Faul, politikverdrossen und uninteressiert? Von wegen! Auch im Jahr 2015 gibt es Jugendliche, die sich an politische Themen wagen und das Debattieren nicht scheuen. Den Beweis liefern zwölf Jugendliche, die sich am Samstag in der Alten Kanti Aarau verbal duellieren. Dabei schenken sich die Jungen nichts und sprechen auch Dinge an, die sich kaum ein Politiker auszusprechen wagt.

Junge sind keine Betonköpfe

In zusammengewürfelten Zweierteams müssen die Jugendlichen für oder gegen diverse Themen argumentieren. Etwa: «Soll als erste Fremdsprache eine Landessprache unterrichtet werden?» Trotz der Mühen, die ihnen Französisch wohl bereitet hat, sind die Befürworter Feuer und Flamme dafür. «Es geht dabei nicht bloss um irgendeinen schulischen Entscheid; es geht um den Zusammenhalt der Kulturen in der Schweiz», sagt Joya Kirchhofer mahnend. Der Konter, dass Englisch in der Wirtschaft eine wichtigere Rolle spiele, gerät im Vergleich flach. Die Jugendlichen verteidigen ihre Standpunkte knallhart – auch wenn sie anschliessend gestehen, in Wahrheit auf der anderen Seite des Podiums zu stehen.

Genau hier liegt die Faszination der Grossräte für die Jugendlichen: «Ich bin begeistert von der Unvoreingenommenheit der Jungen», sagt Grossrat Robert Obrist (Grüne). Parteikollege Ruedi Weber doppelt selbstironisch nach: «Genau! Sie sind noch nicht so idealisierte Betonköpfe. Sie sind frischer und haben ein weiteres Spektrum als wir.» Grossrätin Vreni Friker (SVP) ist ebenso erfreut. «Allgemein würde ich es befürworten, wenn es mehr politische Grundbildung im Aargau gäbe – vorausgesetzt, dass diese ohne politische Färbung vermittelt wird», fügt sie an.

Freude an Politik vermitteln

Doch nicht alles ist im Miniatur-Parlament besser als im echten Grossen Rat. Auch hier fallen sich die politischen Gegner ins Wort – und führen manchmal Fakten ins Feld, die nicht ganz stimmen. Doch darum geht es nicht – viel wichtiger ist es, den Jungen die Freude an der Politik zu vermitteln. So sehen es die Vertreter des Jugendparlaments Aargau und des Dachverbands der Jugendparlamente. Dazu kommt: «Neben Erfahrungen im Debattieren kann man beim Jugendparlament landesweite Freundschaften schliessen», so Mitorganisatorin Anaïs Franck.

Debatte zu Stimmrechtsalter 16

Die Freundschaft muss sich noch gedulden, denn zuerst steht das Final an – dabei debattieren nur noch zwei gegen zwei. Das Thema «Soll in der Schweiz das Stimmrechtsalter 16 auf nationaler Ebene eingeführt werden?» ist besonders tückisch: Die zwei Kandidatinnen, die dafür argumentieren müssen, sind bereits volljährig – die beiden «Befürworter» hingegen erst 16 und 17 Jahre alt. Das führt zuweilen zu skurrilen Szenen. Etwa als der 16-jährige Mario Schlegel findet: «Mit 16 Jahren sind die meisten noch zu unreif, um solch weitreichende Entscheidungen zu treffen. Ausserdem sind sie manipulierbarer als Erwachsene.» Die Finalisten weichen kein Jota von ihren Standpunkten ab und greifen entsprechend auch zu radikalen Mitteln, um diese zu verteidigen. «Wie steht es denn um die Reife eines 90-Jährigen mit Altersdemenz? Er erhält schliesslich auch einen Stimmzettel», kontert das Gegenteam.

Letztlich machen mit Cathrin Liechti und Mario Schlegel Kandidaten aus beiden Teams das Rennen. Damit qualifizieren sie sich für das grosse Finale von «Jugend debattiert» in Bern. Den wahren Hauptpreis aus diesem Tag nehmen aber alle Teilnehmer mit nach Hause: politische Bildung aus erster Hand, praktische Erfahrung im Debattieren – und viele Freundschaften.