Selbstversuch
Pokémon sind wirklich überall: Die az begibt sich auf die Jagd in Aarau

Pokémon Go hat nun auch die Schweiz fest im Griff. Überall finden sich Spieler, die durch die Strassen ziehen um ihre Pokémon-Sammlung zu erweitern. Die az wagt einen Selbstversuch und macht sich in Aarau auf die Jagd nach den virtuellen Tierchen.

Sina Burger
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Die einen finden es eine geniale Idee, für andere ist es reine Zeitverschwendung. Ich sage es gleich vorneweg: Von Pokémon habe ich keine Ahnung. Als Kind der Neunziger Jahre müsste ich das Pokémon-Spielen im Blut haben. Doch schon damals besass ich weder Pokémon-Karten, noch das Pokémon-Gameboyspiel.

Seit Samstag haben die virtuellen Tierchen offiziell in der Schweiz Einzug gehalten. Auch in Aarau herrscht ein regelrechter Hype um die «Taschenmonster», was Pokémon (engl. "pocket monster") übersetzt bedeutet. Zwischen den geschichtsträchtigen Häusern der Altstadt tummeln sich angeblich die virtuellen Poké-Tierchen und verstecken sich vor ihren Jägern. An belebten Plätzen und Sehenswürdigkeiten der Stadt sollen sich gar ganze Arenen befinden, in denen sich die Poké-Jäger erbitterte Kämpfe liefern.

Nicht ganz ungefährlich

Meine Pokémonjagd startet beim az-Redaktionsgebäude an der Neumattstrasse im Telli und führt entlang der Aare bis zur Aarauer Altstadt, wo sich die meisten Tierchen, Jäger, Pokéspots, Kampfarenen und was sonst noch alles aufhalten sollen.

Die Route der Pokémon-Jagd

Die Route der Pokémon-Jagd

Google Maps

Oberstes Ziel des Selbstversuchs ist es, wieder heil in die Redaktion zurückzukehren. Denn ganz ungefährlich ist die Pokémon-Jagd nicht. Obwohl die "Taschenmonster" selbst keine Bedrohung darstellen, birgt die Suche nach ihnen einige Gefahren. Gefahren in der realen Welt. Sogar die Suva warnt vor der App, da man nur allzu leicht Stolperfallen übersehen könne. "Es bringt nichts, wenn die Pokémon-Jagd im Spital endet", heisst es.

Jäger und Sammler

Mit einem vollgeladenen Akku und einem leicht skeptischen Gefühl mache ich mich als «azpokejaeger» vom Redaktionsgebäude in Aarau aus auf den Weg. Am Anfang komme ich mir ziemlich komisch dabei vor, mit dem ständigen Blick aufs Smartphone die Gegend zu erkunden.

Das Faszinierende ist die Vermischung aus virtueller und realer Welt. Die Leute müssen sich erst aktiv bewegen und nach draussen gehen, um überhaupt spielen zu können. Es ist schon erstaunlich, dass ausgerechnet eine Smartphone-App den archaischen Jagd- und Sammeltrieb der Menschen zu neuem Leben erweckt.

Wird über die Digitalisierung und ihre Auswirkungen diskutiert, ist doch häufig davon die Rede, dass die Menschen nur noch vor dem Computer oder Smartphone hocken und nicht mehr nach draussen gehen. Pokémon Go bewirkt aber genau das Gegenteil.

Es raschelt und Enton taucht auf

Ich gehe der Aare entlang. Eine reale Ente oder ein Schwan ist an diesem schönen Sommertag nicht in Sicht, dafür raschelt es plötzlich auf meinem Smartephone und ein entenartiges Wesen erscheint. Es ist ein Pokémon namens Enton.

Ein Pokémon namens Enton taucht plötzlich auf.
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Velofahrer und Pokémon-Jäger kommen sich früher oder später in die Quere.
Aare in Aarau

Ein Pokémon namens Enton taucht plötzlich auf.

Zur Verfügung gestellt

Jetzt gilt es das Pokémon mithilfe von sogenannten Poké-Bällen einzusammeln. Das erweist sich schwieriger als gedacht, muss man die Bälle durchaus mit Geschick auf das Pokémon abfeuern. Nach ein paar Versuchen und ein wenig Anfängerglück ist Enton im Ball gefangen. Ob das artgerechte Tierhaltung ist?

