sie schickt die Waren an die Lieferfirmen zurück und versucht die Sache zu regeln, den Irrtum zu erklären. Eine ganze Woche habe sie das gekostet, wird sie am Rande der Gerichtsverhandlung sagen, mit welcher der ganze «Spass» juristisch sanktioniert werden soll. Denn nach der Dildo-Bescherung reicht Leonie V. Strafanzeige gegen unbekannt ein. «Ich wollte, dass das mal aufhört», sagt sie dazu.

Verletzung der Persönlichkeit

Kantonspolizei und Staatsanwaltschaft nehmen sich also der Sache an. Die IT-Spezialisten der Kriminaltechnik verfolgen die Spur der Internet-Bestellungen zurück – und landen bei der IP-Adresse von Innozenz V. (Name geändert), dem Ex-Ehemann der wider Willen «beglückten» Empfängerin der «Corpora Delicti». Die technologischen Voraussetzungen für die Verschleierung der wirklichen Besteller-Adresse waren gegeben – dank Tor, einem Netzwerk zur Anonymisierung der Verbindungsdaten.

So flattert Innozenz V. rund ein Jahr nach der Dildo-Sendung ein Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau ins Haus. Vorgehalten werden ihm mehrfache Urkundenfälschung und mehrfache Pornografie. Nebst einer bedingten Geldstrafe von 7200 Franken werden ihm eine Busse und Gebühren in der Höhe von insgesamt 3600 Franken aufgebrummt. Für die Staatsanwaltschaft ist klar: Der mutmassliche Täter wusste, dass die Zivil- und Strafklägerin, seine Ex-Frau, an den bestellten Waren nicht interessiert war. Seine Absicht sei es gewesen, «sie in ihrer Persönlichkeit zu verletzen». Auch habe er gewusst und in Kauf genommen, dass seiner Ex- durch die Online-Bestellungen Kosten entstehen würden.

Zeugnis verweigert

Innozenz V., rund zwölf Jahre älter als seine Ex-Frau, ficht den Strafbefehl an. So kommt es dieser Tage zur Hauptverhandlung vor der Strafkammer des Bezirksgerichts. Hier stellt der Beschuldigte, der in einem pink-farbenen T-Shirt erschienen ist, kategorisch fest, mit den ihm vorgehaltenen Straftaten habe er nichts zu tun. Für ihn – er ist IT-Spezialist – sei aber durchaus «plausibel, dass so etwas passieren kann». Nicht nur das – Innozenz V. weiss sogar, wer es war. «Die Täterschaft ist eine mir nahestehende Person.»

Vor drei Tagen habe er es von ihr erfahren. Das Motiv, sagt Innozenz V., sei ihm nicht bekannt. Weitere Angaben will er nicht machen. Der Beschuldigte beruft sich auf das Zeugnisverweigerungsrecht, das er in Anspruch nehmen kann, wenn er mit seiner Aussage eine ihm nahestehende Person belasten würde. Die Strafprozessordnung listet im Detail auf, für wen und in Bezug auf welche Personen das Zeugnisverweigerungsrecht gilt. Es betrifft hauptsächlich die näheren Verwandten, den Ehegatten respektive die Ehegattin, aber auch die Person, die mit der beschuldigten Person «eine faktische Lebensgemeinschaft führt».

Ausser ihm selber, so Innozenz V. auf die entsprechende Frage seines Verteidigers, hätten in erster Linie seine heutige Partnerin und die Kinder, die regelmässig bei ihm seien, Zugriff auf sein WLAN. Er selber als IT-Fachmann, sagt der Beschuldigte, «hätte so etwas sicher nicht über meine IP-Adresse gemacht – ich habe nicht das Gefühl, dass ich so blöd wäre».

Sein Verteidiger verlangt denn auch, Innozenz V. sei von Schuld und Strafe freizusprechen. «Ohne Urkunde», so der Verteidiger, «können wir nicht feststellen, ob sie falsch oder echt ist.» Und eine Urkunde gebe es nicht, da die ursprünglich vom Dateneingeber ausgefüllten Bestell- und Anmeldeformulare nicht vorhanden seien. Ein Arbeitsspeicher, ein temporärer Zwischenspeicher, reiche nicht aus. «Das ist, wie wenn Sie etwas mit einem Stock in den Sand schreiben!» Und ohne Urkunde, folgert der Verteidiger, könne es auch keine Urkundenfälschung geben. Also sei schon der objektive Tatbestand gar nicht erfüllt. Überdies laute bloss die IP-Adresse auf seinen Mandanten. Der Nachweis, dass die Dateneingabe durch diesen erfolgt sei, fehle jedoch.

Pornografie-Vorhalt: ein Rätsel

Was den Vorhalt der Pornografie angehe, so der Verteidiger, lasse einen der Strafbefehl ratlos bei der Frage, wo die Staatsanwaltschaft diesen Sachverhalt hernehme. «Ein neutral verpackter Dildo ist nicht pornografisch.» Ebenso wenig wie die Mitgliedschaft bei einer Schwulen- und Lesbenorganisation oder ein Kuoni-Reisekatalog für gleichgeschlechtliche Paare.

Das sieht dann Gerichtspräsidentin Bettina Keller-Alder gleich. Es sei nicht ersichtlich, wodurch der Tatbestand der Pornografie erfüllt sein sollte. Jener der Urkundenfälschung wäre in den Augen der Richterin jedoch gegeben. Sinngemäss: Mit der Bestätigungsmail des Anbieters auf ein nicht mehr vorhandenes Online-Bestellformular sei die erforderliche Beständigkeit, die der Anwalt des Beschuldigten vermisse, durchaus gegeben. Trotzdem spricht die Gerichtspräsidentin Innozenz V. im Sinne der Verteidigung frei. «Wir bezweifeln, dass der Beschuldigte die Bestellungen tätigte – dass er der Täter war.»

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