Aarau

Platznot im Hallenbad: Einzel-Schwimmkurse aus dem Telli-Bad verbannt

Schwimmlektion des Schwimmclub Aarefisch im Hallenbad Telli. Die regulären Kinderkurse in Gruppen wie dieser bleiben bestehen.

Schwimmlektion des Schwimmclub Aarefisch im Hallenbad Telli. Die regulären Kinderkurse in Gruppen wie dieser bleiben bestehen.

Einzel-Schwimmkurse nahmen der Öffentlichkeit zu viel Platz weg. Deshalb mussten sie aus dem Bad verbannt werden. Dabei ist der Schwimmunterricht in der Schule ohnehin reduziert – wie fast überall in der Region Aarau.

Das Hallenbad Telli ist ein viel besuchter Ort und das Wasser buchstäblich knapp. Priorität haben im Hallenbad die Schulen. Der Öffentlichkeit bleiben unter der Woche zwei Stunden über Mittag und vier am Abend – mit Ausnahme mittwochs, wo auch der Nachmittag zur Verfügung steht.

Doch der Platz auf den Bahnen ist eingeschränkt durch die Schwimmkurse. Seit den Sommerferien dürfen deshalb keine Privat-Schwimmkurse mehr abgehalten werden. Der Vater zweier betroffenen Töchter im Kindergartenalter kann dies nicht nachvollziehen: «Es muss doch in unser aller Interesse sein, dass Kinder in Aarau frühest und bestmöglich Schwimmen lernen», findet er. Den Privatunterricht als Ergänzung zum Schulschwimmen zu untersagen, sei fahrlässig.

Verlust für Verhaltensauffällige

Doch Daniel Giger, Leiter der Sportanlage Telli, sagt: «Die privaten Schwimmkurse hatten in letzter Zeit stark zugenommen und den Platz der Öffentlichkeit immer weiter beschnitten.» «Mehrere» pro Woche habe es gegeben. Dabei handle es sich aber lediglich um jene Kurse, die für die Schwimmbahnen keine Miete bezahlten. Die offiziellen Schwimmkurse finden nach wie vor statt. Darunter Kinderschwimmkurse von vier verschiedenen Schwimmschulen.

Wer also ist betroffen? Laut Geraldine Escher vom Aarefisch sind es bei ihrer Schwimmschule Einzelkurse für 20 bis 30 Kinder pro Halbjahr. Es sind Kinder, welche die arbeitstätigen Eltern nicht in die normalen Kurse bringen könnten, verhaltensauffällige oder auch behinderte Kinder.

«Uns tut es leid für diese Kinder», sagt Escher, «die verhaltensauffälligen haben so praktisch keine Chance schwimmen zu lernen, denn die Eltern sind damit meist überfordert.»

Alle Kurse übervoll

Doch selbst wenn die Kinder an den regulären Schwimmkursen teilnehmen könnten: Zuerst müssen sie dort einen Platz ergattern. Nicht nur die Kurse des Aarefischs sondern auch jene von Schwimmlehrer Ladi Theiner sind regelmässig ausgebucht. «Es gibt zu wenig Platz im Hallenbad Telli», sagt Theiler. Er bietet jeden Abend unter der Woche einen Kurs mit sieben Teilnehmern an und sagt: «Ich bin immer überbucht.»

«Übervoll» meldet auch Johanne Ostrov-Ineichen von der Schwimmschule Sea Star. Die Nachfrage sei riesig, ihre Warteliste «kilometerlang». «Denn das Schwimmen ist zwar im Lehrplan, aber es gibt zu wenige Bäder», sagt sie.

Damit trifft die Schwimmlehrerin einen wunden Punkt in Aarau: Garantiert regelmässigen Schwimmunterricht bekommen die Stadtkinder nur in der 1. Klasse. 14 mal gehen die 1.-Klässler ins Hallenbad um das Minimalziel zu erreichen: sich über Wasser halten zu können. «Dieses Ziel erreichen wir nicht immer, wenn die Kinder privat nie schwimmen, aber mit den meisten schon», sagt Andreas Lüscher, Schulleiter in der Telli und zuständig für den Schwimmunterricht in Aarau.