Ich gehe weiter und merke, dass die Tierchen auch in der virtuellen Welt den warmen Sommertag am kühlen Fluss verbringen. Erneut halte ich an, zum Ärger der vorbeifahrenden Velofahrer, die wegen meiner abrupten Stops ständig um mich herumkurven müssen. Immerhin konnte ich einige Pokémons fangen und gewinne an Selbstvertrauen.

Da meine Treffsicherheit allerdings zu wünschen übrig lässt, gehen mir langsam die Poké-Bälle aus. Es wird also Zeit Richtung Altstadt zu gehen, denn bei Sehenswürdigkeiten und belebten Plätzen sollen sich besonders viele Poké-Stops befinden. An diesen Auffüllstationen können sich die Jäger mit neuen Jagdutensilien versorgen. Ich rüste mich bei der Stadtkirche in Aarau für das Abenteuer in der Altstadt.

Nicht reif für die Arena

Dort stosse ich zum ersten Mal auf andere Mitspieler. In kleinen Grüppchen blicken sie kichernd auf ihr Smartphone und lassen in sogenannten Poké-Arenen ihre trainierten Pokémons gegeneinander antreten. Davon bin ich noch weit entfernt. Meine Pokémons und ich sind untraniert und nicht reif für die Poké-Arena. Meine Unwissenheit über das Spiel zeigt sich, als mir die Frage aufkommt, ob ich meine Pokémons überhaupt füttern muss? Ich weiss es nicht. Ich weiss aber, dass die App meinen Akku zum Fressen gerne hat – schon die Hälfte ist weg und anders als die eingefleischten Poké-Jäger habe ich keinen Zusatzakku dabei.

In der Aarauer Altstadt wimmelt es nur so von Pokémons. Ohne gross Sucharbeit zu leisten, wächst meine Sammlung. Zu Pokémon-Stosszeiten muss ich mich nicht einmal fortbewegen, schon taucht wieder ein Tierchen auf. Gerade sitze ich auf einer Bank beim Graben, da steht plötzlich ein Flatterwesen namens Taubsi vor meinen Füssen. Reflexartig werfe ich einen Ball und Taubsi ist weg.

Als ich den Blick vom Smartphone auf meine Füsse richtete, muss ich schmunzeln: Plötzlich tauchen «echte» Tauben vor mir auf und ich ertappe mich dabei, wie ich sie mit einem virtuellen Ball einfangen will. Das Poké-Fieber hat mich – für einen Moment – erfasst.

Pokémon Krabby hielt sich bei der Aarauer Stadtkirche auf.
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Halb Schwein, halb Seestern: Pokémon Piepi beim Graben in Aarau
Direkt vor meinen Füssen steht ein Wesen namens Paras.
Das Pokémon Habitak hält sich beim Graben in Aarau auf
Die blauen Quadrate signalisieren, wo sich ein sogenannter Pokéstop befindet.

Pokémon Krabby hielt sich bei der Aarauer Stadtkirche auf.

Zur Verfügung gestellt

Täglich ziehen die digitalen Fabelwesen auch in Aarau mehr Gamer in den Bann. Sie machen nicht mal vor Institutionen wie dem Kantonsspital Aarau Halt. Unter dem Titel «Pokémons im Kantonsspital Aarau gesichtet» hat das Spital sogar eine Medienmitteilung publiziert. «Trotz der Freude, dass der wunderschöne Park durch die Poké-Jäger zu neuen Ehren kommt, beobachten wir die Lage genau.» Die reale Umgebung, so der Wunsch des KSA, soll nicht durch ein virtuelles Spiel beeinträchtigt oder gar gefährdet werden.

15 Pokémons auf 6 Kilometer

Da mein Akku langsam zur Neige geht, beende ich den Selbstversuch. Das Ergebnis lässt sich sehen: In rund zwei Stunden habe ich 15 Pokémons gesammelt, sechs Kilometer zurückgelegt und mir eine Blase am linken Fuss zugezogen.

Auch wenn ich wohl kaum zur Pokémon-Liebhaberin mutieren werde, hat das Spiel durchaus seinen Reiz. Auf spielerische Weise konnte ich Aarau entdecken und vielleicht Orte sehen, die mir ansonsten verborgen geblieben wären. Vergessen sollte man dabei einfach nicht, achtsam zu bleiben und gutes Schuhwerk anzuziehen. Und: Dass es nur ein Spiel ist und nicht die wirkliche Welt, auch wenn "Pokémon Go" ihr bemerkenswert nahe kommt.

Pokémon-Tipps für Aarau hier.