1911 wurde das Zelglischulhaus anlässlich des Aarauer Maienzugs feierlich eingeweiht. Für den neobarocken Bau hat die Gemeinde Aarau 1908 einen Kredit von 1 Million Franken bewilligt. Seither hat sich die Einwohnerzahl verdoppelt, das reale Pro-Kopf-Einkommen etwa verfünffacht und die Preise sind mindestens um den Faktor zehn gestiegen. Gemessen am heutigen Wohlstand und zu den heutigen Preisen entspricht diese eine Million von damals also einem Kreditvolumen von rund 100 Millionen. Ob solch visionärem Pioniergeist kommt man leicht ins Staunen.

Die Zeiten haben sich geändert. Das zeigt die Leidensgeschichte des Fussballstadionprojekts. Was vor rund 20 Jahren als Vision entstand, ist in der Zwischenzeit zu einem Jammerspiel verkommen. Nach jahrelanger Planung ist es auch heute alles andere als sicher, dass der FCA in absehbarer Zeit vom Brügglifeld ins Torfeld Süd zügeln kann.

Der gesellschaftliche Wandel der letzten Jahrzehnte prägte auch die Politik und führte zu einer wachsenden und komplexeren Regulierungsdichte. Positiv gesehen erkennt man darin die Fähigkeit der Politik, auf die Bedürfnisse und Wünsche der Bevölkerung einzugehen. Es zeigt sich aber auch, dass diese Entwicklung nicht ohne negative Nebenwirkungen auskommt. Verbände und Gruppen erhalten eine Vielzahl von Möglichkeiten, ihre Interessen durchzusetzen. Das Wohl des Einzelnen wird so stark berücksichtigt wie noch nie. Man erhält den Eindruck, dass ein Anwohner, den das Geräusch des Rasenmähers auf dem Spielfeld stört, mehr Gehör erhält, als alle Stimmberechtigten zusammen, die dem Projekt vor Jahren ihren Segen gaben.

Letzte Woche wurde nun das Neubauprojekt für das Kantonsspital in Aarau vorgestellt. Mit einem Bauvolumen von rund 600 Mio. Franken soll es das grösste Vorhaben der Aargauer Geschichte werden. Noch vor der offiziellen Projektpräsentation wurde bereits eine Anfrage an den Stadtrat eingereicht, deren Verfasser sich unter anderem um Umsiedlungen von allfällig gefundenen, seltenen Fledermäusen im Spitalpark sorgt. Und nach der Pressekonferenz dominierten in den verschiedenen Online-Kommentaren umgehend die kritischen Stimmen, die Vieles besser zu wissen glauben – ähnlich wie auf den Zuschauerrängen an einem Fussballmatch.

Ein Projekt dieser Grössenordnung muss selbstverständlich kritisch hinterfragt und auf Herz und Nieren geprüft werden. Der Laie muss sich dabei aufgrund der Komplexität auf die zuständigen Gremien und Fachleute verlassen können. Was aber gar nichts bringt, ist die schon zum normalen Ritual gewordene Empörung, das lautstarke Fordern irgendwelcher Partikularinteressen unter völliger Ausblendung des Gesamten und die voreingenommene Verurteilung einer Idee, nur weil sie aus der falschen Ecke kommt. Gefragt wären hingegen konstruktive Vorschläge für Alternativen, innovative Konzepte oder neuartige Wege, die zum gleichen Ziel führen – und keine Kritik auf Vorrat.

Die Stadt Aarau verfügt über ein beträchtliches Vermögen und die sich fast ausschliesslich in städtischem Besitz befindende Eniwa ebenso. Es ist sehr wohl geboten, mit diesen Geldern sorgfältig und umsichtig umzugehen. Das Vermögen künftigen Generationen weiterzugeben ist ein Weg, aktuellen politischen Kapriolen vorzubeugen und unseren Nachkommen Ressourcen zur Verfügung zu stellen, die sie nach ihren Wünschen und Bedürfnissen verwenden können. Man könnte aber auch, gleich wie es unsere Vorväter und -mütter mit der Bezirksschule getan haben, für künftige Generationen Voraussetzungen schaffen, die eine prosperierende Entwicklung unserer Stadt sicherstellen.

Die zentrale Lage würde es zum Beispiel erlauben, die Erneuerung der Sportanlagen Schachenhalle, Hallenbad und Leichtathletikstadion zusammen mit dem Bau des Fussballstadions zum Anlass zu nehmen, Aarau als Sportzentrum des Mittellandes für Breiten- und Spitzensport zu positionieren. Und das neue Oberstufenschulhaus könnte im Sinn eines Oberstufenzentrums zu einem Leuchtturm der Kreisschule werden.

Werden wir je wieder, so wie einst unsere Vorfahren, die Kraft finden, uns für einen grossen Wurf für die Zukunft zu einen?