Suhr
Pilotprojekt Quartierentwicklung: «Jeder, der mitdenkt, ist ein Gewinn»

Seit einem Jahr läuft das Pilotprojekt Quartierentwicklung. Leiterin Annemarie Humm zieht ein erstes Fazit.

Katja Schlegel
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Der Gemeinschaftsgarten ist so erfolgreich, dass Annemarie Humm ein neues Gartenprojekt angedacht hat.

Der Gemeinschaftsgarten ist so erfolgreich, dass Annemarie Humm ein neues Gartenprojekt angedacht hat.

Severin Bigler

In Suhr hat Freiwilligenarbeit Tradition. Das spürt Annemarie Humm gut. Im Oktober 2016 hat sie ihre Stelle als Projektleiterin Quartierentwicklung angetreten. Ihr Fazit nach einem Jahr: «Ich habe sehr viel Echo auf angerissene Projekte oder Ideen erhalten, die innert kürzester Zeit eine grosse Eigendynamik entwickelt haben.»

Doch bei Echo ist es nicht geblieben, es gab auch Handfestes: Das Untergeschoss im Nachbarschaftshaus am Sonnmattweg ist komplett eingerichtet, mit Stühlen, Sofa, Bar und grosser Tafel, mit Kinderspielsachen, Geschirr – und Weihnachtsservietten, mitten im goldenen Herbst. Annemarie Humm lacht, und zuckt mit den Schultern. «Wir haben hier alles geschenkt bekommen, das ist grossartig. Und es zeigt das Interesse in der Bevölkerung für eine soziale Quartierentwicklung.»

Kein fixfertiges Programm

Gestartet hat Annemarie Humm vor einem Jahr mit nicht viel mehr als einem Auftrag, einem dicken Packen Papier, in dem Ziele und Erwartungen definiert waren. Heute gibt es zwei Nachbarschaftshäuser und einen Gemeinschaftsgarten, es gibt einen Kalender voller Veranstaltungen und regelmässigen Treffen, es gibt Ferienprogramme und ein Repair-Café, es gibt ein Kindersingen, einen Mittwochnachmittagstreff und einen Barbetrieb am Freitagabend. Alles unterstützt von Annemarie Humm, ihrem Team und der Hochschule für Soziale Arbeit der Fachhochschule Nordwestschweiz. Entwickelt und umgesetzt aber haben es die Suhrerinnen und Suhrer. Ein fixfertiges Unterhaltungsprogramm wird nicht angeboten. «Wir bringen Ideen ein und schauen, was die Bevölkerung braucht, was sie annimmt und was machbar ist», sagt Humm.

Zweites Jahr: Jetzt kommt Suhr Süd an die Reihe

Das erste Jahr der Quartierentwicklung stand im Zeichen der «Gemeinwohlorientierten Zwischennutzung». Inzwischen ist klar, dass das Nachbarschaftshaus am Sonnmattweg 4 (ehem. katholisches Pfarrhaus) nicht wie einst angenommen im Frühling wieder geräumt werden muss, sondern noch bis Herbst 2018 genutzt werden kann.

Ebenfalls bis Frühling 2018 nutzen kann die Quartierentwicklung das
Chalet am Schützenweg 3, das dann dem Kindergarten-Neubau Platz machen muss.
Das zweite Jahr steht nun unter dem Motto «Suhr Süd an die Gemeinde sozial besser
anschliessen».

Annemarie Humm: «Wir wollen erreichen, dass die Suhrer andere Quartiere entdecken, und sich generell gerne im öffentlichen Raum aufhalten.» Den ersten Halt macht die Quartierentwicklung im Quartier Buhalde. Hier findet am 8. November ab 17 Uhr, am Roggenweg 1, eine Infoveranstaltung statt, wo Humm und ihr Team ihre Projekte vorstellen. (ksc)

In den letzten zwölf Monaten ist das Angebot auf reges Interesse gestossen. «Beim Repair-Café beispielsweise kamen beim zweiten Mal noch viel mehr Leute als beim ersten Mal», sagt Humm. Auch das Kinderprogramm während der Sommerferien sei viel besser besucht gewesen als erwartet.

Das Interesse am Gemeinschaftsgarten in der Ecke Tramstrasse/Suhre ist gar so gross, dass längst nicht alle mitmachen können. Um der Nachfrage gerecht zu werden, möchte Annemarie Humm die Idee aus der Stadt Zürich übernehmen, wo Hobbygärtner bei Bauern mitarbeiten und im Gegenzug frisches Gemüse und Obst bekommen. Eine entsprechende Infoveranstaltung findet im November statt. Und noch eine Idee aus dem Gemeinschaftsgarten ist gesprossen: Weil im Garten fünf verschiedene Sprachen gesprochen werden, wurde kurzerhand ein «Sprachen-Tandem» organisiert, wo beispielsweise Spanisch- oder Italienischkenntnisse aufgefrischt werden können. Das Garten-Projekt zeige gut, wie die Quartierentwicklung funktioniere, sagt Humm: «Aus einem Projekt entwickelt sich Neues, wächst ein neues Ästchen.»

Zahlt sich das Projekt aus?

Das Pilotprojekt Quartierentwicklung ist auf vier Jahre angesetzt, dafür haben die Suhrer 750 000 Franken gesprochen. Eine grosse Investition, aber eine, die sich doppelt und dreifach lohnen soll. Insbesondere, weil Suhr aktuell so wächst. «Den Wert der Quartierarbeit in Franken aufzuzeigen, ist nicht möglich», sagt Humm. «Aber jeder Suhrer, der sich aktiv an der Gemeinschaft beteiligt, der mitdenkt, sich engagiert, ist ein Gewinn für die Gemeinde – egal ob Alteingesessener oder Neuzuzüger.»

Ein Gemeinschaftsgefühl sei unbezahlbar, trage viel zu psychischer Gesundheit bei, beuge Vereinsamung vor. «Wer sich engagiert, sitzt nicht allein zu Hause, hat Freunde und weiss, wohin er sich in schwierigen Momenten wenden kann. Und er macht anderen Mut, es ihm gleich zu tun.» Mann müsse es einfach probieren, sagt die studierte Sozialarbeiterin. So, wie die frühpensionierte Frau aus dem Frohdörfli, die vom Nachbarschaftshaus gelesen hatte, und sich schliesslich bei Annemarie Humm meldete. «Heute führt sie den Treffpunkt Eden am Mittwochnachmittag, backt wunderbare Kuchen und blüht richtig auf.»