Suhr
Pfupfer ist 46, verheiratet, zweifacher Vater – und auf Lebzeiten ein Töfflibueb

Chris Faltin alias Pfupfer ist 46 Jahre alt und der «Töfflibueb Suhr». Acht Töfflis gehören ihm heute. Mit Tempo 30, Cervelat und Fuchsschwanz hottert er durch die Schweiz, zum Beispiel 14 Stunden lang ins Tessin.

Katja Schlegel
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Das Töffli ist älter als der Fahrer: Pfupfer mit seinem Monark.

Das Töffli ist älter als der Fahrer: Pfupfer mit seinem Monark.

Emanuel Freudiger

Wenn Pfupfer auf grosse Fahrt geht, dann dauert das. Mit 30 Stundenkilometern geht es entlang der Velowege in die Ferne, im Gepäck Schlafsack und Cervelat, im Anhänger Brennholz. 14 Stunden braucht er beispielsweise bis ins Tessin, eine halbe Ewigkeit.

Aber genau darum geht es. Höckeln und durch die Landschaft röcheln, die Gedanken schweifen lassen. Da tut auch nach Stunden der Hintern nicht weh. «Mit dem ersten Mal Gasgeben bin ich in einer anderen Welt und vergesse alles um mich herum. Da spüre ich keinen Schmerz», sagt Pfupfer.

Pfupfer ist ein Töfflibueb, der «Töfflibueb Suhr». 46 Jahre alt, verheiratet, zweifacher Vater. Ein Angefressener mit Kuhhörnern am Helm und Jeans-Gilett, Fuchsschwanz am Lenker und Kindersitz auf dem Gepäckträger.

Ohne Pfupfer, mit bürgerlichem Namen Chris Faltin, tagsüber Projektleiter bei einer Firma für Decken- und Wandelemente, macht vieles für die Schweizer Töffli-Szene.

Er ist der Drahtzieher, der Vermittler, der Organisator mit Kontakten zu Töfflibuben überall auf der Welt, ist zurzeit der einzige Schweizer, der ein Kobra-Supporter-T-Shirt tragen darf, das Markenzeichen der deutschen Mofagang schlechthin.

Wer etwas über die Schweizer Töffli-Szene wissen will, kommt um die Seite www.toefflibueb-suhr.ch nicht herum. Und Schuld an alledem ist sein Grossvater, der Virus ist vererbt.

Mit Dauerwelle und AC/DC-Gilett

1961 kamen die ersten Töffli in die Schweiz. Grossvater kaufte sich eines, ohne je einen Ausweis gemacht zu haben und wurde so einmal erwischt. Nach langer Diskussion mit der Polizei bekam er den Ausweis geschenkt.

In den Siebzigerjahren hotterten Grossvater und Enkel in den Schrebergarten um Gemüse zu holen. Grossvater auf dem Sattel, Pfupfer im Anhänger. Schon da, mit zehn Jahren, stand für Pfupfer fest: «Wenn ich gross bin, will ich auch.»

Mit 14 durfte er, heizte mit seinem Puch Veluxe durch Höngg, die dauergewellten Haare im Wind, auf dem Rücken das AC/DC-Emblem und auf dem Gepäckträger ein jauchzendes Meitli. «Das war ein erstes Gefühl von Freiheit, das erste Abenteuer ohne Aufpasser, nur ich und mein Töffli.»

Trieben es die Hormone wild und sollte der Abend kein Ende nehmen, rief er von der Telefonkabine aus zu Hause an, erzählte was von einer Panne und schmierte sich Stunden später vor der Haustür an der Kette die Finger voll, damit es echt aussah.

Wie 14 fühlt er sich auch heute noch, wenn er auf eines seiner acht Töffli steigt. Jedes von ihnen hat eine spezielle Bedeutung: Da ist beispielsweise das Erbstück von seinem Grossvater, dem er mit 96 Jahren das Töffli wegnehmen musste, weil er zu wackelig unterwegs war. Oder ein Rabenschwarzes, das er für 30 Franken gekauft und aufgemotzt hat. Heute nennt er es «Bergkiller».

Und dann ist da noch ein Monark, ein schwedisches Modell mit Jahrgang 1962. «Manchmal schaue ich es an und überlege mir, was es schon alles erlebt hat, von wo es kommt, wo es schon überall war.»

Ist er ein Spinner? «Ja, durchaus», sagt er. Seine Frau Jessica, die neben ihm auf der Bank sitzt, atmet tief ein. Es habe gedauert, bis sie sich an die Töffli gewöhnt habe. «Aber heute gehts.»

Selbst Rocker werden rührselig

In den letzten Jahren hat das Töffli einen Aufschwung erlebt. Die Töfflibuben von einst haben die verstaubten Hödis aus der Garage geholt, Gangs schiessen wie Pilze aus dem Boden. 14 solcher Gangs gibt es heute.

Pfupfer ist an diesem Revival nicht ganz unbeteiligt und muss deswegen auch Kritik einstecken, denn die Preise für Töffli und Original-Ersatzteile sind enorm gestiegen. «Das passt natürlich keinem, mir auch nicht», sagt er.

Um dem entgegenzuwirken, hilft Pfupfer Ersatzteile mitzuentwickeln. Oder es wird improvisiert: Da wird schon mal eine Duschvorhangstange an einen Auspuff geschweisst.

Pfupfer und seine Töffli geniessen viel Aufmerksamkeit, nicht nur wegen des knallroten Militärhelms. Und die Leute zeigen ihm nicht etwa den Finger, weil er mit seinem Hödi die Passstrasse blockiert, im Gegenteil. «Ältere Leute klatschen, Autofahrer hupen, andere wollen ein Foto machen», sagt er und lacht.

Selbst grobschlächtige Rocker mit Harleys und Tätowierungen werden beim Anblick der Töffli ganz zahm und rührselig. Warum? Pfupfer grinst. Das sei ganz einfach: «Wir schenken den älteren Generationen Erinnerungen an ihre eigene Jugend.»

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