Martina (Name geändert) lebt in der Telli in Aarau. Oft geht sie am frühen Morgen an der Aare spazieren. Allein, ohne Handy – die Frau Mitte Zwanzig schätzt die Momente der Stille. Auch vergangenen Sonntag. Vor sieben Uhr geht sie los, der Aare entlang Richtung Rohr. «Beim Joggen habe ich immer den Pfefferspray dabei», sagt sie, «aber mir wäre gar nicht in den Sinn gekommen, dass beim Spazieren etwas passieren könnte.»

Martina quert die Brücke bei der Suhre-Mündung, biegt nach links ab, Richtung Wald. «Ich war noch nicht mal beim Wäldchen, als ich plötzlich schnelle Schritte hinter mir hörte - dann schlug mir jemand auf den Hinterkopf. Ich weiss nicht, ob er nur die Faust benutzt hat oder eine Waffe. Es hat sich jedenfalls sehr hart angefühlt.»

Martina trägt eine Mütze, die Haare sind hochgebunden. Der Schlag schmerzt, ohnmächtig wird sie aber nicht. Der Angreifer packt sie, reisst sie zu Boden. «Ich wehrte mich mit aller Kraft, schlug mit den Fäusten, trat nach ihm. Er stand hinter mir. Ich kann mich erinnern, dass ich die Beine über meinen Kopf zu ziehen versuchte, um ihm ins Gesicht zu treten.» Das Gesicht selber sieht Martina aber nicht, wie sie sagt.

Was der Angreifer von ihr will, ist der jungen Frau bis heute nicht klar. «Ich hatte ja keine Tasche dabei und keine sichtbaren Wertsachen. Mein erster Gedanke war natürlich, dass er mich vergewaltigen will. Aber er hat mich nicht an den entsprechenden Stellen angefasst – oder anfassen können.»

Der Angriff dauert nicht lange. Martinas vehemente Gegenwehr und ihr Schreien scheinen dem Täter nicht zu passen. «Er rannte davon – so schnell, als hätte er vor etwas Angst. Ich weiss noch dass ich da sass, ihm nachschaute und dachte ‹Warum rennst du jetzt so schnell, denkst du etwa, ich laufe dir nach?›». Der Angreifer flieht Richtung Rohr, zuerst auf dem Weg der Suhre entlang, dann verschwindet er nach links durch die Unterführung unter der Staffeleggstrasse. Laut Martina war er schwarz gekleidet und trug eine rote Kapuze. «Er war eher klein und nicht besonders kräftig», beschreibt die Studentin. «Es klingt komisch, aber ich hatte das Gefühl, als sei er sehr unsicher. Vielleicht hat er das zum ersten Mal gemacht.»

Nach dem Vorfall steht Martina auf, geht nach Hause. Sie denkt daran, zur Polizei zu gehen, schiebt den Gedanken aber zur Seite. Warum? Martina zögert ein wenig mit der Antwort. «Vor etwa zwei Jahren wurde ich am hellichten Tag im Scheibenschachen beim Joggen von einem Mann verfolgt und angegrabscht. Damals ging ich sofort zur Polizei – die konnte aber nichts machen. Ich nahm an, das sei dieses Mal wohl auch so.» Zudem habe sie am Sonntagmorgen in den Gottesdienst gehen wollen, danach war sie verabredet. «Ich dachte, die Ablenkung tue mir gut – und das war auch so.»

Am nächsten Morgen ruft sie ihre Mutter an. Diese mahnt ihre Tochter, jetzt sofort zur Polizei zu gehen. Mit einem Zeugnis ihres Hausarztes, das Martina eine Beule am Kopf und Stauchungen an der Wirbelsäule bescheinigt, geht sie zur Polizei. «Die Beamten haben mich wirklich ernst genommen und sich um mich gekümmert», beteuert die junge Frau.

Dass in der Öffentlichkeit nichts über den Vorfall bekannt wurde, hat Martinas Eltern irritiert. Per Mail meldet sich der besorgte Vater bei der az. Martina selber berichtet offen von ihrem Erlebnis. «Das es Menschen gibt, die so etwas tun müssen, macht mich traurig. Diesem Täter müsste doch auch irgendwie geholfen werden.» Zudem sei es ihr ein Anliegen, «dass Anwohner Bescheid wissen und die benötigten Sicherheitsvorkehrungen treffen können».

Barbara Breitschmid, Mediensprecherin der Kantonspolizei Aargau, bestätigt, dass Martina den Vorfall am Montag gemeldet hat. Die Kapo wäge bei Zeugenaufrufen ab, ob diese wirklich erfolgversprechend sind – oder ob damit in erster Linie Ängste in der Bevölkerung geschürt werden.

«Weil die Frau nur eine sehr vage Täterbeschreibung abgeben konnte und offenbar auch niemand sonst unterwegs war, der Zeuge hätte werden könnten, haben wir auf einen Zeugenaufruf verzichtet», sagt Breitschmid.

Man prüfe aber, ob es ähnliche Fälle gegeben habe, die demselben Täter zugeschrieben werden könnten. Generell sei es ratsam, wenn sich Opfer solcher Übergriffe nach der Tat unverzüglich bei der Polizei melden. «Wir rücken dann sofort mit einer Patrouille aus», sagt Breitschmid. «So besteht die Chance, den Täter noch in der Nähe aufgreifen zu können.»

Zeugen, denen am Sonntagmorgen, 28. Februar, ein dunkel gekleideter Mann mit roter Kapuze aufgefallen ist, werden gebeten, sich bei der Kantonspolizei Aargau zu melden: 062 836 55 55