In der 2. Klasse gibt es noch für fast alle Schwimmlektionen und in der gesamten Mittelstufe nur noch in einem Jahr jede zweite Woche. Zeitlich gehen jeweils zwei Lektionen drauf wegen der Hin- und Rückreise, im Wasser schwimmen die Kinder eine Lektion. In der Oberstufe gibts nur im Freibad vereinzelte Schwimmlektionen.

Nur im Nichtschwimmerbecken

Bei der momentanen Finanzlage der Stadt Aarau wäre es schwierig, überhaupt mehr Schwimmlektionen bewilligt zu bekommen. Aber das andere Problem ist wiederum der mangelnde Platz im Hallenbad Telli. Hinzu kommt: Die Primarschule kann nur im Nichtschwimmerbecken üben. «Für Fortgeschrittene ist das nicht geeignet», sagt Lüscher. Mit dem Goodwill der Kantonsschullehrer dürfen die Primarschüler manchmal doch eine Bahn im grossen Becken nutzen. Die Kanti hat in der Telli Vorrang: Schliesslich gehört das Bad dem Kanton. Bloss können von diesem Unterricht nicht alle Bevölkerungsschichten profitieren.

Das wäre aber nötig – nicht nur wegen der abgesagten Einzel-Schwimmkurse. Schwimmlehrerin Johanne Ostrov-Ineichen sagt, im Gegensatz zu früher gebe es heute immer mal wieder Teenager, die es verpasst hätten, schwimmen zu lernen. Besonders häufig betroffen sind Migranten.

Das wirkt sich bis in die Oberstufe aus. Sportlehrerin Catherine Flury von der Sek- und Realschule Aarau sagt: «Es gibt fast in jeder Klasse Nichtschwimmer. Ich muss jeweils deutlich fragen, wer schwimmen kann. Wir haben jedoch nicht die Kapazität, diesen Schülern das Schwimmen noch beizubringen.» Stattdessen müssen diese während dem Schwimmen ein separates Programm machen. «Allerdings sind auch Schweizer Schüler nach 200 Metern schwimmen oft am Anschlag», so Flury.

Ein regionales Problem

Dass sich die Schwimmfähigkeit der Kinder in der Schweiz allgemein verschlechtert hat, lässt sich nicht erhärten. Die Unterschiede bestehen vor allem lokal. Im Kanton Zürich beispielsweise wird Schwimmen stärker gefördert, die Anzahl Schwimmlektionen pro Jahr sind vorgegeben.

Im Aargau ist dies nicht der Fall: Als Minimalziel ist im Lehrplan der Aargauer Volksschule lediglich festgelegt, in freier Technik eine Strecke über 100 Meter schwimmen zu können, wenn die Möglichkeit für regelmässigen Schwimmunterricht nicht gegeben ist.

Das Gleiche in Seon und Entfelden

Voraussetzung für einen fundierten Schwimmunterricht ist das Hallenbad. Die meisten Gemeinden müssen sich aber auf Lektionen im Sommer im Freibad beschränken. Denn auch die anderen beiden Hallenbäder in der Region sind voll belegt.

In Seon sagt Betriebsleiter Roger Fuchs: «Wir könnten immer mehr Schwimmklubs nehmen, aber dafür ist der Platz zu knapp.» Auch von Schulgemeinden bekommt er immer wieder Anfragen: von Buttwil über Schongau bis Ammerswil und Lenzburg.

Doch auch für neue Schulen gibt es keinen Platz. Bereits jetzt lernt von Egliswil bis Meisterschwanden fast die ganze Schülerschaft des Seetals in Seon schwimmen.

Mehr Schwimmkurse kann auch das Hallenbad Entfelden nicht aufnehmen. «Überfüllt», sagt Claudia Hächler von der Administration. Anders als in Seon zeigen aber die umliegenden Gemeinden hier laut Hächler wenig Interesse, mit ihren Schülern schwimmen zu kommen. «Ich vermute, es liegt am Anfahrtsweg und den Kosten», sagt Hächler.

Diesen Gemeinden bleiben nur die drei bis vier warmen Sommermonate – abzüglich Ferienzeit – um den Schülern die Grundfertigkeiten beizubringen. Im Hallenbad Entfelden gibt es immerhin montags ein letztes Auffangbecken: Ein Kurs für jene Schüler aus der Region, die das Schwimmen noch nicht beherrschen.

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